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Reportage / Archiv | Beitrag vom 31.03.2014

Vorbereitung auf KatastrophenUnterwegs mit einem Prepper

Manche Risikostrategen befassen sich jederzeit mit dem möglichen Ernstfall

Von Susanne Balthasar

Eine Speisekammer im Februar 1963 in Düsseldorf. (picture alliance / dpa / Lothar Heidtmann)
Eine Speisekammer im Februar 1963 in Düsseldorf. (picture alliance / dpa / Lothar Heidtmann)

Immer mehr Menschen bereiten sich auf die Folgen von Stromausfällen, Bankenzusammenbrüchen und Meteoriteneinschlägen vor: Sogenannte "Prepper" nehmen den Katastrophenschutz in die eigenen Hände.

Ein Kellerverschlag, mit deckenhohen Regalen. Hier lagern meterweise Dosenravioli, Trockensuppen, Wasserkanistern, und Klopapier, außerdem ein Kurbelradio und Wodka, die  Tauschwährung für den Tag X. Jens Ullrich hievt eine Kiste Nährmittel aus dem Regal:

"Na versuchen sie die anzuheben, ich würde schätzen 30 Kilo an Getreide und Mehl."

Davon könnten sich Ullrich, seine Frau und ihre fünfjährige Tochter ein paar Monate lang  ernähren. Der gelernte Betriebswirt will ganz einfach vorbereitet sein. Prepper, sagt er, sei er wegen der Finanzkrise geworden:

"Das sind ganz einfache Gaskocher, davon habe ich zwei, kann ja mal sein, dass einer kaputt ist, also alles redundant angelegt, der eine ist neu, der andere gebraucht..."

Autarkie als Antwort auf die totale Vernetzung

Alles funktioniert. In der Wildnis kämen die Ullrichs auch alleine durch. Autarkie ist ihre Antwort auf die totale Vernetzung:

"Der Supermarkt bestellt seine Ware eben nicht mehr beim Produzent um die Ecke, das ist alles zentralisiert, hoch komplex, just in time, wenn das Regal leer ist, kommt der LKW am gleichen Tag. Ja, aber was passiert, wenn der Strom weg ist. Die LKW können nicht tanken, nicht nachladen, und ich denke, da sind die Regale schneller leer, als man kucken kann."

Oben, zwei Stockwerke über Ullrichs Kellerverschlag, in seiner Wohnung ist alles friedlich. Dort ist es ruhig, aufgeräumt, durch die Fenster scheint die Sonne. Aber dann ist da noch der Fernseher...

Jens Ullrich hält auch im gediegenen Berliner Westen nichts für sicher: Wenn der Euro erst mal zusammenbricht und keiner mehr Geld bekommt, könnten auch hier kriesgähnliche Zustände herrschen, weit gefährlicher noch als die Situation in der Ukraine.

"14 Tage ohne Einkauf überstehen

Und überhaupt hält Ullrich das Horten für etwas ganz Normales:

"Meine Großeltern hatten auch einen Kartoffelkeller, es wurde Saft eingekocht, es wurden Obstweckgläser in die Regale gestellt, mit diesen Vorräten hätte man locker mehrere Wochen überleben können. Das ist heute komplett verloren gegangen, weil man den Supermarkt um die Ecke hat."

Tatsächlich  empfiehlt auch das Bundesamt für Bevölkerungsschutz auf seiner Internetseite jedem Bürger, Vorräte anzulegen. Dort heißt es: "Ihr Ziel muss es sein, 14 Tage ohne Einkauf überstehen zu können." Die Einkaufsliste gibt es als PDF-Datei. 

Neben dem Keller ist der PC für Jens Ullrichs Vorbereitungen am Wichtigsten. Hier sind die Excel-Tabellen mit den Listen der Einkäufe und den Haltbarkeitsdaten gespeichert:

Trinkwasser-Desinfektionstabletten verkaufen

Nächsten Monat wird Jens Ullrich einen Prepper-Shop eröffnen. Trinkwasser-Desinfektionstabletten verkaufen, Dosenbrot und Petroleumlampfen. "Ikorni" soll er heißen, das finnische Wort für  Eichhörnchen. 

"Wenn, möglichst viele vorbereitet sind (...) trifft es die Gesellschaft weniger hart. Schätzungen gehen davon aus, dass weniger als ein Prozent der Bevölkerung überhaupt Krisenvorsorge betreibt (..) da spielt das Stichwort Entsolidarisierung mit, weil das muss ich schützen, weil 99 Prozent haben nichts, und wollen das haben was das eine Prozent hat, weil die drüber nachgedacht haben."

Wenig später trifft sich Jens Ullrich mit Rene, Martin, Mike und ein paar anderen Preppern beim Krisenstammtisch.  Die meisten sind Mitte dreißig, tragen die Haare kurz und Oberhemden, fast alle sind Familienväter. Mittelschichtler, die, wie sie es nennen, ihre und die Zukunft ihrer Familien sichern wollen:

Zu viel Krisenvorsorge? Nicht gut

Mike, der Leiter des Stammtischs stellt er eine Tüte mit Keksen auf den Tisch:

"Hard Tags, Panzerplatten, die sind sehr lange haltbar, es gibt noch welche aus dem amerikanischen Bürgerkrieg, die sind Jahrzehnte haltbar"

Wegen des Mayakalenders, Nostradamus oder der biblischen Apokalypse sitzt hier keiner. Solche so genannten Doomsday-Prepper, bleiben nicht lange dabei:

"Wir hatten auch schon ein paar seltsame Vögel dabei, echt paranoide Leute, esoterische Leute (...) Ein paar haben sich schon verabschiedet, denen war es zu riskant in einer Krisenphase in einer Großstadt zu sein."

Zu viel Krisenvorsorge, da sind sich die Stammtischler einig, ist nicht gut: "Natürlich wird es problematisch, wenn man aus dem Alltag fällt. Wir haben Leute hier gehabt, die im Internet versumpft sind.!

Ziegelstein aus Zeitungspapier

Mike hat noch ein typisches Prepper-Mitbringsel, legt es jetzt auf den Tisch neben die Panzerplatten-Kekse: einen Ziegelstein aus Zeitungspapier:

"Das ist eine ganze Zeitung, die Welt. Vier die Welt heizen meinen Altberliner Ofen, das sind Briketts selbst gepresst zum Heizen."

Johlend wird das Zeitunsgbrikett von Hand zu Hand gereicht. Auch Jens Ullrich  muss lachen. Dennoch: ist es nicht furchtbar anstrengend, sich jeden Tag gegen die kommende Katastrophe zu stemmen?

"Ich würde eher sagen, diejenigen müssten Angst haben, die keine Vorsorge haben, das sind die ersten, die es hart trifft."

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