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Zeitreisen / Archiv | Beitrag vom 18.03.2009

Vor 50 Jahren: Im Jeep nach Indien

Der Aufstand in Tibet und die Flucht des Dalai Lama

Von Paul Stänner

Vor 50 Jahren floh der Dalai Lama aus Tibet ins Exil nach Indien.  (AP)
Vor 50 Jahren floh der Dalai Lama aus Tibet ins Exil nach Indien. (AP)

Im Herbst des Jahres 1950 begann die Invasion der Chinesen in Tibet. Nachdem China das sogenannte 17-Punkte-Abkommen vorerst einhielt, das es Tibet aufgezwungen hatte, verschlechterte sich die Situation für Tibet dramatisch. Als zudem immer offensichtlicher wurde, dass die Chinesen den Dalai Lama offenbar entführen wollten, floh das weltliche und religiöse Oberhaupt der Tibeter ins Exil. Im März 1959 eskalierte die Situation in Lhasa. Bei den Kämpfen mussten abertausende Tibeter ihr Leben lassen.

Es begann mit einer Einladung zum Tanz. Der noch junge Dalai Lama wurde gebeten, eine Theateraufführung zu besuchen, in der Kaserne der chinesischen Truppen von Lhasa. Die Situation war angespannt, schon seit Jahren hatte es unbewaffnete und bewaffnete Auseinandersetzungen gegeben zwischen Tibetern und Chinesen.

"Erst zwei Tage später hörte ich wieder etwas von den chinesischen Behörden. Sie wollten nun definitiv wissen, wann ich Zeit hätte, der Tanzvorführung beizuwohnen."

Der Dalai Lama war ein junger Mann von 24 Jahren. Gerade hatte er, obschon er als anerkannte Wiedergeburt des 13. Lama bereits die oberste religiöse Autorität des Landes war, sein Examen in der Buddhismus-Wissenschaft abgelegt. Im März 1959 wurde die chinesische Einladung immer dringender. Zur Vorbereitung des Besuches sollte der Befehlshaber der Leibwache des Dalai Lama beim chinesischen Kommandeur erscheinen. Der Dalai Lama erinnert sich:

"Der Brigadekommandeur eröffnete ihm, dass die chinesischen Behörden von uns verlangten, auf die üblichen Förmlichkeiten meiner Besuche zu verzichten. Er bestand vor allem darauf, dass mich keine tibetischen Soldaten begleiteten, höchstens, wenn es sein musste, zwei oder drei unbewaffnete Leibwachen. Und er fügte hinzu, dass die ganze Sache absolut geheim gehalten werden solle. Das waren seltsame Wünsche, über die meine Berater nachher lange diskutierten."

Der Österreicher Heinrich Harrer war 1946 auf der Flucht aus einem britischen Gefangenenlager in Indien in die tibetische Hauptstadt Lhasa gekommen. Er war dort sieben Jahre geblieben und wurde ein enger Freund des jungen Dalai Lama. 1959, wenige Monate nach dem Aufstand in Tibet, berichtet er über die Ereignisse um den Sommerpalast des Dalai Lama:

"Und nun ist es immer düsterer geworden, es hat sich zusammengebraut, dieser Unwille, bis eben dann zum Schluss in Lhasa, das war nach unserem Datum im März am 10. März, als etwa 15.000 Tibeter den Sommergarten umzingelt haben, und zwar hatten die Chinesen einen Gesandten geschickt zum Dalai Lama, dass er allein, nur von ein paar Dienern begleitet, zu einer Militärparade und zu einem Theater in die Garnison der Chinesen kommen soll und das haben die Tibeter als ein Signal aufgenommen, dass er hineingelockt würde und wahrscheinlich nie wieder zurückkommen würde, was nicht so unberechtigt ist, denn das ist ja vorher, bei vorherigen Dalai Lamas schon oft passiert, dass sie mysteriös umgekommen sind, wenn die Chinesen in Lhasa waren."

