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Länderreport | Beitrag vom 17.02.2021

Vorwürfe gegen das Erzbistum Köln"Ganz klar ein erneuter Missbrauch von Betroffenen"

Von Vivien Leue

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Kardinal Rainer Maria Woelki, Erzbischof von Köln (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
Kardinal Rainer Maria Woelki, Erzbischof von Köln, gerät wegen seines Vorgehens zur Aufklärung des Missbrauchsskandals in immer schärfere Kritik. (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Der Missbrauchsskandal der katholischen Kirche wird immer noch aufgearbeitet. Doch das Erzbistum Köln scheint daran uninteressiert. So werden Gutachten nicht veröffentlicht und es wird geschwiegen. Nicht nur Betroffene sind empört.

Es ist der 29. Oktober 2020. Im Erzbistum Köln sitzen der Beirat für Missbrauchsbetroffene, Kardinal Rainer Maria Woelki sowie der zweite Mann im Bistum, Generalvikar Markus Hofmann, zusammen. Die Sitzung ist eilig einberufen worden, erzählt Patrick Bauer, der damals als Mitglied und Sprecher des Betroffenenbeirats auch dabei war.

Er habe eigentlich nicht hingehen wollen: Eine Präsenzsitzung bei gerade steigenden Coronazahlen, das sei ihm zu heikel gewesen. Aber: "Der Generalvikar hat in mehreren Telefonaten sehr nachdrücklich klargemacht, wie wichtig diese Sitzung ist." 

Sie soll das Erzbistum bis heute erschüttern. Denn in dieser Sitzung wird letztlich offiziell entschieden, dass eine bereits fertiggestellte, unabhängige Untersuchung zum Umgang des Bistums mit Fällen sexuellen Missbrauchs nicht veröffentlicht wird. Dem Betroffenenbeirat wird – kurz zusammengefasst – gesagt, das Gutachten sei mangelhaft, es würden unter anderem Persönlichkeitsrechte missachtet. 

Undurchsichtige Vorgänge hinter den Kulissen

Offiziell heißt es später vom Erzbistum: Der beauftragten Münchner Kanzlei sei es nicht gelungen, "ein rechtssicheres und belastbares Gutachten und einen zur Veröffentlichung geeigneten Bericht zu erstellen."

"Man hat uns in dieser Sitzung das Gefühl gegeben: Lieber Betroffenenbeirat – Ihr müsst mit uns diese Entscheidung tragen. Wir hören auf Euch und das ist das Entscheidende: Wir hören auf euch. Das, was ihr uns sagt, machen wir. Das ist das, was uns vermittelt worden ist. Fakt war aber, dass da die Entscheidung längst gefallen war", sagt Patrick Bauer.

Denn wie sich später herausstellte, hatte das Bistum zu diesem Zeitpunkt schon längst die Akten an einen neuen Gutachter übergeben. Außerdem kamen in den darauffolgenden Wochen zunehmend Zweifel auf, ob die Münchner Untersuchung wirklich so mangelhaft ist, wie es die Bistumsleitung dem Betroffenenbeirat erklärte.

"Und das ist für mich ganz klar ein erneuter Missbrauch von Betroffenen. Das ist eine Instrumentalisierung, um die eigenen Bedürfnisse durchzudrücken. Das ist das, was jemand tut, der ein Kind, einen Jugendlichen missbraucht. Der macht nämlich genau das: Ihm sind die Bedürfnisse des Kindes völlig egal."

Akten bleiben unter Verschluss

Patrick Bauer weiß, wovon er spricht. Der Priester eines Jesuiten-Kollegs hat den heute 51-Jährigen im Alter von zehn bis 13 Jahren mehrfach missbraucht. Die Untersuchung – sie ist für Patrick Bauer deshalb auch ganz persönlich wichtig, für seine eigene Missbrauchsbewältigung. 

Doch sie bleibt unter Verschluss – bis heute. Dabei hatte Kölns Kardinal Rainer Maria Woelki das Gutachten selbst in Auftrag gegeben und verkündet, dass er schonungslos aufklären wolle, wer sich wann schuldig gemacht habe. Hat er letztlich doch kalte Füße bekommen? Es bleiben Spekulationen. 

Vielleicht hilft der Blick in ein anderes, ähnliches Gutachten, das nur zwei Wochen nach dem großen Knall in Köln, Mitte November, im Bistum Aachen veröffentlicht wird – von eben jener Münchner Kanzlei, die auch die Kölner Untersuchung verfasst hat, der Kanzlei Westphal Spilker Wastl. 

Täter wurden systematisch geschützt

An 14 Fällen sexuellen Missbrauchs zeigen die Gutachter exemplarisch auf, wie es zu Vertuschungen kommen konnte, warum es über Jahrzehnte kaum Aufarbeitung der Fälle gab, warum Opfer nicht gehört und Täter systematisch geschützt wurden.

Rechtsanwalt Ulrich Wastl macht dabei klar: "Wir kommen hier nicht umhin, Namen zu nennen. Die Beschäftigung mit den Akten lässt jedenfalls den Schluss auf persönliche Verantwortlichkeit zu."

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Bis heute sind keine Klagen gegen das Aachener Gutachten bekannt geworden, ob aus persönlichkeitsrechtlichen oder anderen juristischen Gründen.

