Vor 75 Jahren: Urteile im Nürnberger Prozess

    "Nürnberg war Recht und nicht Rache"

    15:43 Minuten
    Schwarz-Weiß-Bild der Anklagebank im Saal 600 mit den Hauptkriegsverbrechern.
    Heute eine Gedenkstätte: der Saal 600, in dem die Hauptkriegsverbrecher des NS-Staates verurteilt wurden. © US National Archives and Records Administration (Public Domain)
    Von Thies Marsen und Jim Tobias · 30.09.2021
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    Vor 75 Jahren ergingen die Urteile im Nürnberger Prozess. Den Hauptkriegsverbrechern des NS-Staates widerfuhr, was sie ihren Opfern versagten: Ein rechtsstaatliches Verfahren. Der Prozess war in vielerlei Hinsicht wegweisend.
    "Wir sitzen in einem ganz besonderen Ort, an einem Tisch im Nebenzimmer des Saal 600 im Richterzimmer", erzählt Imanuel Baumann. Er ist seit einem halben Jahr Leiter des Memoriums Nürnberger Prozesse. Der Historiker, Jahrgang 1974, soll die Neugestaltung des kleinen Museums vorantreiben, das im Nürnberger Justizgebäude an der Fürther Straße untergebracht ist. In diesem Gebäude ging vor 75 Jahren ein Verfahren zu Ende, das im Wortsinn Rechtsgeschichte geschrieben hat: Der Prozess des alliierten Militärtribunals gegen die deutschen Hauptkriegsverbrecher.
    "An diesem Tisch saßen die alliierten Richter und haben beraten über das Urteil. Dann ging sie aus dieser Tür hinaus, betraten den berühmten Saal 600. Und dort kam es dann vor 75 Jahren zur Urteilsverkündung in Hauptkriegsverbrecherprozess."

    Die Führungselite des NS-Staates

    Nach rund zehn Monaten Verhandlungen verkündet der Vorsitzende Richter, der Brite Sir Geoffrey Lawrence, am 30. September und 1. Oktober 1946 die Urteile. Verurteilt werden der einstige Reichsluftfahrtminister Hermann Göring, Hitlers vormaliger Stellvertreter Rudolf Hess und 19 weitere Angeklagte. Es ist die Führungselite des NS-Staates – jedenfalls diejenigen, die sich nicht schon durch Suizid selbst gerichtet haben, wie Hitler, Himmler und Goebbels, oder die verschollen sind, wie Martin Bormann.
    Von den 21, denen in Nürnberg der Prozess gemacht wird, werden schließlich drei freigesprochen, sechs erhalten hohe Haftstrafen, zwölf die Todesstrafe. So auch der ehemalige Außenminister Nazi-Deutschlands: Joachim von Ribbentrop.

    Das Bild des Gerichtssaals geht um die Welt

    Das weltweite Interesse an dem Tribunal ist groß. Rund 250 Zeitungs- und Radioreporter sind akkreditiert und sorgen dafür, dass das Urteil um die Welt geht und die Bilder aus dem Saal 600 ins kollektive Gedächtnis der Menschheit eingehen: Der sich betont gelangweilt gebende Göring neben dem nervösen Hess auf der dichtgedrängten Anklagebank.
    Davor sitzen die Verteidiger, dahinter stramm stehend die uniformierten Wachmannschaften mit weißen Helmen. Gegenüber dem Richtertisch mit den acht Senatsmitgliedern – je zwei aus Frankreich, Großbritannien, den USA und der Sowjetunion.
    Daneben das Stehpult für die Vorträge der Ankläger und Verteidiger. Heute, 75 Jahre später sieht der Saal 600 ganz anders aus. Zwar sind die Wände und Decken immer noch holzvertäfelt, die Türportale im Neorenaissance-Stil üppig ausgeschmückt – doch der Saal ist deutlich kleiner. Den Besucherbalkon gibt es nicht mehr, dort wo einst die Medienvertreter saßen, ist eine Wand eingezogen. Von der Decke hängen statt riesiger Scheinwerfer vier üppige Leuchter.

    Umbau des Saals

    "Dieser Schwurgerichtssaal 600 wurde 1945 ja umgebaut durch die Alliierten, damit er den Erfordernissen des großen Hauptkriegsverbrecherprozesses auch erfüllen konnte: Große Scheinwerfer, dass es hell genug ist, dass der Prozess gefilmt werden konnte. Oder es musste Platz geschaffen werden für Pressevertreter.
    Das wurde 1960 zurückgebaut, meines Erachtens aus zwei Gründen: Zum einen, weil man diese Einrichtungen nicht mehr brauchte. Zum anderen aber auch, weil nichts mehr an diesen Prozess erinnern sollte. Man wollte diese Vergangenheit hinter sich lassen."
    Der Saal 600 sollte wieder ein ganz normaler Gerichtssaal sein, in dem wieder ganz normale Prozesse geführt werden. Ein halbes Jahrhundert lang wird diese Geschichtsverdrängung aufrechterhalten, doch irgendwann wird das öffentliche Interesse an dem Saal und seiner Geschichte dann doch zu groß.