Tibet, das ursprünglich eine weitaus größere Ausdehnung hatte als der Bereich, der in der aktuellen Politik eine Rolle spielt, verband seit Jahrhunderten eine wechselvolle Geschichte mit seinem großen Nachbarn China. Der Titel des Dalai Lama wurde 1578 durch den damals China beherrschenden Mongolen Altan Khan verliehen und bedeutet "Meeres-Lama". Darin wird eine Erweiterung des mongolischen Titels "Meeres-Khan" gesehen, der die weltumspannende Macht des Mongolenherrschers beschreiben soll. Diese wird nun in geistlicher Hinsicht dem Lama zugeschrieben. In der Tat waren lange Zeit die Dalai Lamas die spirituellen Tutoren der chinesischen Kaiser. Werner Pfennig, Politologe und Ostasienhistoriker in Berlin, beschreibt das Verhältnis zwischen Tibet und China.

"Über den langen Zeitraum immer sehr wechselhaft, wobei von der politisch-staatlichen Seite das chinesische Kaiserreich dominierte, aber über einen längeren Zeitraum religiös Tibet. Tibet hatte quasi die religiöse Mentorenrolle zur Zeit der Mongolen-Dynastie, gehörte aber zum chinesischen Kaiserreich. Die einzige Zeit, wo es nach moderneren nationalstaatlichen Kriterien quasi unabhängig war, das ist so der Zeitraum von 1912 bis 1949. Diese staatliche Unabhängigkeit wurde ausgerufen, fand aber nie offizielle Anerkennung. Tibet hat bei den Vereinten Nationen angeklopft, ist abgewiesen worden, kann also von sich aus sagen, es hätte einen Zeitraum von rund 50 Jahren voller Eigenständigkeit, die aber keine Anerkennung fand."

Nachdem China über Jahrhunderte, mal mehr, meistens weniger in das entfernte Tibet hineinregiert hatte, lag 1912 zum ersten Mal eine Unabhängigkeitsformulierung auf dem Tisch. Die Zeit dafür schien günstig. Dieses Verlangen blieb in Peking nicht unbemerkt. Werner Pfennig:

"Sie haben schon hingehört, sie haben das nicht akzeptiert. Aber China war in diesem Zeitraum [1912 – 1949] nicht besonders konfliktfähig. Das Kaiserreich ging 1911/1912 zu Ende, es wurde die Republik China gegründet, deren Hauptmerkmale waren Bürgerkrieg, Schwäche, innere Zerrissenheit. In dieser Zeit war gar nicht die Möglichkeit, das sich unabhängig gebärdende Tibet wieder stärker an China zu binden. Das ist erst der Fall nach Ausrufung der Volksrepublik China, also erst 1950 gelingt es der neuen Volksrepublik China, Tibet wirklich "heim ins Reich" zu holen."

"Heim ins Reich" ist die durchaus zwiespältige Formulierung dafür, dass das kommunistische China, nachdem es seine inneren Streitigkeiten überwunden hatte, sich wieder den äußeren Regionen zuwandte. China argumentierte stets, dass es im Grunde genommen das rückständige, weit abgelegene und daher von der Dynamik der Moderne abgeschnittene Tibet reformieren wolle. Zu den alten Herrschaftsansprüchen gesellte sich das Pathos der Revolution zum Besten der Menschheit. Dabei hat auch der Dalai Lama die Notwendigkeit für Reformen in seiner Autobiographie nicht bestritten. Als junger Mann, der noch ein Mönch in der Ausbildung war, hatte er sich in seinem Palast einige Luken gesucht, durch die er auf die Straße und in andere Räume des Verwaltungszentrums spähen konnte.

"Einmal wurde ich Zeuge einer Besprechung zwischen Sekretären des Regenten, die sich zusammengefunden hatten, um über die Klagen eines Pächters über seinen Gutsherrn zu entscheiden. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie armselig dieser Mann aussah. Er war schon ziemlich alt, klein und vornüber gebeugt, mit grauem Haar und einem dünnen Schnurrbart. Zu seinem Pech hatte die Familie seines Gutsherrn gute Beziehungen zu der des Regenten und so wurde sein Fall abgewiesen. Ich empfand tiefstes Mitleid mit ihm, konnte aber nichts für ihn tun. Als ich nun Berichte über ähnliche Fälle hörte, bestärkte mich dies in meiner Überzeugung, dass eine Justizreform vonnöten war."

