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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 29.06.2015

Währungspolitik der USA"Schatz, wir reisen nach Übersee"

Von Sabrina Fritz

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Euromünze auf Dollarscheinen (afp / Philippe Huguen)
Der US-Dollar hat in den vergangenen Monaten im Vergleich zum Euro an Wert gewonnen. (afp / Philippe Huguen)

Der US-Dollar ist so stark wie lange nicht mehr. Gegenüber dem Euro hat er seit Jahresbeginn 20 Prozent an Wert gewonnen. Das freut US-Amerikaner, die ihren Sommerurlaub in Europa verbringen - schwächt aber heimische Unternehmen.

Amerika ist im Reisefieber. Die schwere Finanz- und Wirtschaftskrise ist verdaut. Die Börse boomt und der starke Dollar macht Europa für Amerikaner zum Schnäppchenparadies.
Die "Washington Post" schreibt:

"Es wird nie mehr eine bessere Zeit geben nach Europa zu reisen als jetzt."
Und "CNN Money" titelt:

"Schatz, pack die Kinder, wir reisen nach Übersee."
Die Finanzexpertin des Senders rechnet vor:

"Es ist der günstigste Sommer um nach Paris zu fliegen, Flüge nach Übersee werden zehn Prozent mehr gesucht als im vergangenen Sommer. Hotelreservierungen nehmen zu in Spanien, Deutschland und Italien. Und wer nach Skandinavien will, die norwegische Krone hat zum Dollar 30 Prozent verloren, gute Reise!"

Die Kehrseite liegt auf der Hand. Für Europäer ist es derzeit ein teurer Spaß, nach Disneyworld oder Miami Beach zu reisen. Die US-Tourismusindustrie ist also doppelt belastet.

Kunden aus Europa bleiben zu Hause und die Amerikaner reisen nach Übersee. Wobei die Zahl der Touristen wohl nicht weniger wird, allerdings geben sie pro Kopf weniger Geld aus, meint Chris Heywood von der New Yorker Tourismusbehörde:

"Wir nennen das die Schuh-Theorie. Statt drei Paar Schuhe kaufen sie nur noch zwei, gehen nur noch zwei Mal schick essen oder zwei Mal in Broadwayshows."

Auch die Immobilienbranche stöhnt. Reiche Europäer, Russen oder Japaner überlegen sich derzeit zweimal ein Appartement in Miami oder New York für viele Millionen Dollar zu kaufen. 20 Prozent Preissteigerung durch den Anstieg des Dollar lassen auch hier mittlerweile die Kundschaft zurückschrecken.

Der härtere Dollar hinterlässt Spuren. Eigentlich sind die Amerikaner ja stolz darauf, starke Währung bedeutet starke Wirtschaft. Aber die Nachteile sind nicht mehr zu übersehen:

"Xerox, der Hersteller von Kopierern hat im ersten Quartal 20 Prozent weniger Gewinn gemacht und seine Erwartungen für den Rest des Jahres nach unten korrigiert."

"Harley Davidson hat vier Prozent weniger Motorräder in alle Welt verkauft."

"Facebook macht die Hälfte seines Umsatzes außerhalb Amerikas. Der starke Dollar hat 15 Prozent der Umsätze geschluckt."

"Procter und Gamble rechnet mit sechs Prozent weniger Umsatz bei Rasieren, Zahnpasta und Waschmittel."

Der Konsumgüterhersteller macht die Auswirkungen an einem einfachen Beispiel deutlich. Eine Packung Waschmittel wird in Deutschland für fünf Euro verkauft. Auf dem Konto in den USA werden dafür Fünf Dollar 40 gutgeschrieben, vor einem Jahr waren es noch 6 Dollar 80.

Doch manche Finanzexperten in den USA bewerten das Währungsargument als Ausrede:

"Als globales Unternehmen muss man heutzutage seine Finanzen so hedgen, dass einem die Währung nichts mehr ausmacht", meint der Währungsexperte Frank Schäffer.

