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Die Reportage / Archiv | Beitrag vom 26.12.2016

Vor GerichtWenn zwei Brüder erbittert ums Erbe streiten

Von Paul Vorreiter

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Idyllisch am Waldrand liegt das Haus der Großeltern und Eltern -  aber von Idylle ist hier nichts zu spüren. (Paul Vorreiter)
Idyllisch am Waldrand liegt das Haus der Großeltern und Eltern - aber von Idylle ist hier nichts zu spüren. (Paul Vorreiter)

Ein Erbe kann auch belasten, vor allem wenn es vor Gericht geht. Schon seit Jahren streitet sich Thomas Riedel aus Berlin-Spandau mit seinem Bruder um das Erbe. Paul Vorreiter hat die Familie besucht, deren Namen wir geändert haben, um herauszufinden, wie der Konflikt sie verändert hat.

"Jetzt im Garten hier, das ist der Tank, damit wird das ganze Haus beheizt. Die Gastherme, die drin ist, die ist jetzt auch schon knapp 30 Jahre wieder. Wobei mein Bruder immer der Meinung ist, das ist alles neu und hat alles sehr viel Geld gekostet. Und es gibt überall Stellen, die renovierungsbedürftig sind, wo der Putz abfällt, wo wir isoliert haben."

Thomas Riedel* führt durch sein Anwesen: etwa 1000 Quadratmeter misst das Grundstück am Rand von Berlin. Im Garten geht es vorbei an einem Fischteich und einer auseinandergeschraubten Mercedes E-Klasse, die als Ersatzteillager dient.

Idyllisch am Waldrand liegt das in die Jahre gekommene Haus der Großeltern und Eltern, aber von Idylle ist hier nichts zu spüren. Es herrscht erbitterter Streit zwischen dem 62-jährigen Kraftfahrer, Thomas Riedel und seinem jüngeren Bruder, Michael. Ein Erbstreit. Beide können sich nicht einigen, wie viel die Doppelhaushälfte wert ist und damit, wie groß das zu teilende Erbe ist.

"Wir haben denn ein Gutachter bestellt für das Haus und dann kam mein Bruder und sagte, so will ich das nicht. Das muss viel mehr wert sein und war damit nicht einverstanden."

Mit dem Tank im Garten wird das ganze Haus beheizt. (Paul Vorreiter)Mit dem Tank im Garten wird das ganze Haus beheizt. (Paul Vorreiter)

Nach dem Tod seiner Mutter vor zwei Jahren haben Thomas Riedel und seine Frau Marianne ihre geräumige Stadtwohnung in der Innenstadt verlassen und sind in das einstöckige, etwas düstere Haus mit niedrigen Decken am Stadtrand gezogen. Schnell wurde klar: Werkstatt, Wintergarten und Hund Lisa machen hier nicht glücklich.

Dem Bruder wollte Thomas Riedel den Erbteil auszahlen. Weil der Bruder die vom Gutachter errechnete Summe aber ablehnt, wird seither nur noch über die Rechtsanwälte kommuniziert. Vor allem Ehefrau Marianne fühlt sich deswegen nicht wohl. Sie erzählt bei Kaffee und Tee mit Milch, wie sie unter dem Erbstreit leidet.

"Wir haben nur Drohungen erhalten"

"Ich habe Neurodermitis bekommen im Zuge dessen. War also eine ziemlich nervliche Sache auch. Man trägt das nicht so vor sich her, das läuft im Inneren ab. Also dieser Anwalt von ihm, der ist sehr burschikos und wir haben nur Drohungen erhalten, also briefliche Drohungen und wenn wir jetzt nicht und dann nicht, dann folgt das und das. Man kann eigentlich nicht hier tun und lassen, was man möchte, weil es ist ja der Stand, ihm gehört von allem hier die Hälfte."

"Ich werde denn wütend. Versuche dann im Kopf schon wieder einen Brief zu formulieren auf seinen Brief hin nach dem Motto 'Geht so gar nicht', so kann man das gar nich machen, kann dann die Nacht nicht schlafen. Dreht sich wieder alles im Kreis."

In den 60er-Jahren verbrachten die Brüder in dem Haus ihre Sommerferien bei den Großeltern. Johannisbeeren wurden geerntet, mit der Oma zusammen eingekocht. Doch so wirklich einen Draht zueinander hatten die beiden Geschwister schon früher nicht, wie Thomas Riedel mit einer Anekdote verdeutlichen will.

"Wir sitzen hier in dem Häuschen und machen für Weihnachten ein schönes Essen mit festlich gedeckter Tafel und so weiter und mein Bruder nimmt dann Platz an der Tafel und sagt dann: 'Gibt ja schon wieder dasselbe wie letztes Jahr!' Also der war immer unzufrieden, aber hat immer Forderungen gestellt in allen möglichen Größenordnungen."

Anwalt Max Althoff kennt sich mit Erbrecht und Mediation aus, seine Kanzlei liegt in der Innenstadt rund 13 km entfernt von dem Haus, um das gestritten wird. Er vertritt Thomas Riedel gegen dessen Bruder und findet: es ist ein klassischer Fall. War der Streit vorprogrammiert?

"In Anbetracht der Tatsache, dass die beiden sich schon seit Langem nicht so grün sind, wäre es vielleicht schwierig gewesen nach dem Tod der Erblasserin was zu verhindern. Die Auseinandersetzung war zumindest relativ absehbar. Was man natürlich hätte machen können an Stelle der Erblasserin vorher zu versuchen ein Testament zu errichten, was eine Teilung beinhaltet und verhindert, dass im Nachhinein die Aufgabe der Teilung dessen, was da ist, an die Kinder übertragen wird."

Besser miteinander - als über Anwälte reden

Aber die Eltern haben es versäumt, ein solches Testament zu machen – und die beiden Brüder reden längst nicht mehr miteinander. Mit dem Gang zum Anwalt ist der Streit eskaliert – Das muss nicht sein, findet Max Althoff.

"Solange man noch gut miteinander reden kann, ist die Einschaltung eines Anwalts nicht die Wahl der Dinge, das würde ich tatsächlich als Anwalt sagen, abgesehen jetzt von irgendwelchen Beratungen. Ich würde immer sagen, auch als Mediator, solange ich eine Kommunikationsebene habe, sollte ich die nutzen, alleine, weil man lebt danach ja immer noch als Familie miteinander oder halt auch nicht mehr miteinander, je nachdem wie gut oder schlecht sowas läuft."

Ganze Familien zerbrechen an Erbstreitigkeiten, manchmal finden sie nie wieder zusammen. Nicht selten spielen alte Konflikte aus der Kindheit eine Rolle. So wie bei Thomas Riedel und seinem Bruder, der sich in der Familie offenbar schon immer benachteiligt gefühlt hat.

Thomas Riedel und seine Frau Marianne sehen sich im Recht und hoffen, dass der Streit in ihrem Sinne gelöst wird. Wäre es denkbar, dass sich die Familie wieder versöhnt, wenn der rechtliche Konflikt gelöst ist?

"Mein Bruder, der ist stur wie ein Fels und in dem Sinne bin ich jetzt auch stur wie ein Fels, also ich will mit ihm nichts mehr zu tun haben. Für mich ist die Sache dann erledigt und dann soll er möglichst weit weg."

"Ich will den nie wieder sehen. Also für mich käme das überhaupt nicht in Frage, dass wir hier an einem Tisch zusammensitzen. Gar nichts."

*Name von der Redaktion geändert

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