Bei der Veröffentlichung seines Gutachtens ist Ulrich Wastl noch etwas wichtig: 

"Wir haben den Auftrag hier nicht nur eine Rechtsmäßigkeitskontrolle durchzuführen, sondern uns auch die Frage vorzulegen und zu bewerten: War das Verhalten des jeweiligen Verantwortlichen angemessen? Entsprach es insbesondere dem kirchlichen Selbstverständnis?"

Sind das überhaupt noch christliche Werte?

Es geht also neben einer juristischen Bewertung der Vorfälle – die im Falle von sexuellem Missbrauch häufig verjährt sind – auch um eine moralische Bewertung. Gegenüber Deutschlandfunk Kultur erklärt Ulrich Wastl, warum dieser Punkt so wichtig ist:

"Wir sprechen immer von Moral – im Kern ist es kirchliches Selbstverständnis. Das ist mir schon sehr wichtig und ich weiß nicht, wie eine Aufarbeitung in der Kirche funktionieren soll, wenn ich über Geschehnisse nicht mein eigenes Selbstverständnis lege und dann die Frage stelle – völlig unabhängig von irgendwelchen Paragrafen, Strafvereitelung oder sonstiges – habe ich mich oder hat sich die Institution, haben sich die Verantwortlichen wirklich nach unserem ureigensten Selbstverständnis verhalten. Ich halte das für die absolute Kernfrage."

Wie er diese Kernfrage im Kölner Gutachten beantwortet hat – Ulrich Wastl darf es nicht sagen. Nicht, solange das Erzbistum die Untersuchung geheim hält. 

Termine für Kirchenaustritte werden knapp

Derweil reißt die Kritik am Kölner Umgang mit dem Gutachten und auch an Kölns Kardinal Rainer Maria Woelki nicht ab. Von einem "Super-GAU" sprechen Kirchenrechtler. Dutzende Pfarrer des Erzbistums kritisieren ihren Kardinal öffentlich. Und jüngst mahnte auch unter anderem der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Limburger Bischof Georg Bätzing, der entstandene Vertrauensverlust könne nur schwer wieder behoben werden. 

"Die Austrittswelle ist verheerend im Erzbistum Köln. Man kriegt kaum noch einen Termin, um seinen Austritt gegenüber den staatlichen Behörden zu erklären", sagt Karin Kortmann, Mitglied im Präsidium des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und des Synodalen Wegs, einer Art Reformprozess in der katholischen Kirche. 

"Das, was in Köln an Missmanagement sich fast wöchentlich neu offenbart, ist eine der größten Belastungsproben, die wir haben, weil es ein Vorgehen von Kirche in der Öffentlichkeit darstellt, als sei das der Maßstab, wie wir arbeiten."

Vertuschen, verheimlichen, verdecken

Es werde der Eindruck erweckt, die Kirche handle erneut wie bei so vielen Fällen des sexuellen Missbrauchs: Sie vertusche, verheimliche und verdecke Verantwortlichkeiten. 

"Man ist es den Opfern, die über so viele Jahrzehnte darunter schon leiden schuldig, dass es endlich passiert. Denn es sind ja jetzt genau elf Jahre her, seit dem Bekanntwerden der Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg. Hätte mich vor elf Jahren jemand gefragt: wie lange brauchen wir zur Aufarbeitung. Ich hätte niemals gesagt: Elf Jahre."

Die Kirche stehe sich hier selbst im Weg, meint Kortmann. Es gibt Kirchenvertreter, die das ähnlich sehen.

Der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer plädiert deshalb dafür, die Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche breiter zu fassen:

"Da gehört für mich eben auch zu, unser kirchliches System sehr, sehr grundsätzlich zu hinterfragen und dem nachzugehen: Was führt eigentlich dazu, dass bei uns solche Vorfälle von Missbrauch von Macht, von sexualisierter Gewalt dann eben vorgekommen sind."

Hoffen auf ein Umdenken

Patrick Bauer ist nach den Geschehnissen in Köln aus dem dortigen Betroffenen-Beirat ausgetreten. Die Zeit nach dem 29. Oktober habe ihn stark mitgenommen, erzählt er.

"Ich habe in diesen drei Wochen selten eine Nacht länger als drei Stunden geschlafen. Ich hätte das alles nicht gebraucht, wirklich nicht."

Er ist jetzt Mitglied im Betroffenenbeirat der Deutschen Bischofskonferenz und hofft dort auf Gesprächsbereitschaft und ein Umdenken. 

Es geht schon lange nur noch um die Geste

Die Gespräche mit Betroffenen haben bei Rechtsanwalt und Gutachter Ulrich Wastl nachhaltig Eindruck hinterlassen, erzählt er. Man verstehe danach, woran das System Kirche immer noch krankt.

"Wenn ihnen dann dieses Opfer, dieser Betroffene sagt: Das Einzige, worum es mir jetzt noch geht, ist, dass irgendjemand sich hinstellt und sagt: Ich übernehme Verantwortung und entschuldige mich. Diese kleine große Geste… also, das ist so beeindruckend."

Auf diese "kleine, große Geste" warten viele Betroffene bis heute.

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