"Hedgen" heißt absichern und ein Meister darin ist der deutsche Sportwagenhersteller Porsche. Gerade hat er seine neue US-Zentrale in Atlanta im Süden der USA eröffnet. Ein schickes Kundenzentrum mit Teststrecke, Oldtimerwerkstatt und Restaurant. Der Amerika-Chef von Porsche, Detlef von Platen, macht sich über den starken Dollar keine großen Gedanken:

"Wir habe eine langfristige Hedging Politik, und wir setzen weiterhin auf eine starke US-Wirtschaft."

Der starke US-Dollar ist ja eigentlich etwas Positives. An der Entwicklung ihrer Währung können die Amerikaner und der Rest der Welt ablesen, wie gesund ihre Wirtschaft ist.

Doch wie kam es, dass die USA überhaupt wieder so schnell zur globalen Wirtschaftslokomotive wurden? Der Geldpolitik kommt dabei eine entscheidende Rolle zu. Es ist noch nicht lange her, sieben Jahre um genau zu sein, als der neue US-Präsident Barack Obama in einen tiefen Abgrund blickte. Nach der Finanzkrise drohten Rezession und Depression.

Hundertausende von Amerikanern hatten ihr Haus verloren, weil sie die Hypotheken nicht mehr bezahlen konnten. Wie in einem Flüchtlingslager lebten die Menschen in Kalifornien in blauen Zeltdörfern.

Die Arbeitslosenquote schoss auf über zehn Prozent. Der Präsident der amerikanischen Notenbank war damals Ben Bernanke. Er hatte sich ausführlich mit der großen Depression in den 30er Jahren beschäftigt und den Fehlern, die Regierungen und Notenbanken damals gemacht haben. Das sollte sich nicht wiederholen und so gab er

"Geldpolitik muss in einer Krisensituation unterstützend sein, nicht restriktiv. Und die amerikanische Notenbank hat das sehr ernst genommen. Wir haben sehr aggressiv reagiert und die Zinsen auf nahezu null gesenkt. Wir versuchen nun konventionelle Methoden mit unkonventionellen zu verbinden um zusätzlichen Einfluss zu haben. Andere Länder folgen unserem Beispiel."

Bernankes Credo war, die Finanzmärkte dürfen nicht austrocknen, die Banken müssen weiterhin mit Liquidität versorgt werden damit sie Geld verleihen können. Also öffnete er die Geldschleusen.
Die Zinsen sanken gegen Null, die Notenbank druckte Geld und die US-Regierung rettete Banken, Autofirmen und Versicherungen mit Milliarden vor dem Bankrott. Bernanke beschreibt das Beispiel des Versicherungsriesen AIG.

"Wenn AIG pleite gegangen wäre, wäre das das Ende gewesen, dann hätten wir die Krise nicht mehr kontrollieren können. Die größte Versicherungsfirma der Welt war mit zu vielen Firmen in den USA und Europa verbunden - um AIG zu retten gaben wir eine Kredit über die gigantische Summe von 85 Milliarden Dollar."

AIG hat die Summe inzwischen wieder zurückgezahlt und ist zurück im Geschäft. General Motors und Chrysler durchlebten ein ähnliches Schicksal und sind heute erfolgreicher als vor der Krise. Die niedrigen Zinsen sorgten dafür, dass sich auch privat Leute schneller wieder einen neues Auto oder Haus leisten konnten, sobald sie aus dem Gröbsten heraus waren.

Doch niedrige Zinsen waren dem Notenbanker nicht genug. Gleichzeitig startete die Fed ein gigantisches Einkaufsprogramm. Am Ende kauften sie Banken, Versicherungskonzernen und dem Staat jeden Monat Wertpapiere in Höhe von 85 Milliarden Dollar ab und sorgte damit für einen nahezu unendlichen Geldfluss.

Das geldpolitische Rettungspaket hatte noch einen angenehmen Nebeneffekt. Durch das enorme Angebot an Dollar ging der Preis in die Knie. Am 30. Mai 2009, kostete ein Dollar 70 Euro Cent, 25 Prozent weniger als heute. Amerikanische Produkte wurden spottbillig. Die Talfahrt des Dollar hielt an und wurde zum Doping für die US-Wirtschaft.

