Wachstum gibt’s nicht mehr

Kinder wird es künftig immer weniger geben. © AP
23.04.2007
Schon seit 2003 verschwindet in Deutschland jedes Jahr eine Stadt mit 200.000 Einwohnern – beispielsweise Erfurt, Kassel oder Hamm. Cordula Tutt beleuchtet einige Konsequenzen dieses "Umsturzes in Zeitlupe": Die Journalistin beschreibt unter anderem, wie Manager, Bürgermeister, Forscher und Bürger schon jetzt auf den Mangel an Arbeitskräften, Einwohnern, Läden, Ärzten oder Schulen reagieren.
Was der Begriff "demographische Revolution" bedeutet, wussten vor vier Jahren nur sieben Prozent der Bundesbürger. Inzwischen dürfte ihre Zahl dank marktschreierischer Warnungen vor dem "Aussterben der Deutschen", vor welchem noch ein "Methusalem-Komplott" drohe, deutlich gewachsen sein.

Dass in Deutschland zu wenige Kinder geboren werden und die Menschen zugleich länger leben, dürften die meisten wissen. Auch, dass das Land daher zugleich altert und schrumpft – von heute 82 Millionen auf 69 bis 74 Millionen Einwohner im Jahr 2050. Schon seit 2003 verschwindet jedes Jahr eine Stadt mit 200.000 Einwohnern – beispielsweise Erfurt, Kassel, Hagen, Lübeck, Hamm oder Magdeburg.

Dieser dramatische und kaum mehr zu umzukehrende Prozess wird alle Aspekte unseres Lebens verändern. Auf die sinkende Zahl aller Bürger und die steigende älterer sind wir schlecht vorbereitet. Wachstum ist das Gesetz des Kapitalismus und gilt auch außerhalb der Wirtschaft als Erfolg. Doch nun kommt "Das große Schrumpfen" auf uns zu, meint die Journalistin Cordula Tutt.

Ihr gleichnamiges Buch beleuchtet einige Konsequenzen dieses "Umsturzes in Zeitlupe" für Wirtschaft, Sozialstaat sowie das Leben auf dem Land. Am Ende stehen drei Empfehlungen: Die Bildung müsse reformiert und die Integration von Einwanderern vorangetrieben werden. Außerdem müsse ein neuer Gesellschaftsvertrag geschlossen werden, der anstelle des Staates die Gewinner des Schrumpfens, also Mittelschicht und Wohlhabende, zum Engagement für die Verlierer verpflichtet. Tutt meint, Bürger müssten "neue Aufgaben fürs Gemeinwohl" übernehmen, und plädiert insbesondere für eine höhere Erbschaftssteuer.

Diese Ratschläge zeigen die ganze Problematik des Buches. Es beginnt mit der demographischen Revolution und behauptet vollmundig, die abnehmende Bevölkerung stelle Selbstverständlichkeiten aller Art auf den Prüfstand – um am Ende nur allerlei zusammen zu kehren, was gerade öffentlich diskutiert wird: Versorgungsmentalität und Sicherheitsorientierung der Deutschen sowie das Ende des Sozialstaats, der nur versorge und durch Geldüberweisungen passiv mache. Aber Tutt kann diesem längst nicht mit der Hartz IV-Wirklichkeit übereinstimmenden Zerrbild des Sozialstaats nur einen abstrakten moralischen Appell, den schönen Begriff eines neuen Gesellschaftsvertrags und eine (sicher sinnvolle) Steuererhöhung entgegensetzen. Da hatte man sich als Leser doch etwas mehr erhofft.

Größere gesellschaftliche Zusammenhänge bleiben unbehandelt: Was passiert denn, wenn der Konsum von Gütern als das (bisher) einigende Band der bundesdeutschen Gesellschaft wegfällt, weil ältere Menschen schon alles haben? Was geschieht, wenn der Wert von Eigenheimen ins Bodenlose sinkt, weil es niemanden gibt, der kaufen will? Immerhin einmal erwähnt Tutt die "demographische Dividende": Gibt es weniger Kinder, spart die Gesellschaft die meist mehr als zwanzigjährige Investition in sie – oder kann mit demselben Aufwand eine kleinere Nachwuchsschar verstärkt fördern.

Die Stärke des Buches, das Positionen oft wenig elegant mit "einerseits", "andererseits" und "ein weiteres Argument…" aneinanderreiht, sind viele kurze Reportagen aus der ganzen Republik. Cordula Tutt beschreibt, wie Manager, Bürgermeister, Forscher und Bürger schon jetzt auf den Mangel an Arbeitskräften, Einwohnern, Läden, Ärzten, Bussen, Schulen und so weiter reagieren. Die besten Ideen in den entvölkerten Regionen Ostdeutschlands oder dem Ruhrgebiet gebiert die Not.


Rezensiert von Jörg Plath

Cordula Tutt: Das große Schrumpfen
Berlin Verlag, 2007. 266 Seiten, 18 Euro