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Kalenderblatt | Beitrag vom 13.05.2019

Vor zehn Jahren erstmals präsentiertDie "Venus vom Hohle Fels"

Von Dagmar Röhrlich

Die ca. 40 000 Jahre alte Venus vom Hohle Fels steht in einer Vitrine in der Ausstellung "Bewegte Zeiten.  (dpa / Anne Pollmann)
Der Fund der ca. 40.000 Jahre alten Venus vom Hohle Fels war eine Sensation (dpa / Anne Pollmann)

Die 40.000 Jahre alte "Venus vom Hohle Fels" ist die früheste bekannte Darstellung eines Menschen. Sie steht für Weiblichkeit und Sexualität. Erst vor zehn Jahren wurde sie der Öffentlichkeit vorgestellt.

Im Tal der Ach, östlich von Schelklingen in der Schwäbischen Alb, liegt eine Höhle, die Archäologen "Hohle Fels" nennen. Sie ist ein Dorado, denn hier haben moderne Menschen vor Zehntausenden von Jahren - mitten in der Eiszeit - Kunst geschaffen.

Eine Flöte aus einem Gänsegeierknochen etwa - davon gibt es auch eine Replik, auf der gespielt werden kann. Zu den Kunstgegenständen aus der Zeit vor zehntausenden von Jahren gehören auch winzige, jedoch fein aus Mammutelfenbein geschnitzte Skulpturen von Büffeln, Löwen, Fischen oder Vögeln. Und eine Menschenfigur mit Löwenkopf. Sie erzählt wohl etwas über die Glaubenswelt, von der Idee, sich in ein anderes Wesen verwandeln zu können. Doch vor allem hinterließen die Künstler die "Venus vom Hohle Fels" - die wohl früheste bekannte Darstellung eines Menschen überhaupt.

Ein 40.000 Jahre altes Artefakt

"Die Frauenfigurine vom Hohle Fels ist ungefähr sechs Zentimeter groß. Und die Figurine hat keine Füße, die Beine sind extrem schematisch dargestellt, und die Figurine hat gar keinen Kopf. Das heißt, es kann nicht um ein Individuum gehen, es geht um die Weiblichkeit an sich."

Eine Felsformation an einem Hang, der den Eingang in eine Höhle weist. Ringsum zu sehen sind einige Bäume und etwas Grünfläche. (imago images / Arnulf Hettrich)Der Hohle Stein bei Schelklingen, wo unter anderem die berühmte "Venus vom Hohle Fels" gefunden wurde. (imago images / Arnulf Hettrich)

Als die Archäologen die kleine Figur im September 2008 bei einer Grabung entdeckten, war sie zerbrochen und musste erst wieder zusammengesetzt werden, erzählt Nicholas Conard von der Universität Tübingen. Er ist Spezialist für prähistorische Archäologie und leitet seit vielen Jahren die Grabungen im Achtal. Am 13. Mai 2009 konnte er die Figurine der Öffentlichkeit vorstellen:

"Die Frauenfigurine vom ‚Hohle Fels‘ ist aus Schichten, die um die 40.000 Jahre datieren, als moderne Menschen entlang der Donau nach Mitteleuropa kamen."

Die Höhle als Rückzugsort

Sie waren Jäger und Sammler und nutzten die vier Karsthöhlen im Achtal immer wieder für ein paar Wochen, wenn sich ihr Jagdwild gerade in der Gegend aufhielt. Kunst war anscheinend ein wichtiger Teil ihres Lebens. Und die "Venus vom Hohle Fels" ist das bislang ungewöhnlichste Stück aus ihrer Hinterlassenschaft, das die Wissenschaftler gefunden haben:

"Und hier sehen wir, was dann sehr deutlich dargestellt wird, erst mal ein Geschlechtsdreieck und Vulva, was sehr präsent ist, eigentlich viel detaillierter als sonst in der Eiszeitkunst, auch die Brüste sehr, sehr groß dargestellt. Es könnte eine Frau unmittelbar nach der Geburt sein, was auch interessant ist. Obwohl die Figurine gar keine Füße hat und ganz gewiss keine Zehe, hat die Frau sehr delikat geschnitzte Hände und Finger, die am Bauch unterhalb von den Brüsten angelegt sind, mit einer unglaublichen Exaktheit dargestellt."

Die "Venus vom Hohlen Fels" liegt in der behandschuhten Hand eines Archäologen. (picture-alliance/dpa/Stefan Puchner)Ein Forscher präsentiert die "Venus vom Hohle Fels" (picture-alliance/dpa/Stefan Puchner)

Die kleine Figur steht, so vermuten die Forscher, in Zusammenhang mit Mutterschaft und Geburt:

"Bei mobilen Jäger und Sammlern ist das Schlimmste, was passieren kann, dass Frauen in den reproduktiven Jahren sterben oder gesundheitliche Probleme... Wenn ein paar Männer verschwinden, ist es nicht schlimm. Aber eine gesunde Frau, die Nachwuchs produzieren kann, ist für die Existenz der Gruppe in der Eiszeit sehr wichtig."

Ein sensationeller Fund

Vor zehn Jahren war der Fund eine Sensation. Die Nachricht platzte mitten in eine Tagung, auf der Nicholas Conard gerade einen der Hauptvorträge gehalten hatte:

"Ich hab' in dem Vortrag argumentiert, dass viele Sachen, figürliche Kunst, Musik, Schmuck mit dreidimensionaler Formgebung und ähnliche Themen nicht nur aus Afrika stammen, und dass wir eigentlich uns vorstellen müssen, dass a) die Neandertaler hin und wieder Innovationen hatten und b) moderne Menschen außerhalb Afrika haben auch bedeutende Innovation hervorgebracht. Und das wurde sehr lebhaft diskutiert, weil viele Leute sehr gern ein Konzept bevorzugen, in dem anatomische Modernität und kulturelle Modernität ausschließlich aus Afrika kommt: Das existiert dann in Afrika und erobert die Welt."

Am Beginn der Kunst steht eine Frau

Die "Venus vom Hohle Fels" entschied die Debatte. Sie war auch kein einmaliger Geniestreich, denn in der Höhle ist das Fragment einer zweiten, sehr ähnlichen Figur gefunden worden: "Es zeigt, dass schon am Anfang der figürlichen Kunst Menschen dargestellt wurden. Und was wird dargestellt? Es hätten alle mögliche Themen sein können, Jagd, Männer, vieles mehr. Aber es ist eine Frau, sicherlich eine Mutter."

Mittlerweile deuten Funde darauf hin, dass sich die Menschen vor 40.000 Jahren an vielen Orten der Welt mit Kunst zu beschäftigen begannen - so etwa auch in Indonesien: "Der Mensch, zumindest die Grundausstattung des Menschen, war nicht anders damals als heute."

Die "Venus vom Hohle Fels" beweist das. Und bis heute ist sie in ihrer Komplexität und Vollständigkeit immer noch einmalig.

(abr)

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