    Recht, nicht Rache

    Die Stadt reagierte und eröffnete im Jahr 2010 im Dachgeschoss des Justizgebäudes schräg über dem Saal 600 eine kleine Ausstellung: das Memorium Nürnberger Prozesse mit zuletzt jährlich rund 10.000 Besuchern aus dem In- und vor allem aus dem Ausland, die natürlich alle auch den Originalschauplatz sehen wollen.
    Wegen der dort laufenden Verfahren, ist das aber oft nicht möglich. Deshalb gibt es seit anderthalb Jahren keine Prozesse mehr im Saal 600. Er dient jetzt ganz der Erinnerung an jenes herausragende Ereignis vor 75 Jahren, erklärt Imanuel Baumann:
    "Das neue und Revolutionäre war an diesem Hauptkriegsverbrecherprozess, dass erstmals in der Geschichte Einzelpersonen für Staats- und Menschheitsverbrechen dingfest gemacht und dafür bestraft wurden. Nürnberg war Recht und nicht Rache, und es war Gerechtigkeit durch Recht. Es war wichtig, um auch der Bevölkerung in der Zeit das Signal zu geben, dass einerseits die Verantwortlichen bestraft werden, aber andererseits es keine Rache ist."

    Alle erklären sich für unschuldig

    Die Führungsfiguren des nationalsozialistischen Unrechtsregimes bekommen also das, was sie ihren Gegnern stets verweigert haben: ein faires, rechtsstaatliches Verfahren. Umso jämmerlicher gebärden sie sich vor Gericht. Ausnahmslos alle erklären sich für unschuldig, die Meisten versuchen die Verantwortung auf jene abzuschieben, die nicht mehr gerichtet werden können: Hitler, Goebbels oder Himmler. Oder sie beteuern, nichts von den Verbrechen geahnt oder gar gewusst zu haben.
    Schwarz-Weiß-Bild in einer Gefängniszelle. Ein Mann sitzt vor einem kleinen Tisch. Darauf liegen mit Schreibmaschine beschriebene Papiere.
    Julius Streicher in seiner Zelle. Er hetzte gegen die Juden. Im Gerichtssaal war er ganz kleinlaut.© US National Archives and Records Administration (Public Domain)
    Das gilt selbst für die einst größten Hetzer des Regimes, wie Julius Streicher, einst Gauleiter von Franken. Als Herausgeber der antisemitischen Zeitung "Der Stürmer" hat er jahrzehntelang von Nürnberg aus den Hass gegen Jüdinnen und Juden geschürt:

    Unerträgliches Gebaren des ehemaligen Gauleiters

    "Erzieht die Kinder zu einem gesunden Hass, zu einem gesunden Zorn. Sagt den Kindern: Jawoll, mit der Peitsche hat er sie hinausgehauen, er war ein Hasser der Juden, erzeugt diesen Hass!" Doch vor dem Internationalen Militärtribunal beteuert Streicher: War alles nicht so gemeint.
    "Wenn in einigen Artikeln meines Wochenblattes 'Der Stürmer' von einer Vernichtung oder Ausrottung des Judentums gesprochen wurde, so waren dies scharfe Gegenäußerungen gegen provozierende Auslassungen jüdischer Schriftsteller."
    Besonders unerträglich ist das Gebaren des einstigen Gauleiters von Franken für seine einstigen Opfer. So wie Albert Meinhardt. Der gebürtige Nürnberger ist 1938 als 13-Jähriger aus seiner Heimatstadt vertrieben worden. 1945 kehrt er zurück – als Soldat der US-Armee. Im Nürnberger Justizpalast trifft er eines Tages unvermittelt auf den Stürmer-Herausgeber:

    "Ich hätte ihn gerne erschossen"

