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Die Reportage / Archiv | Beitrag vom 03.09.2017

Wahlkampf in der fränkischen Provinz Out of Holzhausen

Von Heiner Kiesel

Besucher der Landwirtschaftsmesse im fränkischen Holzhausen. (H. Kiesel)
Besucher der Landwirtschaftsmesse im fränkischen Holzhausen. (H. Kiesel)

Wie wirbt man um Wähler in einem Umfeld, dass den Wandel nicht will? Was motiviert einen zu diesem aussichtslosen Kampf um Stimmen? Unterwegs in der fränkischen Provinz.

Manuela Rottmann tritt aus dem Schatten und läuft auf den roten Fiat Cinquecento zu, der am Rand des gepflasterten Marktplatzes des unterfränkischen Städtchens Hassfurt eingeparkt hat. Er gehört einem Parteifreund der Grünen-Politikerin - Peter Werner. Einer von hier. Die 45-Jährige tritt im Bundestagswahlkreis 248 an. Der erstreckt sich über drei fränkische Landkreise - von der Rhön bis runter zum Main. Ländlich-strukturschwach. Keine einfache Gegend für die Grüne, wegen der politischen Traditionen hier.

Manuela Rottmann mit einem Stapel Flyer. ( H. Kiesel)Manuela Rottmann mit einem Stapel Flyer. ( H. Kiesel)

Rottmann selbst ist eine erfahrene Kommunalpolitikerin, aber hier kennt man sie noch nicht. Das soll sich ändern bis zum Wahltag. Zwei Frauen steuern ihre Kinderwagen den Marktplatz hoch. Rottmann geht auf Abfangkurs. Die Mütter versuchen es mit dem Ichsehdichnichtdannsiehstdumichauchnicht-Manöver. Rottmann bleibt dran. Der Flyer ist nicht ihr einziges Werbemittel. In einem Kuvert hat sie Anstecker. Spitzenfrau steht drauf.

"Dann wollte ich ihnen noch einen Flyer geben und wollte sie fragen, Haben Sie einen Mann oder eine Frau zu Hause? Eine Frau, dann gebe ich Ihnen noch einen Orden mit, den müssen Sie ihr aber selbst verleihen. Schönen Nachmittag noch. Tschüss."

Wahlkreis-Spitzenkandidatin Rottmann lächelt ihnen nach. Dann streckt sie den Flyer einem gedrungenen älteren Herrn in schwarzer Hose und Polohemd entgegen. Ihr Ausdruck wird wieder ernster.

Die Grünen gewinnen in manchen Dörfern nur vier Prozent

Rottmann weiß worauf sie sich eingelassen hat, als sie Direktkandidatin in dem fränkischen Wahlkreis geworden ist. Sie hat ihre Jugend hier verbracht. Die Leute sind konservativ, die Ergebnisse der Grünen liegen fast immer deutlich unter dem Bundesdurchschnitt. Es gibt Dörfer, da machen nicht mal vier Prozent ihr Kreuz bei Rottmanns Partei. Sie war lange fort, aber jetzt ist sie zurück und hat eine Vision für die Region mitgebracht.

Manuela Rottmann hat es nicht leicht, bei ihrem Werben um die Franken, das wird schnell deutlich. Wie sollte sie auch! So richtig Lust auf Wechsel, gar eine Revolution - das gab es hier im ländlichen Franken nicht mal zu Zeiten der Münchner Räterepublik vor 100 Jahren. Wozu auch, man fühlt sich in besten Händen.

