Interview 28.09.2019

Wahl in ÖsterreichDie verspätete Schockwelle Michael Köhlmeier im Gespräch mit Ute Welty

Beitrag hören Die Ortsorganisationen der ÖVP Niederösterreich gehen im Wahlkampf zu den Nationalratswahlen 2019 neue Wege. Mit sogenannten Landschaftselementen, dem Anbringen von Wahlwerbung an ungewöhnlichen Stellen möchte man mehr Aufmerksamkeit bei den Wählern erzielen. Im Bild ein alter Traktoranhänger bei Velm (Marktgemeinde Himberg) in Niederösterreich mit einem Plakat für Sebastian Kurz. - (picturedesk.com/picture-alliance)Auch auf dem Land geht die österreichische Wahlwerbung neue Wege. (picturedesk.com/picture-alliance)

Der österreichische Schriftsteller Michael Köhlmeier ist vor den Wahlen in Österreich wild entschlossen, optimistisch zu bleiben. Er hofft darauf, dass der voraussichtliche Wahlsieger Sebastian Kurz nicht wieder mit der FPÖ koaliert.

Ute Welty: Der österreichische Autor Michael Köhlmeier ist wahrlich ein Mann des Wortes. Er schreibt so ziemlich alles, was sich aufschreiben lässt, Lyrik, Prosa, Hörspiele, Liedtexte, die Reihe lässt sich fortsetzen. Vor allem aber hat Michael Köhlmeier sich immer interessiert für die großen Sagen und Mythen, so hat er zum Beispiel die Nibelungen neu erzählt.

Wenig märchenhaft dürfte ihm allerdings vorkommen, was gerade in Österreich passiert, denn es sieht ganz danach aus, dass die konservative ÖVP und die rechtspopulistische FPÖ wieder eine gemeinsame Regierung bilden können. Im Mai war die Koalition ja zerbrochen, nachdem das sogenannte Ibiza-Video gekannt geworden war. Die heimlich gemachte Aufnahme legte nahe, der damalige FPÖ-Chef Strache sei bestechlich. Guten Morgen, Herr Köhlmeier!

Der österreichische Schriftsteller Michael Köhlmeier. (Erwin Elsner/dpa/Picture-alliance)Der österreichische Schriftsteller Michael Köhlmeier (Erwin Elsner/dpa/Picture-alliance)

Michael Köhlmeier: Guten Morgen!

Welty: Ist dieses Video und der daraus folgende Skandal an Österreich völlig spurlos vorbeigegangen?

Köhlmeier: Manchmal hat man den Eindruck, aber das ist natürlich nicht wahr. Im Gegenteil, am Anfang hat man geglaubt, weil der Schock so groß war, hat man diese Schockwelle erst viel später gespürt. Ich glaube, jetzt beginnt es, ist es dann wirklich tief eingesickert. Obwohl, wenn man die Wähler der Freiheitlichen Partei, der FPÖ, der Strache-Partei anschaut, dann hat man manchmal das Gefühl, die haben das nicht nur vergessen, sondern gar nicht wahrgenommen.

Von der Korruption erschüttert

Welty: Ich hatte vor allen Dingen auch den Eindruck, dass viele auch mit Strache sympathisiert haben, weil er in ihren Augen reingelegt worden ist.

Köhlmeier: Ja, das natürlich auch, weil man liebt die Denunziation, aber man liebt nicht den Denunzianten, wie es so heißt. Das schon – und dann war ein gewisser Mitleidseffekt da, weil man auch gesagt hat, er ist ja wie wir eigentlich. Er tritt auf, er hat eine rüde Art und Weise zu reden, er hat ein dreckiges T-Shirt an und so weiter.

Inzwischen allerdings sieht es anders aus. Was viele Leute mehr erschüttert hat als dieses Video, war, was in den letzten Wochen herausgekommen ist, wie eigentlich durch und durch korrupt dieser Mensch ist, wie er sich von allen möglichen Seiten der Partei und sei es auch vom Staat sich einen zusätzlichen Riesentopf von 10.000 Euro Spesen im Monat und dann noch die Miete dazu und alle seine Ausgaben, seine privaten, hat bezahlen lassen.

Also, ich glaube, an dieser Gier dieses Mannes … Das ist ja nicht nur bei diesem Mann zu sehen, sondern bei der ganzen Partei, die in ihrem Kern durch und durch korrupt ist, das ist meine Meinung, das hat viele Leute dann schon sehr erschüttert, mehr als das Video selber.

