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Fazit / Archiv | Beitrag vom 03.03.2017

Vor der "Faust"-Premiere an der Berliner VolksbühneFrank Castorf im Schnelldurchlauf

Von Susanne Burkhardt

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Theater der Selbstverausgabung: Szene aus der Castorf-Inszenierung "Baumeister Solness" nach Ibsen an der Berliner Volksbühne. (dpa picture alliance/ Britta Pedersen)
Theater der Selbstverausgabung: Szene aus der Castorf-Inszenierung "Baumeister Solness" nach Ibsen an der Berliner Volksbühne. (dpa picture alliance/ Britta Pedersen)

Sein Theater sei wie eine "Drogenkonzentration". Sie müsse immer weiter gesteigert werden, meint Castorf. Wir erinnern an ein Theater der Selbstverausgabung. An Dämonen, Beleidigte und Idioten. Mit einer großen Inszenierung von Goethes "Faust" verabschiedet er sich von der Volksbühne. Was bleibt übrig nach fast 30 Jahren und rund 70 Inszenierungen?

"Ich war Hamlet – ich stand an der Küste – redete mit der Brandung – bla bla bla" (Zitat aus "Kean Hamletmaschine")

Frank Castorf an der Berliner Volksbühne – das sind in fast 30 Jahren um die 70 Inszenierungen

"Sind halt die Schweizer – die ziehen uns Russen das letzte Geld aus der Tasche ...  Ich habe nirgendwo eingeheiratet - Ich habe keine Juden bestohlen … ich habe nie aus der Parteikasse gelebt - und ich habe kein Schloss in der Uckermark / Du warst schon tot, bevor ich da war." (Zitate aus "Der Idiot", "Des Teufels General" u.a.)

Psychologie, Philosophie oder Pornografie

Frank Castorf an der Berliner Volksbühne das ist Theater zu "angewandter Psychologie, Philosophie oder Pornografie – das ist etwas ziemlich interessantes" (Frank Castorf). 

Frank Castorf an der Berliner Volksbühne - das sind unvergessliche Russen:

"Sie kennen Nastassja Filipowa?" (Zitat aus "Der Idiot")

Dämonen, Erniedrigte und Beleidigte und ein Idiot.

"Unheimlich schön!" (Zitat aus "Der Idiot")

Castorf an der Volksbühne, das ist Chaos, Geschrei, Musik, Film – ein Gesamtkunstwerk

Castorf: "Das ist wie ne Drogenkonzentration – die man immer weiter steigern muss – es gibtn bestimmtes Level – das Publikum kommt und das sagt: Das kennen wir, das wollen wir auch nicht mehr, wir wollen das was danach kommt erfahren."

Theater der Selbstverausgabung

Gut, dass die Qual nur kurz ist, wenn der Kopf wegfliegt, denn Frank Castorf an der Berliner Volksbühne, das ist zwischen Shakespeare, Houellebecq oder "Der Schneekönigin" auch ein Theater der Selbstverausgabung.

Frank Castorf an der Berliner Volksbühne - das sind Schauspieler wie Sophie Rois, Kathrin Angerer:

"Das Leben spielt natürlich auch immer mit rein, das wurde nie ignoriert, das ging immer in die Proben rein."

Bernhard Schütz, Herbert Fritsch oder Martin Wuttke:

"Du spinnst doch, du kannst doch nicht so mit den Kindern sprechen." (Zitat aus "Der Idiot")

Astrid Meyerfeldt, Milan Peschel und Alexander Scheer:

"Ja und die Premiere ist meistens auch der erste Durchlauf – das schafft diese druckvolle Spielweise  - das ist, glaube ich, das Geheimnis. / Das ist mir peinlich! Ergebensten Dank, Babuschka! Aber es ist mir peinlich. Schon gut, schon gut. Halt die Fresse!"

Castorf an der Volksbühne, das ist das Gegenteil von Normalität. Das ist grenzüberschreitendes Denken - die Ahnung der Möglichkeit einer anderen Gesellschaft.

"Halt endlich die Fresse! Und raus, Sophie, RAUS! – Kathie raus – RAUS – wir haben fast alles verloren. und du lutschst Eis – doppeldeutig? Ich bin noch nicht fertig – Unsinn – Setzen – was wird der André dazu sagen? Und der Klaus? Neinneinnein nein – im Budget ist sowas nicht vorgesehen – Was wollte ich sagen: das ist das Beste Theater – was geht’s Dich denn an?" (Zitat aus "Der Spieler")

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