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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 04.05.2018

Vor einem Jahr starb Daliah LaviDie mutige Brückenbauerin

Von Luigi Lauer

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Sängerin Daliah Lavi bei einem Auftritt im ZDF im Jahr 2011 (imago/STAR-MEDIA)
Daliah Lavi (1942-2017) bei einem Auftritt im ZDF im Jahr 2011 (imago/STAR-MEDIA)

Tanzen sei ihr Traum, Singen der Kompromiss, hat Daliah Lavi einmal gesagt. Und dieser mündete in immerhin 25 Schallplatten. Ihren größten Erfolg hatte die israelische Sängerin ausgerechnet in Deutschland.

Liebeslied jener Sommernacht – dies war das erste Lied, das Daliah Lavi auf Deutsch aufnahm. Sie war selbstbewusst, sie war stark, sie war schön und stolz, und sie war eine mutige Frau. Dennoch war Daliah Lavi anfangs etwas zögerlich, nach Deutschland zu kommen. Ausgerechnet Deutschland, wo auch mehrere ihrer Verwandten von den Nationalsozialisten ermordet worden waren. Doch es war ausgerechnet ihre Mutter, die sie zu diesem Schritt ermutigte. Dabei war auch sie nur knapp dem Holocaust entkommen. In einem ihrer letzten Interviews in Deutschland, mit Reinhold Beckmann 2008, erzählte Daliah Lavi davon.

"Weil ich hatte eine sehr clevere Großmutter. Die war keine Jüdin  und es kann sein, dass sie, weil sie ein bisschen Distanz hatte, die Gefahr gesehen hat."

Das war 1938, Juden waren Urlaubsreisen noch gestattet. Unter dem Vorwand, nach Italien reisen zu wollen, setzte sich die Familie mit lediglich ein paar Koffern nach Palästina ab. Später konvertierte die Großmutter zum Judentum.

Geboren wurde Daliah Lavi vier Jahre später in Haifa und wuchs in Schawe Zion auf, einem Dorf, mehr Kommune als Kibbuz, an der Mittelmeerküste Israels. Die Mutter ist Deutsche, der Vater Russe, beide jüdisch. Das Mädchen lernte dort als erstes Deutsch. 

"Ich komme aus einem kleinen Dorf in Israel, wo alle Leute aus Deutschland kamen. Und Deutsch habe ich bereits als Kind gelernt ‑ meine Großmutter, meine Mutter kamen aus Deutschland."

Fotomodell, Schauspielerin und Sängerin

Schwäbische Juden hatten das Dorf 1938 gegründet. Alle sprachen dort Deutsch, also schwäbisch. Als Daliah Lavi 17 Jahre alt ist, arbeitet sie als Fotomodell und Mannequin. Ein Filmproduzent entdeckt ein Foto von ihr in einem Geschäft in Tel Aviv. Sie bekommt eine Hauptrolle in einem Kinofilm, spielt eine Tänzerin, ausgerechnet, hatte sie ihre Tanzausbildung doch frühzeitig abbrechen müssen, und das auch noch in einer deutsch-israelischen Produktion. Es ist der Beginn einer internationalen Karriere als Schauspielerin. Dank ihrer raschen Auffassungsgabe und ihres Sprachtalents erhält sie Rollen in Schweden, Frankreich, Deutschland, Italien und Hollywood, das in der Filmbranche auch ein Land ist. Sie spielt an der Seite von Gerd Fröbe, Yul Brunner, Lex Barker, Curd Jürgens, Dean Martin, Woody Allen. Daliah Lavi hielt selber allerdings nicht viel von den Filmen, in denen sie mitgewirkt hatte. 1971, als sie 29 war, stieg sie aus. Es hatte sich etwas anderes ergeben. Noch ein wegweisender Zufall. Als Gast einer Fernsehshow des israelischen Musicalstars und Schauspielers Chaim Topol singt Daliah Lavi Ende der 1960er-Jahre einige hebräische Lieder und bekommt prompt einen ersten Plattenvertrag.