Aber das größte Konjunkturprogramm war der Ölboom in den USA. Durch ein neues Verfahren, das sogenannte Fracking konnte in den Vereinigten Staaten plötzlich an vielen Stellen des Landes in großen Mengen Öl gefördert werden. Das schaffte Hundertausende neuer Jobs. In verschlafenen Nestern wie Williston in North Dakota brach der Ölrausch aus. Arbeiter schliefen in Containerdörfern, weil die Stadt gar nicht so schnell nachkam, Wohnungen zu bauen.

Der Ölboom hatte zwei positive Effekte, die Förderung sorgte für Jobs und das zusätzliche Angebot auf dem Markt sorgte für fallende Preise. Dank Öl "made in USA" wurde Benzin für die Amerikaner billiger als Wasser.

Das Geld, das sie beim Tanken sparten, konnten sie stattdessen beim Einkaufen ausgeben, die Wirtschaft jubelte. Doch für Lateinamerika, den Hinterhof der Vereinigten Staaten, war der Verfall der Ölpreise fatal. Länder wie Venezuela, die vom Öl lebten, stürzten in eine tiefe Krise. Der internationale Währungsfonds in Washington (IWF) äußerte sich entsprechend besorgt:

"Südamerika spürt den Preisverfall bei Rohstoffen, Metalle, Lebensmittel und jetzt Öl. Länder die Ölimportieren wie Mexiko profitieren von den niedrigen Preisen, aber insgesamt geht die Region durch einen schwierige Zeit," so der Lateinamerikaexperte des IWF.

"Die USA haben eine sehr starke und anpassungsfähige Wirtschaft"

Schaut man sich die Entwicklung des Dollar an, sieht man genau den Wendepunkt, ab dem es mit dem Dollar bergauf und dem Euro bergab ging. Es war der März 2014. Zuvor hatte der Chef der amerikanische Notenbank, Ben Bernanke, durchblicken lassen, dass die Fed ihr Anleiheprogramm zurückfahren wird.

Allein das laute Nachdenken hatte zu einem Erdbeben in den "emerging markets" geführt. Viele Anleger hatten ihr Geld in Ermangelung an Alternativen in Brasilien, Indien und Mexiko investiert. Jetzt zogen sie ihr Geld wieder ab, in der Hoffnung in den USA höhere Zinsen zu bekommen.
Brasilien, Mexico und Venezuela mussten plötzlich viel höhere Zinsen zahlen, wenn sie auf den Finanzmärkte Geld aufnehmen wollten, denn der großzügige Onkel Sam behielt sein Geld plötzlich lieber wieder für sich.

Die Politik der amerikanischen Notenbank hat die Finanzmärkte Lateinamerikas jedenfalls auf eine ständige Hoch- und Talfahrt geschickt. Für die Währungsexpertin des Wallstreet Journals keine gute Entwicklung:

"Wenn uns um Lateinamerika sorgen und das sollten wir, denn wir geben dort Entwicklungshilfe aus, sollten wir uns auch um Finanzstabilität in der Region bemühen."

Der starke Dollar trifft also die Welt ganz unterschiedlich und Europa gehört sicherlich zu den Gewinnern. Der schwache Euro ist derzeit ein süßes Gift für die europäischen Firmen, sagte der deutsche Entwicklungshilfeminister Müller bei seinem Besuch in Washington:

"Diese Schwankungen hatten wir ja zu Beginn des Euro , dieses ist so gewollt. Wir Deutschen profitieren, aber das ist ein süßes Gift."

Im Frühjahr reiste eine Delegation aus Hannover in die amerikanische Hauptstadt Washington. Mit dabei waren der Chef der Hannover Messe und der Wirtschaftsminister von Niedersachen, Olaf Lies. Er lobte die guten Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und den USA.

Wobei Deutschland die USA derzeit ein bisschen mehr braucht als umgekehrt. Die USA sind nach Holland, China und Frankreich der viertgrößte Exportmarkt für deutsche Autos und Maschinen.
Und während die Nachbarn in Europa immer noch unter der Wirtschaftskrise leiden, freut man sich bei Siemens, Mercedes und Co über die kaufkräftigen Freunde aus Übersee.

Zeitgleich haben die USA ihr Anleihekauf-Programm inzwischen auf Null zurückgefahren. Es gibt also derzeit eine regelrechte Gegenbewegung. Während Europa alles tut um den Euro schwach zu halten, gibt es wenig was dem Dollar einen Dämpfer versetzen könnte.