Ebenso sieht der Dalai Lama die Notwenigkeit von Reformen im Schul-, Gesundheits- und Straßenbauwesen. Tibet war in Jahrhunderte alten Verkrustungen stecken geblieben. Schulden wurden damals unentrinnbar von einer Generation auf die nächste vererbt, dies wenigstens konnte der Dalai Lama beseitigen. Werner Pfennig beschreibt das damalige Tibet als ein Land

"wo die weltliche Macht von zwei religiösen Oberhäuptern, dem Dalai Lama und dem Panchen Lama ausgeübt wurde, wo es wohl wenig eigene Rechte an Grund und Boden gab, wo die meiste Landfläche Klostergut war und wo Leute wie auch in Europa im Mittelalter mehr oder weniger freiwillig unentgeltlich dort tätig waren. Also ein Priesterkönigtum mit den Merkmalen einer Feudalherrschaft, wobei es uns natürlich sehr schwer fällt, herauszubekommen, wie freiwillig und wie glücklich die Menschen waren. Es war ein Mangel an Alternativen."

1. Oktober 1949: In China ruft Mao die Volksrepublik aus.

Ein Jahr später, im Oktober 1950, begann der Einmarsch der roten Volksbefreiungsarmee. Infolge der Kämpfe, der schlechten Wegverhältnisse und der dünnen Höhenluft, die den chinesischen Soldaten zu schaffen machte, zog sich der Feldzug lange hin. Die unterlegenen tibetischen Truppen hatten keine Chance. Was den Chinesen half, war die Kollaboration einzelner Tibeter – so schickten die Berater des erst dreizehnjährigen Panchen Lama, die Nr. 2 in der tibetischen Hierarchie, ein Telegramm an Mao Zedong, mit dem Wunsch nach der "Befreiung" Tibets. In der Tat gab es in der tibetischen Feudalgesellschaft auch Sympathien für die kommunistischen Ideen.

Die Dramatik der Ereignisse brachte die gewohnten Abläufe durcheinander. Unter dem Eindruck des Einmarsches einer fremden Macht – Tibeter haben eine eigene Sprache, eigene Schrift, eigene Religion, eigene Bräuche, die denen der Chinesen nicht ähneln – wurden die beiden Staatsorakel befragt. Auf ihr Geheiß hin wurde der erst fünfzehnjährige Dalai Lama im November 1950, drei Jahre früher als vorgesehen, als weltliches und geistliches Oberhaupt Tibets inthronisiert. Er wurde somit zum Gegenspieler der erfahrenen Machtpolitiker in Peking. Und die hatten einen Plan. In seiner Autobiographie schreibt der Dalai Lama:

"Anfang November, rund zwei Wochen vor meiner Inthronisation, kam mein ältester Bruder nach Lhasa. Er war inzwischen Abt des Kloster Kumbum geworden. Sobald ich ihn erblickte, sah ich, dass er sehr gelitten hatte. Er war in einem schlimmen Zustand, überaus angespannt und besorgt und stotterte, als er mir seine Geschichte erzählte. Wegen ihrer großen Nähe zu China war die Provinz Amdo, in der sich auch das Kloster Kumbum befand, bereits in die Hände der Kommunisten gefallen. Er war sofort unter Druck gesetzt worden. Die Bewegungsfreiheit der Mönche wurde eingeschränkt, er selbst wurde wie ein Gefangener in seinem eigenen Kloster gehalten."

Im August 1959, wenige Monate nach der Flucht des Dalai Lama, berichtete sein Bruder Thursten Norbu in Berlin auf einer Pressekonferenz:

"1949 wurde ich von den Chinesen unter Hausarrest gestellt und wurde in Chinesisch und kommunistische Schulungen unterrichtet und wurde dann von China aus nach Lhasa geschickt zu seinem Bruder, um ihn und die Regierung zu beeinflussen."