Daliah Lavi; hier eine Aufnahme von 1964 (dpa/picture alliance)Daliah Lavi; hier eine Aufnahme von 1964 (dpa/picture alliance)

"Jerusalem" wurde ihr erstes Lied auf Schallplatte, ursprünglich ein Instrumentaltitel von Herb Alpert, ihr Lieblingslied und das einzige, von dem sie sagte, sie singe es in erster Linie für sich, nicht für ihr Publikum.

1970, Daliah Lavi ist gerade mal 28 Jahre alt, geht ihre zweite Karriere richtig los, diesmal als Sängerin, und diesmal in Deutschland. Esther & Abi Ofarim hatten den Weg dafür Anfang der 1960er-Jahre vorbereitet. Dass Lavi Israelin und Jüdin ist und ausgerechnet in Deutschland Schlager von einer schönen heilen Welt singt, wird fast nie angesprochen. Von den Deutschen nicht, denn im Nachkriegs-Deutschland ist Schweigen immer noch die vorherrschende Form der Vergangenheitsbewältigung. Von den Medien auch nicht, in fast keinem Interview ist davon die Rede. Und auch für Daliah Lavi ist es kein Thema, wie sie erst 2008 in einem Zeitungsinterview betont:

"Für mich waren die Konzerte in Deutschland fantastisch. Ich konnte dadurch in Kontakt kommen zu den jungen Leuten. Und diese jungen Leute trugen keine Schuld am Holocaust."

Vom Schlager zum Chanson

Obwohl sie oft in belanglosen Fernsehshows auftrat, wurden ihre Lieder doch zunehmend anspruchsvoller dank der Texte von Miriam Frances und Michael Kunze. Weg vom Schlager, hin zum Chanson.

"Es war das erste Mal, wo intelligente Texte da waren. Das war mein Glück, dass wir das gemacht haben."

Anfang der 1980er-Jahre beginnt ihr Rückzug aus dem Showgeschäft. 1992 zieht sie mit ihrem vierten Mann nach Asheville in North Carolina, müde vom Show-Zirkus.

Daliah Lavi bei einem Auftritt Anfang der 70er-Jahre (imago stock&people)Daliah Lavi bei einem Auftritt Anfang der 70er-Jahre (imago stock&people)

"Ich wollte ein Leben haben wie normale Leute. Ich wollte Zeit verbringen mit meinem Mann, meinen Kindern und meinen Enkelkindern, ohne Daliah Lavi zu sein. Es war für mich ein heilendes Gefühl, ein normales Leben zu haben."

Das sagte sie in einem ihrer zahllosen Interviews 2008, als sie doch noch einmal zurückkehrte, um eine letzte Platte in Deutschland aufzunehmen und im Jahr darauf ihre Abschiedstournee zu geben. Ihre Haare sind da längst weiß, doch immer noch besticht ihre unverkennbare Stimme mit dem Timbre eines torfigen Single Malt Whiskeys.

Ihr größter Wunsch: Frieden in Israel

Gefragt, ob sie nach ihrer so langen Karriere noch einen Wunsch habe, sagte sie:

"Ja, Frieden in Israel. Für mich ist das mein größter Traum, dass ich den Frieden mit unseren Nachbarn noch erlebe."

Der Traum erfüllte sich nicht. C‘est la vie, So ist das Leben, ist der Titel ihres letzten Albums, man könnte ihn aber auch als Wortspiel deuten: C‘est Lavi ‑ Das ist Lavi. Und darauf ist auch ihr Abschiedslied, scheinbar ohne Wehmut, ohne Trauer. Und doch konnte sie sich ein paar Tränen nicht verdrücken, als sie damit Ende November 2009 endgültig von der Bühne abtrat.

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Zum Tod der Sängerin Daliah Lavi - "Sie war ein Gesamtkunstwerk"
(Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 04.05.2017)

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