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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 14.12.2016

Vorsicht VerschwörungDas "deutsche Volk“ als Opfer

Von Stefanie Oswalt

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Rechtspopulisten und rechten Gruppierungen demonstrieren unter dem Motto: "Merkel muss weg" in Berlin. (imago/Seeliger)
Tausende demonstrieren in Berlin gegen die Kanzlerin und ihre Flüchtlingspolitik (imago/Seeliger)

In rechten Milieus ist man sich einig: Dem "deutschen Volke“ droht Gefahr. So würden etwa "Flüchtlingsströme“ gezielt nach Deutschland gelenkt um das Land zu destabilisieren. Und deutsche Politiker seien Teil dieser Verschwörung.

7. Mai 2016. Vor dem Berliner Hauptbahnhof, in Sichtweite zum Bundeskanzleramt, demonstrieren Anhänger der neuen Rechten gegen Kanzlerin Angela Merkel. 
  
"So entschlossen bin ich, für unsere Freiheit und den Erhalt Deutschlands zu kämpfen, dass ich alles dafür tun würde, selbst mein Leben wär´s mir nicht zu schade, das dafür herzugeben, für die Freiheit unserer Kinder und vor allem für ein freies, souveränes Deutschland, ohne Islam und ohne Unterdrückung und vor allem ohne Bandenlobbyisten ohne ihre Rothschilds und Soros-Clan-Familien, die in der Welt der Führungsebene sitzen und Europa in ein Chaos der Verwüstung und der Bürgerkriege stürzen."

"Merkel muss weg!"

Das Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus – kurz JfDA - hat ein Video der Veranstaltung bei Youtube eingestellt, um auf die grassierenden Verschwörungstheorien und Argumentationsstrukturen neuer rechter Bewegungen in Deutschland aufmerksam zu machen.
 
"Ganz generell werden in Anbetracht der sogenannten Flüchtlingskrise Ideen gesponnen, dass diese Flüchtlingskrise verursacht worden sei mit dem Ziel, Europa oder eben Deutschland, das deutsche Volk zu destabilisieren. Was durch Akteure geschieht, die häufig jüdisch und oder US-amerikanisch markiert werden. Und es wird somit eine Kontinuität gesehen einer jüdisch-amerikanischen Verschwörung gegen das deutsche Volk, die in der Vergangenheit nicht funktioniert habe, und die jetzt eben mit neuen Mitteln, der sogenannten Migrationswaffe erneut versucht werden sollte."

Die Tradition der Selbstviktimisierung 

Florian Eisheuer ist Ethnologe und Politikwissenschaftler. Er untersucht die sogenannte Selbstviktimisierung der neuen Rechten. In Deutschland gebe es eine lange Tradition der Selbststilisierung als Opfer, sagt Eisheuer. Da sind die antisemitischen Angstvorstellungen im 19. Jahrhundert, das deutsche Volk werde jüdisch zersetzt. Da ist am Ende des Ersten Weltkriegs die "Dolchstoßlegende", der zufolge die militärische Niederlage Folge einer jüdisch-sozialistischen Verschwörung war. Bis heute, sagt Florian Eisheuer, prägen antisemitische Verschwörungstheorien aus der nationalsozialistischen Zeit die Vorstellungen rechter Kreise: Immer wieder verweise man auf den Morgenthau-Plan. Dieser sah vor, Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg in ein Agrarland umzuwandeln, wurde aber nie ernsthaft für das Nachkriegsdeutschland erwogen.

"Es gibt auch unbekanntere wie beispielsweise der Kaufman-Plan, der angeblich auch vorsehe, das deutsche Volk auszutauschen und zu vernichten und auf den sich dann bei den Nürnberger Prozessen auch Julius Streicher berufen hat, um sich selbst wiederum zu entlasten und als Opfer darzustellen einer jüdischen Verschwörung, auf die er nur reagiert habe."

Rechte beanspruchen Opferrolle 

Damals wie heute diene die Opferstilisierung dazu, den Blick auf die Welt zu vereinfachen: Gut und Böse, Freund und Feind sind klar definiert. Zudem legitimiere der Opferstatus einen Einsatz von Notwehr sagen Eisheuer und sein Kollege Carsten Koschmieder vom Otto-Suhr-Institut der Berliner Freien Universität:
 
"Also als Opfer ist man prinzipiell unschuldig, Opfer–Sein vermittelt so eine bestimmte Art von Reinheit, Opfer-Sein verlangt aber auch ab, dass man sich mit Opfern solidarisiert und Opfer unterstützt. Das ist das eine, das andere ist aber ganz konkret, dass eine Legitimationsbasis für eigenes Handeln geschaffen wird, und zwar auch für gewaltvolles im Zweifelsfall. Das bekannteste Beispiel von diesem "Ich als Opfer habe das Recht mich zu wehren", stammt ironischerweise nicht von der AfD, sondern von Horst Seehofer, der sagt, wir müssen uns gegen die Einwanderung in die Sozialsysteme bis zur letzten Patrone verteidigen."

Koschmieder ist Parteienforscher und untersucht, ob und wie sich die AfD Verschwörungstheorien zu eigen macht. Die Partei spiele mit Andeutungen – und sie inszeniere sich ebenfalls als Opfer, denn sie sehe:
 
"Eine Verschwörung des Systems gegen die AfD, die wahren deutschen aufrechten Patrioten: Die Medien, gemeinsam mit allen etablierten Parteien versuchen, die AfD fertig zu machen, bestrafen Mitglieder, die müssen Nachteile hinnehmen im Beruf, Wirte, die der AfD die Möglichkeit geben, sich zu treffen, werden drangsaliert vom System, alles um die AfD, die ja eigentlich das wahre Volk vertritt, um ihr nicht den Durchbruch zu ermöglichen."

Rechte wird radikaler

Wie weit der Glaube an Verschwörungstheorien in der Bevölkerung verbreitet ist? Schwer zu beurteilen, sagen Koschmieder und Eisheuer. Empirische Daten fehlen. Außerdem sei es methodisch schwierig, Anhänger von Verschwörungstheorien zu befragen, da schon die Fragestellung die Ergebnisse beeinflusse. Florian Eisheuer gibt zu bedenken, dass er über eine Bubble forsche, also eine in sich geschlossene Community in den sozialen Netzwerken:
 
"Was ich auf jeden Fall sagen kann, ist, dass die entsprechenden Verschwörungstheorien, die in so eine Selbstviktimisierungsrichtung gehen, dass die auf jeden Fall an Dynamik gewinnen und auch, dass sie immer aggressiver artikuliert werden. Also wo man sich vor einigen Jahren durchaus als Opfer sah und sich auch fragte, wie man da wieder herauskommen könne, werden jetzt Bilder von vollautomatischen Waffen, von Kampfhunden gepostet, es werden "Memes" geteilt, in denen zu lesen ist: Ab jetzt ist jede Handlung des deutschen Volkes ein Akt der Notwehr also die Radikalisierung innerhalb dieser Bubble hat auf jeden Fall zugenommen."

Beunruhigend. Denn auch das sagen Koschmieder und Eisheuer ganz klar: Leute aus ihren Ideologie-Gebäuden wieder zu befreien, sei schwierig bis unmöglich.

Mehr zum Thema: Glück und Unglück - Die Deutschen als Opfer und Nutznießer der Geschichte
Von Torsten Sträter

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