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Fazit | Beitrag vom 26.08.2019

Vor der Landtagswahl in BrandenburgCottbus ist bunter als sein Image

Von Sylvia Belka-Lorenz

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Demonstranten mit Bannern auf denen steht: "Liebe statt Hass" und "Cottbus für Alle". (imago images / Rainer Weisflog)
Engagierte Zivilgesellschaft: Menschen demonstrieren 2018 in Cottbus gegen Gewalt, Hass und Rassismus. (imago images / Rainer Weisflog)

Der Rechtspopulismus hat auch die Rolle der Kultur verändert. Vor der Landtagswahl in Brandenburg scheint die Kunstfreiheit längst nicht mehr unantastbar. Denn das gesellschaftliche Klima sei ein anderes geworden, sagen Kulturschaffende aus Cottbus.

"Born in the GDR", ein Spottlied auf die DDR und das dort konservierte Gefühl der Nichtzugehörigkeit, der Ohnmacht. Das Lied ist zu einem der großen Wendesongs geworden und gilt vielen im Osten nach drei Jahrzehnten immer noch- oder schon wieder als Hymne.

Der Cottbuser Kai Uwe Kohlschmidt hat den Song im Sommer 1988 mit seiner Punkband Sandow in nur einer Stunde im Probenstudio eingespielt. Kohlschmidt, der mit seiner Familie bis heute in Brandenburg lebt, beobachtet einen Sinnverlust. Seiner Ansicht nach der Kern des Rechtsrucks im Osten:

"Für einen Teil der Eingeborenen der Zone ist das Identifikationsangebot der neoliberalen Wirklichkeit augenfällig keine Möglichkeit. Das macht es den Rattenfängern der AfD einfach. Das Nationale ist ein wahnsinniger Irrtum. Das Deutsche gibt es einfach nicht. Jeder AfD-Wähler sollte mal die Möglichkeit haben dürfen, einen Gentest zu machen, wie viel Slawe in ihm steckt. Gerade hier in Ostelbien."

Kulturszene schließt sich zusammen

Keine Gentests, keine Fakten. Bei seinen Wahlkampfauftritten in Cottbus wird der AfD-Rechtsaußen Björn Höcke in diesen Wochen gefeiert wie ein Guru. Die Stadt ist für die AfD-Wahlkämpfer ein Heimspiel. Fremdenfeindliche Demonstrationen verzeichnen seit Jahren eine wachsende Anhängerzahl aus Wutbürgern, Neonazis und Rechtsextremen. Der Wahlkampf in dieser Stadt hat ein eigenes Gesicht: die AfD gegen alle. Alle gegen die AfD.

Das Kinder- und Jugendtheater "Piccolo" ist längst ein Ort der Vielfalt in Cottbus. Kindern aus allen Schichten und Kulturen steht das Haus immer schon offen. Das "Piccolo" hat den neuen politischen Gegenwind von rechts schon zu spüren bekommen. Anlässlich einer Inszenierung, in der sich Jugendliche mit dem Thema Faschismus auseinandersetzten, stellte der Brandenburger AfD-Chef Andreas Kalbitz im vergangenen Herbst im Landtag die Förderwürdigkeit des "Piccolo"-Theaters infrage.

Was viele Brandenburger Politiker und Bürger klar als Angriff auf die Freiheit der Kunst bewerteten, setzte ganz nebenbei einen so nicht gekannten Schulterschluss in Gang. Inzwischen gibt es unter dem Label "Appell von Cottbus" ein breites Aktionsbündnis aus Linken und Liberalen aller Schattierungen, aus Künstlern, Intellektuellen, queeren Menschen, unabhängig von Konfession und Herkunft. Mit Kunst, Kultur und Festen wollen sie demonstrieren, dass die Stadt deutlich bunter ist als ihr Image.

Kunst wird gebraucht

Auch der Galerist Sven Krüger engagiert sich seit Jahren in der Cottbuser Kulturszene. Gerade erst hat er eine neue Galerie in einem alten Güterbahnhof eröffnet. Die Politik habe sich weit entfernt vom realen Leben, darüber ärgert er sich, so wie er sich auch über das Wort Rechtsruck ärgert, weil es kaschiere, dass sich die Stadt lange weggeduckt habe vor dem Phänomen. Dass Kunst in einer gesellschaftlich angespannten Situation gebraucht werde, davon lässt er sich nicht abbringen:

"Die positive Stimmung in dieser Stadt muss nach außen getragen werden. Sie muss überwiegen und sie überwiegt ja auch. Und man muss ein ganz klares Signal setzen. Hier sind Leute, die bewegen was. Ob jung, ob alt, wir haben alle aus der Geschichte gelernt und wir werden nichts anderes mehr zulassen."

Die Kultur in den Wahlprogrammen

Die bevorstehende Landtagswahl wird auch für die Kultur Weichen stellen. Die Wahlprogramme der Grünen und der Linken sehen ausdrücklich die Förderung kultureller Vielfalt vor, interkulturelle und freie Projekte sollen gestärkt, prekäre Arbeitsbedingungen bekämpft werden.

Die SPD will die kulturpolitische Strategie ausbauen, die sie selbst als erfolgreich bewertet. Das gefürchtete Wort von den kulturellen Leuchttürmen steht mehrmals im Programm, das die bislang verantwortliche Ministerin stets gerne nutzte, um inhaltliche Leere mit einem hübschen Synonym zu verbrämen.

Bei der FDP reichen zum Stichwort Kultur wenige Zeilen. Wertvoll sei, was überregional von Bedeutung ist. Die AfD setzt auf deutsche Leitkultur. Und im Programm der CDU wurde Kultur mutmaßlich schlicht vergessen. Die Presseabteilung war von unserer Nachfrage selbst überrascht.

"Piccolo"-Theater unbeeindruckt vom Wahlkampf

Der frühere Punker und Musiker Kai Uwe Kohlschmidt beschäftigt sich heute als Künstler kaum mehr mit tagesaktuellen Themen. Allerdings erreichen ihn heute manchmal Anfragen, die ihrerseits von der Wahrnehmung seiner Heimat in der Öffentlichkeit künden:

"Im Hörspiel und im Film hatte ich jetzt zwei Aufträge, rechte Musik herzustellen, die in rechten Kontexten gebraucht wurde, beispielsweise in einer Bastian-Pastewka-Komödie. Die brauchten Nazimusik. Das hatte ich vorher noch nicht."

Unbeeindruckt von Wahlkampf und Angriffen von rechts hat sich das "Piccolo"-Theater das Spielzeitmotto "Piccolo for Future" gesetzt. Eine klare Ansage, wofür dieses Kinder- und Jugendtheater auch in Zukunft steht. Dass das auf einige Landtagskandidaten zumindest herausfordernd wirken könnte, nimmt "Piccolo"-Chef Reinhard Drogla in Kauf:

"Wenn es schon eine Provokation ist, eine Meinung zu haben, dann ist es natürlich bedenklich. Wir werden weiterhin humanistische Werte vertreten. Das hat überhaupt nichts damit zu tun, wer Regierungspartei ist. Das ist der Vorteil, wenn man eine Position hat."

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