Währungsexperte Vernon macht sich jedenfalls keine allzu großen Sorgen um die US-Wirtschaft:

"Die USA haben eine sehr starke und anpassungsfähige Wirtschaft, die sehr erfolgreich ist in den neuen Technologien und so haben wir das Paradox, dass die Wirtschaftskrise von den USA ausgelöst wurde, aber die Vereinigten Staaten haben sie viel schneller überwunden. Wir sind also in einem Zyklus der sehr vielversprechend für die Amerikaner aussieht. Es gibt keinen Grund für einen Abschwung."

Es stimmt ja, dass fast alle Zukunftsbranchen von den Amerikanern dominiert werden. Apple, Google, Facebook, das selbstfahrende Auto –im Netz macht den Amerikaner niemand etwas vor. Und gleichzeitig sind sie mit 350 Millionen Einwohnern, ihre besten Kunden.

Die derzeit günstigen Preise in den USA freuen die amerikanischen Konsumenten ganz besonders. Doch in der Constitution Avenue in Washington sorgen sie für Kopfschmerzen. Dort sitzt die amerikanische Notenbank, kurz die Fed, und ihre Chefin Janet Yellen.

Janet Yellen ist die Präsidentin der amerikanischen Notenbank. (dpa / picture alliance / Jim Lo Scalzo)Janet Yellen ist die Präsidentin der amerikanischen Notenbank. (dpa / picture alliance / Jim Lo Scalzo)

Wie ein Jäger hat sie seit Monaten den Finger am Abzug und wartet auf den richtigen Moment die Zinsen zu erhöhen. Dabei sind zwei Zahlen ausschlaggebend. Der Arbeitsmarkt muss stabil sein und die Inflation muss um die zwei Prozent liegen. Doch davon ist man weit entfernt.

Fed-Chefin Yellen formuliert jedenfalls so vorsichtig wie ein Arzt, der einen Patienten nicht beunruhigen will:

"Wir entscheiden von Sitzung zu Sitzung."

Wie sind also die Aussichten für die US-Wirtschaft und ihre Währung?

Dazu noch einmal die Präsidentin der amerikanischen Notenbank Janet Yellen:

"Die USA sind gut positioniert für anhaltendes Wachstum. Haushalte profitieren von der Arbeitsmarktsituation, und das Vertrauen der Konsumenten ist stabil. Dazu tragen die niedrigen Energiepreise bei. Jeder Haushalt spart jedes Jahr 700 Dollar an Energiekosten ein. Dazu kommt, Kredite sind für Privatpersonen und Unternehmen niedrig."

Es sieht also alles danach aus, als ob der US-Lokomotive so schnell nicht die Luft ausgeht. Das bedeutet der Dollar wird weiter stark bleiben.

Für die US-Notenbank ist das inzwischen ein Fluch und kein Segen mehr. Im letzten Sitzungsprotokoll heißt es:

"Der Dollar hat seit Mitte vergangenen Jahres deutlich an Wert gewonnen und das wird eine Belastung für amerikanische Exporte und Wachstum darstellen. Der Grund sind die negativen Zinsen in manchen europäischen Ländern, die finanziellen Probleme Griechenlands und das nachlassende Wachstum in China."

Es scheint jedenfalls, als haben die USA die Nachteile des starken Dollar unterschätzt. Die Inlandsnachfrage kann die Schwächen im Export nicht auffangen. Doch noch ist das nur ein Thema in den Konferenzräumen der Wirtschaftswissenschaftler. Der Amerikaner auf der Straße freut sich über günstige Preise und will sich den Spaß - noch - nicht verderben lassen:

Mary und Cray feiern in Sommer ihren 20 Hochzeitstag und haben dafür eine Reise nach Salzburg gebucht:

"Sicher spielte der starke Dollar bei unserer Entscheidung auch eine Rolle", sagt Cary. "Wir waren auf unserer Hochzeitsreise schon einmal in Salzburg, damals konnten wir uns noch keine guten Hotels und Restaurants leisten, das werden wird jetzt nachholen."

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