Die CSU-Kandidatin: 54 Prozent und alle Trümpfe in der Hand

Die CSU-Bundestagsabgeordnete Anja Weisgerber besucht eine Landwirtschaftsmesse in ihrem Wahlkreis. Schweinfurt. Der Ort heißt Holzhausen. Um sie herum stehen wuchtige Schlepper - Traktoren von Steyr und Case, Mähwerke von Krone. Dazwischen Landwirte mit prüfenden Blicken und praktischer Freizeitkleidung in braun, grün und beige. Die schlanke Politikerin fällt auf, wie sie vor dem Eingang zur Festhalle steht und wartet. Ein blütenweißes Kleid, passende Pumps, dazu eine grellrosa Jacke mit aufgestelltem Kragen. Ein strahlendes Lachen. Weisgerber hatte das letzte Mal 54 Prozent und auch jetzt alle Trümpfe in der Hand.

Gerda Hasselfeldt besucht die Landwirtschaftsmesse in Holzhausen. (H. Kiesel)Gerda Hasselfeldt besucht die Landwirtschaftsmesse in Holzhausen. (H. Kiesel)

"Und was natürlich nicht zuletzt auch ganz wichtig ist, wir haben eine gute wirtschaftliche Entwicklung, gute Wirtschaftskraft. Die Arbeitslosigkeit ist sehr niedrig, wir haben nahezu Vollbeschäftigung, die Jugendarbeitslosigkeit ist praktisch ausgelöscht."

Seit 1949 geht das Direktmandat an die CSU. Rundum gibt es Gemeinden, da stimmen 60–70 Prozent für die Partei. Die Landwirtschaftsmesse in Holzhausen ist auch ein wichtiger Termin, damit sich Wähler und CSU gegenseitig vergewissern können, dass alles so bleibt wie es ist und natürlich auch die Inhalte stimmen. Deshalb kommen auch alle regionalen Parteigranden.

"Und ich freue mich, dass wir auch einen politischen Teil auch bieten können und meine Chefin, die Gerda Hasselfeldt heute hier ist."

Heimspiel auf der Landwirtschaftsmesse

Auf Hasselfeldt haben sie alle gewartet. Die CSU-Landesgruppenchefin im Bundestag ist der politische Top-Act. Ihre Haltung ist gerade, aber nicht verkrampft, der Blick interessiert aber nicht neugierig. Kennt sie ja alles, auf dem Land. Diese Botschaft ist ihr wichtig. Die Blaskapelle bekommt ein Zeichen. Der Bayerische Defiliermarsch - immer wenn die CSU kommt. Volles Haus, die Bierbänke sind alle besetzt. 40-Meter-Reihen. Bei den Grünen ist es schon toll, wenn das Nebenzimmer einer Wirtschaft gut gefüllt ist. Aber hier: Um die 1000 Gäste sitzen vor ihren Weißbiergläsern. Holzfällerschnitzel mit Kartoffelsalat, karierte Tischdecken, Pommesgeruch. Die Prominenz nimmt  vorne Platz, bei Ihnen ist Kaffee und Kuchen gedeckt. Die Reden beginnen.

"Die Landwirtschaft ist die Seele des ländlichen Raumes und wir tun gut daran, diese Seele immer wieder zu hegen und zu pflegen, denn das ist unser größter Schatz im ländlichen Raum."

Und immer wieder wichtig: Den Zuhörern zu vermitteln, dass man nicht irgendwie abgehoben und fern in Berlin über den Dingen schwebt, sondern selbst als Tochter eines Berufspolitikers und studierte Volkswirtin, nach 30 Jahren Bundestag, noch dazugehört.

"Dass ich auch im Stall mitgearbeitet habe, dass ich auch bei der Heuernte mitgemacht habe…"

Und damit ist sie Teil einer Welt, die sich für den urbanen Menschen vielleicht etwas bizarr ausmacht. Bodenerosion, Artensterben, Nitratwerte - kein Thema in dieser Halle.

Die grüne Bundestagskandidatin Manuela Rottmann schüttelt den Kopf. Sie ist noch am Anfang, noch nicht in der Stimmung für ein Eis. Der Packen Flyer in ihrer Hand ist immer noch ziemlich dick. Dass die Region sie braucht, steht so wörtlich in ihrem Flyer. Im Bundestag will sie sich für eine bessere Gesundheitsversorgung auf dem Land einsetzen und einen besseren öffentlichen Nahverkehr. Für Letzteres ein Bewusstsein zu schaffen ist ein dickes Brett bei den autovernarrten Franken.