    "Damals war der Streicher schon gefangen, er war im Justizpalast in Nürnberg, die Verhandlungen waren noch nicht angefangen. Und eines Tages bekam ich eine Order, Dienstagnachmittag in Nürnberg im Justizpalast zu sein. Ich ging hin und war überrascht wie noch einmal: Hier kommt der Streicher persönlich.
    Man hat ihn gefragt, ob diese Dinge wahr sind oder nicht wahr sind. Er hat überhaupt kein Wort darüber gesagt. Ich hatte einen Revolver und ich hätte ihn gerne erschossen. Ich hatte nicht die Absicht es zu tun, aber die Versuchung war trotzdem groß. Es hat mit Religion zu tun: Du sollst nicht töten."
    Andere sind weniger gnädig. Zehntausende jüdische Überlebende des deutschen Vernichtungsfeldzugs sind nach Kriegsende in Bayern gestrandet. Sie verfolgen den Prozess mit besonderem Interesse – und mit Empörung: über das Verhalten der Angeklagten, über die teils unverblümte Nazi-Propaganda, die von den Verteidigern im Gerichtssaal verbreitet wird – etwa von dem Hess-Anwalt und späteren bayerischen CSU-Innenminister Alfred Seidl.

    Überlebende wollen Rache nehmen

    Viele bezweifeln, dass das Militärtribunal tatsächlich Gerechtigkeit herstellen kann. Auch Josef Harmatz. Der gebürtige Litauer hat als Partisan gegen die Deutschen gekämpft, nach dem Krieg schließt er sich der Gruppe Nakam an – auf Deutsch: Rache.
    "Wissen Sie, es wurden Zeugen um Zeugen vorgeladen. Die Fakten waren aber doch alle bekannt. Unsere Leute waren ermordet worden, und auch die Gräber waren bekannt, man hätte sie einfach nur zählen brauchen. Das machte uns krank, dies mit anzusehen. Und ich war wirklich sehr aufgeregt. Du konntest täglich in der Zeitung verfolgen, wo und wie sie saßen, zuerst Göring, dann kam Hess, Ribbentrop war der Dritte. Du hast also mitbekommen, was Sache war. Wir wollten irgendwie mit Maschinengewehren und Handgranaten ins Gerichtsgebäude eindringen und den großen Helden ein Ende bereiten."
    Schwarz-Weiß-Bild des Gerichtsgebäudes von außen. Davor stehen amerikanische Soldaten mit Jeeps und einem gepanzerten Fahrzeug.
    Während der Urteilsverkündung am 30. September und 1. Oktober 1946 wird das Gerichtsgebäude besonders streng bewacht.© US National Archives and Records Administration (Public Domain)
    Der Anschlagsplan wird schließlich verworfen. Zu groß sind die Sicherheitsmaßnahmen der US-Amerikaner, die an den Verhandlungstagen den Justizpalast weiträumig absperren und nur ausgewählte Besucher auf die Zuschauertribüne lassen. So nimmt der Prozess weitgehend ungestört seinen Lauf.

    Keine Anklage wegen des Genozids

    Vier Anklagekomplexe werden verhandelt: Verschwörung gegen den Frieden, Vorbereitung und Führung eines Angriffskriegs, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschheit, was oft fälschlicherweise als Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezeichnet wird. Nicht aber der Genozid an den Juden.
    "Die Shoah war Thema des Hauptkriegsverbrecherprozesses und des Nachfolgeprozesses, aber nicht als expliziter Anklagepunkt, was uns heute erstaunt und wundert. Die Shoah war nicht von vornherein ein Anklagepunkt. Auschwitz stand nicht im Mittelpunkt."
    Zur Sprache kommen Auschwitz und die Shoah aber durchaus – etwa bei der Vernehmung des einstigen Lagerkommandanten Rudolf Höss. "Im Sommer ’41 wurde ich zum persönlichen Befehlsempfang zum Reichsführer SS Heinrich Himmler nach Berlin befohlen, dieser sagte mir: Der Führer hat die Endlösung der Judenfrage befohlen."

    Einzelpersonen werden verantwortlich gemacht

    Das Stimmengewirr im Hintergrund bei der Aussage von Höss stammt übrigens von Dolmetscherinnen und Dolmetschern, die im Gerichtssaal direkt neben den Angeklagten postiert sind – und die das Gesagte simultan in alle vier Prozesssprachen übersetzen. Eine Technik, die beim Nürnberger Prozess erstmals zum Einsatz kommt und die heute bei internationalen Verfahren und Veranstaltungen Standard ist. Auch in Rechtsfragen setzt Nürnberg neue Standards, betont Imanuel Baumann:
    "Wesentlicher Aspekt der Nürnberger Prinzipien ist, dass einzelne Individuen dafür verantwortlich gemacht werden können für die Staats- und Menschheitsverbrechen, die sie verantwortet haben. Das war neu, das ist implementiert worden, und darauf hat sich das Völkerstrafrecht immer wieder bezogen."