Demonstration vor dem Bundeskanzleramt in Wien| (chromorange/picture-alliance)Bei den Demonstrationen in Wien war der Korruptionsvorwurf ein wichtiges Thema. (chromorange/picture-alliance)

Welty: Entschuldigung, Herr Köhlmeier, aber für eine Regierungsbeteiligung wird es ja wahrscheinlich reichen.

Köhlmeier: Also, das möchte ich sehen. Ich weiß nicht, vielleicht hat der Herr Kurz nur, was ja oft einmal bei autokratisch regierenden Leuten der Fall ist, Berater um sich, die ihn nur bestätigen. Er hat es sich mit allen anderen verscherzt, aber wenn er das noch einmal macht mit denen, und wenn das wieder schiefgeht oder es muss vielleicht nicht einmal unbedingt nur schon schiefgehen, sondern noch mal mit dieser, man würde salopp sagen bei uns, noch mal mit dieser Bagage noch einmal das probiert … Das ist ein junger Mensch, der hat noch eine große Karriere vor sich, der wird sich schon überlegen müssen, ob er sich die nicht jetzt schon frühzeitig verdirbt.

Die Masche der Populisten

Welty: Sowohl ÖVP als auch FPÖ werben ja mit demselben Slogan, nämlich mit: Einer, der unsere Sprache spricht. Hätten Sie als Schriftsteller gewagt, sich so etwas auszudenken?

Köhlmeier: Der Slogan kommt ja zusätzlich noch von Jörg Haider, beide haben es dort ausgeborgt sich, sagen wir es mal so. Das ist halt die Art, wie halt Populisten überall agieren, das ist ja nicht nur bei uns in Österreich so. Die Sozialdemokraten, die sagen zu den Leuten, wir sind für Euch. Das hat man nicht so gern, wenn jemand Fürsorge ausübt. Und die Rechten, die sagen halt, wir sind mit Euch, wir sind im Prinzip wie Ihr, deshalb stört es Euch bitte nicht, wenn wir uns aufführen, wie ihr Euch aufführt, wenn ihr besoffen seid.

Welty: Die Rechten sagen auch, ihr könnt so bleiben, wie ihr seid, wir sorgen dann für das passende Land. Ist das so auch dieser Gedanke, ich muss mich nicht verändern?

Köhlmeier: Ja, natürlich, das ist verführerisch. Die Zeit verändert sich unglaublich, das merkt jeder, hat davor Angst – ich genauso. Die meisten Leute haben so davor Angst, was sich alles tut, weil man es eben nicht mehr durchschaut. Und dann kommt jemand und sagt, du, vergiss es! Ich bin da, gebt mir einfach Euer Vertrauen, ich richte es schon irgendwie – und zwar auf eine Art und Weise, wie ihr es auch richten würdet. Das heißt, es ist eh nicht so schlimm, man muss nur auf den Tisch hauen ordentlich.

Und noch etwas: Wir müssen alle Moral beiseitelassen. Über Jahre hinweg – und das sieht man natürlich nicht nur in Österreich, sondern auch in Deutschland – haben diese Richtungen die Moral denunziert, wo es nur gegangen ist. Angefangen von diesem bösen Begriff Gutmensch. Wenn jemand irgendetwas getan hat, was über seine persönlichen Interessen hinausgeht, etwas für das Allgemeine, das man als Moral bezeichnen kann, dann ist er deformiert, lächerlich, verspottet worden, alles Mögliche.

Ich merke es jetzt beim Philosophicum, wir diskutieren immer über diese Begriffe. Wenn im politischen Diskurs das Wort Moral irgendwie nur am Rande aufgetaucht ist, dann haben alle schon schief den Mund verzogen, haben gegrinst. Moral ist irgendwie ein Synonym dafür geworden, für du bist ein Weichei oder du bist ein Lügner. Es ist die Moral, diese Parteien würden ungefähr mit diesem Wort sagen, dieses Terrain, diese Bastion haben wir frei geschossen.

Welty: Philosophicum müssten wir kurz erklären, das ist ein Philosophenkongress, ich glaube, in Lech.

Köhlmeier: In Lech in Vorarlberg, genau.

Welty: Im Frühjahr haben Sie im österreichischen Parlament gesprochen, das war der Gedenkakt für die Opfer des Nationalsozialismus. Und Sie haben gewarnt vor den vielen kleinen Schritten in Richtung auf das große Böse. Welchen Schritt geht Österreich morgen?

Köhlmeier: Ich bin optimistisch, ich will jedenfalls optimistisch sein.

Welty: Wild entschlossen, optimistisch zu sein.

Köhlmeier: Wild entschlossen optimistisch bin ich. Das Tal, wenn man im tiefen Tal unten ist – und tiefer geht es, glaube ich, nicht mehr –, dann kann es nur noch aufwärts gehen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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