Vorgetäuschte Gefahr

Frisch und lecker - aber auch ungesund? © AP
Von Udo Pollmer · 29.06.2013
Nach Eiern, Fleisch und Fisch steht nun auch die Milch in der Kritik: Das Produkt sei unnatürlich, erhöhe das Krebsrisiko und begünstige die Massentierhaltung. Unser Lebensmittelchemiker Udo Pollmer will sich den Genuss allerdings nicht verderben lassen.
Könnte die Milch all die Anschuldigungen auch hören, die derzeit von Ernährungsexperten und Ärzten gegen sie vorgebracht werden, würde sie vermutlich schon im Euter sauer. Der Mensch, so der populärste Vorwurf, sei das einzige Lebewesen, das im Erwachsenenalter noch Milch zu sich nimmt – wohlgemerkt, es geht hier nicht um Muttermilch sondern um Milchprodukte. Klingt auch erst mal logisch, - der Fuchs marschiert ja nicht auf die Weide und fängt sich eine Kuh – aber wenn er eine laktierende Ratte erwischt, dann goutiert er beim Mahl natürlich auch deren Milch.

Es ist nicht nur so, dass Tiere nicht melken, sie trinken auch keine Sojamilch, futtern kein Tofu und backen kein Brot. Kein Schwein frisst mit Messer und Gabel oder surft im Internet. Wer die Wildsau zum Maßstab seiner Lebensweise erhebt, sollte als erstes seine Designerklamotten an den Nagel hängen. Zum Thema Melken gehört auch die Phrase, kein Tier würde sich von der Milch eines anderen nähren. Aber das stimmt nicht. Es mangelt nicht an herzigen Geschichten, wo eine Hundedame verlassene Katzenkinder säugt. Die trinken das gerne, wenn man sie nur an die Zitzen lässt!

Milch und Krebs? Das lassen unseriöse Statistiken vermuten
Immer unverhohlener wird dem Milchtrinker mit Krankheiten aller Art und Tod gedroht. Experten präsentieren auf Youtube Grafiken, in denen man Länder mit wenig Brustkrebs und wenig Milch sieht und solche mit viel Milch und viel Krebs. Natürlich sind dort, wo die Bevölkerung in Armut lebt und die Kindersterblichkeit hoch ist, Alterskrankheiten wie Krebs oder Diabetes entsprechend seltener als dort wo sich jeder Emmentaler, Diätjoghurt und Butter satt leisten kann. Das ist einer der dämlichsten Propagandatricks, aber er schindet beim ernährungsverstörten Internetproletariat Eindruck.

Natürlich gibt’s auch biochemische Häppchen als Beleg für die Krebsgefahr, die von der Milch ausgeht: Sie sei voller Hormone. Zunächst: Alle Lebewesen enthalten Hormone, egal ob Hefen, Pflanzen oder Tiere. Weil alle Lebewesen davon leben, andere zu verspeisen, sind die Tierwelt und damit auch wir Menschen an die Hormongehalte der Beute angepasst. Probleme gibt es mit Pflanzen, weil sich manche mit hohen Hormongehalten gegen Fraßfeinde wehren. Das Füttern von Sojamilch beispielsweise führte schon zu Sexualhormonspiegeln im Blut der Kinder, die um das tausendfache höher lagen als beim Stillen.

Beliebt im Internet sind Videos, in denen Fütterungsversuche mit Karnickeln vorgestellt werden. Da bekommen die Tiere statt Unkraut Milchprodukte – prompt vertragen die das nicht. Wer einem reinen Pflanzenfresser tierische Kost einflößt, betreibt Tierquälerei. Das Karnickel deckt seinen Eiweißbedarf jeden Morgen durch den Konsum des eigenen Kotes – und nicht durch Käse. Das Eiweiß produziert die Darmflora. Käse ist für Karnickel so toll wie Karnickelköttel für Käsefreunde.

Auch Ameisen betreiben Viehhaltung
Keine Tierart, so erfahre ich in den Foren des Internets, zäunt Menschenweibchen ein, um sie zu melken. Wo die Empörten recht haben, haben sie recht. Die meisten lassen sich schlecht fangen, und manche klettern auch noch über'n Zaun. Aber bei kleineren Exemplaren klappt das besser. Ameisen haben sogar eine ausgesprochene Freude an der Viehhaltung. Sie umsorgen ganze Herden von Blattläusen, die sie regelmäßig melken; überflüssige Tiere töten sie. Manche Ameisen haben ihr Vieh so umgezüchtet, dass es nicht mehr laufen kann – die Beine der Läuse taugen nur noch dazu, sich auf dem Rücken ihrer Hirten festzuklammern. Die tragen sie von einer Weide zur nächsten.

Sogar der Bau von Ställen für das Vieh ist populär - wie sinnreich konstruierte Baumnester, in denen große Läuseherden auf engstem Raum gehalten werden: ein typischer Fall von Massentierhaltung. Einige errichten sogar Erdpavillons – zur Haltung von Bläulingsraupen. Faltenwespen wiederum halten und melken Buckelzirpen. Gefragt ist in der Tierwelt eine hohe Milchleistung. Spitzenergebnisse in Sachen süßer Läusemilch werden mit der Bunten Stängellaus erzielt – eine echte Hochleistungslaus. Der züchterische Fortschritt wird auch hier nicht beim Erreichten stehenbleiben.

Viele Lebewesen züchten Haustiere. Das Rind ist eines der ältesten Haustiere des Menschen. So wie die Ameisen den Zucker schlecken, so konsumieren wir Menschen seit Jahrtausenden mit Freuden Milch, Butter und Käse. Mahlzeit!

Literatur:
NDR: Die Milch-Lüge. Sendung vom 30.7.2012
Dumpert K: Das Sozialleben der Ameisen. Parey, Berlin 1994
Hölldobler B, Wilson EO: Ameisen. Birkhäuser, Basel 1995
Pollmer U, Muth J: Der Mensch – ein Coctivor. EU.L.E.N-Spiegel 2007; 13 (3-4): 5-13
Muth J, Pollmer U: Generation Soja-Bürger. EU.L.E.N-Spiegel 2008; 14 (4): 10-14

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