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Kalenderblatt | Beitrag vom 04.07.2018

Vor 75 Jahren ging US-Sender AFN on airWo die Nachkriegsjugend den Rock'n' Roll kennenlernte

Von Brigitte Baetz

ARCHIV - HANDOUT - Moderator Tim Gauger, Angehöriger der US-Armee, präsentiert am 06.03.1964 beim US-Soldatensender AFN in Frankfurt-Höchst die Show «Music in the Air». (zu dpa «US-Sender AFN gibt weitreichende Feldberg-Frequenz auf» vom 18.01.2017) ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit der Berichterstattung und mit vollständiger Nennung der Quelle Foto: Privatarchiv Dr. John Provan Foto: Privatarchiv Dr. John Provan/Privatarchiv Dr. John Provan;Point alpha/dpa | (Privatarchiv Dr. John Provan;Poi)
Der US-Sender AFN wurde nach Kriegsende in den Besatzungszonen ausgestrahlt. Hier am Mikrofon: Der US-Soldat Tim Gauger (1964). (Privatarchiv Dr. John Provan;Poi)

Der Sender AFN sollte ab 1943 die Kampfmoral der amerikanischen Truppen im Zweiten Weltkrieg stärken. Nach Kriegsende konnten ihn auch alle Deutschen in den Besatzungszonen hören. Für die Jugendlichen taten sich neue Musikwelten auf.

"This is the American Forces Network Europe."

London, den 4. Juli 1943, 17 Uhr 45. Mit der Übertragung der amerikanischen Nationalhymne aus einem Kellerraum der britischen BBC beginnt die Geschichte des American Forces Network: kurz AFN.

Der Zweite Weltkrieg geht in seine entscheidende Phase. Die US-Soldaten, die sich im Vorfeld der alliierten Invasion auf den britischen Inseln befinden, brauchen Unterhaltung und Nachrichten aus der Heimat. Im Gegensatz zu den anderen Auslandssendern dieser Zeit dient AFN vor allem den eigenen Truppen und der Stärkung ihrer Kampfmoral – auch, wenn General Dwight D. Eisenhower das neue Programm nutzt, um die Landung in der Normandie öffentlich zu machen.

"People of Western Europe: A landing was made this morning on the coast of France by troops of the Allied Expeditionary Force."

Mobile Sendeeinheiten für die Soldaten

Der Siegeszug der Alliierten bringt AFN nach Westeuropa. Von Le Havre bis Rom, von Paris bis Berlin: Überall, wo sich amerikanische Soldaten aufhalten, ist AFN mit mobilen Sendeeinheiten vor Ort, mit Schallplatten, die per Schiff oder Luftfracht aus den USA herbeigeschafft werden – und einem ganz besonderen Stil.

13.05.2018, Dahlem, Podbielskiallee, Berlin, Eine Informationstafel steht vor dem ehemaligen AFN Gebäude.  (picture-alliance / dpa / Sascha Steinach)Schild am ehemaligen AFN Gebäude in Berlin-Dahlem. (picture-alliance / dpa / Sascha Steinach)

"Good evening and welcome to Music in the Air, music for the early evening, for relaxing, dining, or just easy listening."

Eigentlich ist AFN nur für die Angehörigen der amerikanischen Armee gedacht, doch vor allem auf die Deutschen wirkt der Sender wie ein Botschafter aus einer anderen Welt. Er bringt ihnen den Swing und den Jazz zurück, Musik, die im Dritten Reich als entartet diffamiert worden war.

Teenagerzeit vor dem Radio

In der amerikanischen Besatzungszone und dem amerikanischen Sektor Berlins etablieren sich im Laufe der Zeit neun regionale AFN-Stationen, die die Jugendkultur entscheidend mitprägen werden. AFN Munich war die Erste. Fritz Egner, später Moderator des Bayerischen Rundfunks, erinnert sich an seine Teenagerzeit vor dem Radio:

"Der AFN hatte ja die Pflicht, alle ethnischen Gruppen in der amerikanischen Armee zu bedienen, und da war sogar eine Sendung aus Hawaii zu hören. Die Discjockeys, die haben das so rübergebracht, als gäbe es überhaupt nichts Besseres in dieser Welt. Und diese Leidenschaft und diese Begeisterung, die hat mich angesteckt."

Die Musik der großen Swingorchester, später Rock'n'Roll und Beat: AFN wird ungewollt zum großen amerikanischen Kulturexporteur – auch in Japan übrigens und in Südkorea. In Großbritannien versuchen Jugendliche über Mittelwelle die AFN-Programme aus Deutschland zu empfangen, um die neuesten US-Platten hören zu können.

Der Sänger und Moderator Bill Ramsey (1987). Ramsey kam in den 50er Jahren als GI nach Deutschland. (imago stock&people)Der Sänger und Moderator Bill Ramsey (1987). Seine Karriere begann in den 50er Jahren bei AFN in Frankfurt am Main. (imago stock&people)

Radiomoderatoren werden Kultfiguren

Seinem nicht-amerikanischen Publikum gibt AFN das Gefühl, auf der Höhe der Zeit, wenn nicht sogar Teil einer Avantgarde zu sein. Die US-Radiomoderatoren, von denen einige, wie zum Beispiel Rik de Lisle in Berlin, zu Kultfiguren werden, verstehen sich als Unterhalter, die zudem den Kontakt mit den Hörern suchen.

In deutschen Radiostationen ist das bis weit in die 70er-Jahre hinein undenkbar. Hier steht der Informations- und Bildungsauftrag immer noch an erster Stelle. Bill Ramsey, Sänger und in den 50er-Jahren Chief Producer bei AFN Frankfurt, erklärt die Unterschiede zwischen der amerikanischen und der deutschen Radiokultur jener Zeit:

"Als Präsentator einer Schlagersendung im deutschen Radio kam ein guter Sprecher hin und hat ein Manuskript vor sich. Die Platten wurden ausgesucht von einem Redakteur, und er hat gesagt: 'Jetzt hören wir so und so.' Unterschied bei amerikanischen und britischen Sendern: Die Discjockeys haben selbst die Musik ausgesucht, zum Teil von ihren eigenen Platten, haben die aufgelegt und als eine Platte lief, hat man die nächste vorbereitet und dann sprach man frei weg. Gar nichts ist aufgeschrieben gewesen."

"Entertainment, 24 hours a day. AFN FM Berlin, the great 88 in Stereo."

Radio Luxemburg beendet Goldene Ära

Die Goldene Ära von AFN endet in Deutschland erst mit dem Aufkommen des Privatsenders Radio Luxemburg und dem Entstehen der ARD-Servicewellen wie SWF 3. Pop ist auch im deutschen Radio gesellschaftsfähig geworden. Locker sein vor dem Mikrofon, das können die Deutschen nun selbst. Der großflächige Rückzug amerikanischer Soldaten aus Deutschland seit den 90er-Jahren tut sein Übriges – auf Mittelwelle sendet AFN nicht mehr. Einzelne Stationen, wie zum Beispiel in Kaiserslautern, existieren weiter, aber kein Teenager braucht den Soldatensender noch, um die neueste Musik aus Amerika hören zu können. Im Internet ist AFN nur noch ein Programm unter vielen.

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