Verhaltene Analyse bei der SPD

Auch die SPD kämpft gegen die konservative Grundstimmung in den meisten Teilen der Region. Sie macht das schon etliche Jahrzehnte länger. Ganz im Norden - hinter den Bergen ist schon Hessen - in Bischofsheim an der Rhön. Dort hat die SPD-Ortsgruppe ihren roten Sonnenschirm mit dem Parteilogo über einem Stehtisch aufgespannt. Plakate fordern "Zeit für Gerechtigkeit" und "Zeit für Martin".

SPD-Stand in Bischofsheim (H. Kiesel)SPD-Stand in Bischofsheim (H. Kiesel)

Es ist Markttag in dem viereinhalb-Tausend-Einwohner-Ort. Ringsum Stände mit Schürzen, Weidenkörben, Wurzelbürsten. Vom Bratwurststand weht aromatischer Rauch herüber. Mittagszeit. Von den paar Markt-Besuchern kommt erstmal keiner zu den Roten. Dabei hatte das Jahr hatte so gut angefangen, Schulz-Effekt, Umfragen, die durch die Decke gingen. Aber jetzt, nach den drei verlorenen Landtagswahlen im ersten Halbjahr und den wieder vor sich hin dümpelnden Umfrageergebnissen, fällt die Analyse verhalten aus.

Wie thematisiert man das SPD-Topthema "soziale Gerechtigkeit" in einer Gegend mit Fast-Vollbeschäftigung, günstigen Mieten und Eigenheimen? Den Zukunftsplan des Kanzlerkandidaten Schulz, der auf die Ballungsräume zielt? "Bundespolitik ist schwierig." Ideologische Debatten fruchten nicht. Es geht wohl nur über Lokalthemen. Wie die Umgehungsstraße, die eine frühere SPD-Bundestagsabgeordnete von hier durchgesetzt hat. Und über sympathische Köpfe.

Ideologische Grundsatzdebatten fruchten hier wenig. Das weiß auch Sabine Dittmar, die sozialdemokratische Spitzenfrau im Wahlkreis. Sie hat ohne große Diskussionen ihre Handvoll Kugelschreiber und Pflaster verteilt. Jetzt stellt sie sich wieder unter den Sonnenschirm. Freut sich über den Schatten.

"Es ist schon ein sehr schwarzer Flecken hier auf Erden!"

Wie 2013 wird sie auch diesmal über die Landesliste nach Berlin kommen. Direkt gewinnt hier seit Kriegsende nur die CSU. Und das deutlich! Die Alternative für Deutschland, Bezirksverband Unterfranken, hat in das kleine Städtchen Prichsenstadt im fränkischen Weinland eingeladen. Der Sportverein hat die Halle vermietet, sie wird von einem Dutzend Polizisten bewacht. Es gab Ärger. Jetzt stehen unten an der Kreuzung die Jusos mit dem Megafon. Die haben keine Zweifel über die wahre Natur der AfD hier.

Drinnen sind sechs Tischreihen mit Stühlen aufgestellt. Sie laufen sternförmig auf ein Rednerpult an der Längsseite zu. Dort steht Christian Klingen. Seine kompakte Figur steckt in einem dunkelblauen Anzug, das Hemd - ebenfalls blau - passt zu den Plakaten, die hinter ihm an der Wand hängen. "Mut zur Wahrheit" und "Volksentscheide" steht drauf. Er ist Anfang 50, Ex-Polizist, seine Haare schlohweiß.