    Die moralische Schuld stand außer Zweifel. Trotzdem war es schwierig, die NS-Größen auf der Grundlage von geltendem Recht zu verurteilen. Immerhin: Angriffskriege waren nach internationalem Recht verboten. Um aber einzelne Angeklagte belangen zu können, bedurfte es einer juristischen Konstruktion, berichtet die Sendung "Zeitfragen" [AUDIO] .

    © picture alliance / akg-images
    Doch eine internationale Strafgerichtsbarkeit kommt nach dem Ende des Nürnberger Prozesses erst einmal nicht zustande. Sie wird blockiert durch die Konfrontation im Kalten Krieg zwischen West und Ost. Unzählige Menschheitsverbrechen bleiben deshalb ungesühnt: Die US-amerikanischen Kriegsverbrechen in Vietnam, die französischen in Algerien, die Massaker im Kaschmirkonflikt, die sowjetischen Invasionen in Ungarn oder der Tschechoslowakei, die Menschenrechtsverletzungen in China – um nur einige zu nennen.

    "Ohne Nürnberg kein Den Haag"

    Erst nach dem Ende des Kalten Kriegs werden die Nürnberger Prinzipien wieder aktuell: So werden sogenannte Ad-hoc-Strafgerichtshöfe errichtet, um die Verantwortlichen für Kriegsverbrechen in den Jugoslawien-Kriegen und für den Genozid in Ruanda zur Rechenschaft zu ziehen. Und seit 2002 gibt es den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag.
    "Es war ein verschlungener Pfad von Nürnberg nach Den Haag, aber es war ein Weg von hier bis dort", sagt Baumann. "Ohne Nürnberg kein Den Haag."
    Allerdings haben viele Staaten das Statut des Internationalen Strafgerichtshofs bisher nicht unterzeichnet – etwa China, Russland oder die USA. Noch haben sich die in Nürnberg aufgestellten Prinzipien also nicht durchgesetzt. War der Prozess dennoch ein Fortschritt für die Menschheit?
    "Ja und Nein", sagt Baumann. "Also ja, weil es damals wirklich ein einzigartiger und am Ende ja auch bei allen Abstrichen gelungener Versuch war, schlimmstes Unrecht, Menschheitsverbrechen mit Recht zu sühnen, weil diese Prinzipien auch zur Anwendung kommen seit den Neunzigerjahren und Nullerjahren.

    Andenken wird missbraucht

    Nein, weil nicht alle Länder und Nationen sich auch diesen Nürnberger Prinzipien verpflichtet haben und verpflichtet fühlen. Und weil es auch viele schlimme Menschheitsverbrechen gibt, die nicht gesühnt worden sind nach diesen Nürnberger Prinzipien."
    Porträt von Immanuel Baumann im Saal 600 des Nürnberger Gerichtsgebäudes.
    Der Historiker Imanuel Baumann leitet das Memorium Nürnberger Prozesse und steht im Saal 600 vor der Richterbank.© Deutschlandradio / Jim Tobias
    Eines beschäftigt den neuen Leiter des Memoriums Nürnberger Prozesse, Imanuel Baumann, aktuell besonders: Dass zuletzt immer wieder Menschen das Andenken an Nürnberg missbrauchen, etwa Rechtsextremisten und Corona-Leugner, die ihren politischen Gegnern mit einem Gerichts-Tribunal à la Nürnberg drohen:
    "Zum Beispiel kann man dort in den sozialen Medien lesen: 'Nürnberg 2.0 kommt', oder es wird über Politiker gesprochen. Und dann liest man in den sozialen Medien: 'Ganz richtig, das muss man sich merken für Nürnberg 2.0. Keiner darf den Prozessen entkommen.' Wenn man das jetzt mal vergleicht mit der Situation ’45, der Mord an den europäischen Juden, Versklavung, Massenerschießungen, dann ist es eine Verharmlosung dieser Verbrechen von damals."

    Erinnerung lebendig halten

    Umso dringender sei es, die Erinnerung an die Nürnberger Prozesse lebendig zu halten, betont Museumsleiter Baumann.
    "Ich würde davor warnen, das abzutun, weil wir durch Umfragen wissen, wie viele Menschen zu solchen Sichtweisen, verschwörungstheoretischen Sichtweisen neigen. Die Menschen, die eher zu Verschwörungstheorien neigen, neigen auch zu Geschichtsrevisionismus.
    Und das ist kein Phänomen, das nur einzelne irregeleitete Menschen betrifft, sondern das ist eine reale Gefahr, die wir gegenwärtig haben. Deswegen ist es meines Erachtens wichtig, noch mal ganz genau tiefenscharf, sich immer wieder vor Augen zu führen: Was waren die Nürnberger Prozesse und wie ist ihre Wirkungsgeschichte?"
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