Christian Klingen ist Schweinfurt-Kitzingens Kandidat der AfD (H. Kiesel)Christian Klingen ist Schweinfurt-Kitzingens Kandidat der AfD (H. Kiesel)

Klingen ist damals wegen der Eurorettung zur AfD gekommen. Mittlerweile glaubt er, dass Deutschland vor der Entfremdung geschützt werden muss. Deswegen lädt er gerne die eher umstrittenen Köpfe der Bewegung nach Franken. Björn Höcke zum Beispiel. Der Hauptredner heute, André Poggenburg, hat es auch in sich. Christian Klingen schaut sich um. Der Saal  ist ganz gut gefüllt. Vielleicht 400 sitzen da. Zeit, dass es losgeht. Die Rednerin nach Klingen warnt vor der Abschaffung des Bargelds, Monsanto-Gentechnik, den Eliten, Antirassismus-Maßnahmen. Dieser Partei geht es um das große Ganze. Um Ängste. Die Flüchtlinge, diese illegalen Sozialschmarotzer, so ein Redner mit Glatze und Tattoo auf dem breiten Nacken, kriegen alles nachgeschmissen.

"Sag's nach dem Motto. Willst du eine Sozialwohnung haben, musst du bald ein Kopftuch tragen."

Die Wortwahl der AfD erinnert an die 30er-Jahre

Der Bundespartei ist Poggenburg deutlich zu rechts. Hier ist er richtig. Der Landtagsabgeordnete aus Sachsen-Anhalt langweilt nicht mit Zahlen, sondern spricht von Vaterlandsliebe, warnt vor dem totalen Integrationsstaat. Die Wortwahl erinnert eher an die 30er Jahre, zackig militärisch... Sicher im Vortrag, vielleicht eine Idee zu nuschelig. Das bricht ein wenig die rechtsnationale Kante. Er wirkt geradezu sympathisch, so vom Äußeren her, der Anzug, die ruhige Gestik. Der einzige Profi im Saal.

Hier passiert jetzt nichts Wichtiges mehr. Poggenburg geht nach seiner Rede auf den Parkplatz raus. Atmet die frische, klare Luft. Schön hier, aber die AfD schneidet in Franken gewöhnlich schlechter ab, als im Bundesdurchschnitt - also nicht die derzeit erwarteten acht Prozent. Poggenburg lächelt dennoch: politisch sind die Franken für den strammen Rechten auf einem guten Weg.

"Das war sehr angenehm, das mache ich sehr gerne. Das hat mich sehr gefreut, das war auch sehr herzlich hier. Ein angenehmes patriotisches Klima."

Rottmann ist so ziemlich am Ende ihrer Tour. Die Schultern hängen etwas. Sie hat jede Menge Bürger angesprochen, aber dabei kaum direkt Themen beworben, für die die Grünen typischerweise stehen: Umwelt- und Klimaschutz, offene Gesellschaft. Grünes Sendungsbewusstsein schwingt trotzdem mit. Sie strafft sich.

"Ich glaube auch, dass wir die Welt hier retten."

Die grüne Kandidatin macht sich Sorgen

Manuela Rottmann macht sich Sorgen, dass die Bürger auch hier in Franken, auf die falsche Bahn kommen. Dass das Vertrauen ins System brüchig wird, wenn sich nichts ändert. 

"Und dass das auf dem Land zum Teil besonders stark ist, das sieht man an anderen europäischen Ländern. Der Brexit ist eigentlich auf dem Land entschieden worden. Man hat das auch bei der Trump-Entscheidung gesehen. Es gibt, politisch in dem Vertrauen in die Politik anderswo in Europa, eine starke Kluft zwischen der Peripherie und den Zentren."

Die Kandidatin schaut noch einmal die Straße rauf und runter. Sieht so aus, als ob hier bald die Bürgersteige hochgeklappt werden.

"Okay, haben wir noch welche?" "Haben wir noch welche, machen wir nächste Woche weiter?"

Manuela Rottmann nickt. Es wird weiter gehen. Nicht nur bis zum Wahltag.

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