In seiner 1990 erschienen Autobiographie äußert sich der Dalai Lama über den gedachten Einfluss deutlicher:

"Sie hatten ihm nur unter der Bedingung gestattet, nach Lhasa zu kommen, dass er versprach, mich zu überreden, die Herrschaft der Chinesen anzuerkennen. Sollte ich mich dagegen auflehnen, hatte er den Befehl, mich umzubringen, wofür er belohnt werden sollte."

Ein Appell an die Vereinten Nationen blieb ohne Wirkung. Tibet war von der Weltgemeinschaft nicht als souveräner Staat anerkannt. Tibet entschloss sich, den Dalai Lama zu seiner Sicherheit an die indische Grenze zu bringen und dann mit Peking Verhandlungen aufzunehmen. Im April und Mai 1951 verhandelte eine Delegation in der chinesischen Hauptstand. Thursten Norbu, der Bruder des Dalai Lama:

"Dann brachten sie den Gouverneur und einige Offiziere nach Peking und verlangen das 17-Punkte-Abkommen. Dieses Abkommen ist nicht in Tibet, nur in China anerkannt. Sie forderten vom Gouverneur, dieses Abkommen zu unterzeichnen."

Dieses Abkommen regelte die – aus chinesischer Sicht – "Wiedereingliederung" Tibets in das chinesische Mutterland. Tibet wurde regionale Autonomie zugesichert und der Erhalt des existierenden politischen Systems. Reformprozesse sollten nur durch die tibetische Regierung oder in Abstimmung mit ihr durchgeführt werden. Religionsfreiheit sowie der Unterhalt der Klöster wurden gesichert. In Punkt 8 wurde bestimmt, dass die tibetische Armee in der chinesischen aufgehen sollte. In Punkt 15 wurde die Einsetzung eines militärischen und administrativen Komitees in Lhasa bestimmt sowie die Einrichtung eines militärischen Hauptquartiers. Die tibetische Delegation hatte kein Mandat, einer solch weitreichenden Vereinbarung zuzustimmen. Sie ergab sich dem Druck der Pekinger Gastgeber und stimmte zu. Das notwendige Siegel, dass der Dalai Lama in seinem Versteck bei sich trug, fälschten diese kurzerhand. Der Dalai Lama erfuhr von dem Abkommen aus dem Radio.

In den folgenden Jahren versuchte der Dalai Lama, sich mit den Chinesen zu arrangieren. Keine ausländische Macht wäre den Tibetern zu Hilfe gekommen, denn seit 1950 tobte der Koreakrieg, niemand hätte einen weiteren Konflikt riskiert. Der Dalai Lama hatte mit dem Kommandeur der chinesischen Truppen zu verhandeln und bekam so Gelegenheit, dessen goldene Rolex-Uhr zu bewundern. Die Chinesen führten sich auf wie Herrenmenschen. Klöster wurden zerstört, alte Verhältnisse vernichtet. Dadurch veränderte sich das Verhältnis der Tibeter zu den Chinesen, wie Heinrich Harrer berichtete:

"Die Invasion begann ja schon Herbst `50, die haben dann aber ein Jahr gebraucht, bis sie nach Lhasa gekommen sind, das war im Herbst `51 und in den ersten Jahren waren sie ja sehr tolerant, und haben sie die Tibeter walten lassen und schalten lassen und die Tibeter haben immer versucht, einschließlich dem Dalai Lama, das Beste daraus zu machen. Und haben mit den Chinesen zusammengearbeitet, aber nach ungefähr drei Jahren ist das nicht mehr gegangen, weil sie Landreformen gemacht haben, die den Tibetern nicht mehr gepasst haben, sie haben dann die Mönche gezwungen, arbeiten zu gehen und die ganzen internen Angelegenheiten, die den Tibetern versprochen worden waren, haben die Chinesen eben nicht mehr eingehalten."

Der Historiker Werner Pfennig aus heutiger Sicht:

"Auslöser dieses Aufstandes war eine rigide Politik, die mit wenig Toleranz, mit wenig Einfühlungsvermögen jahrhundertealte Traditionen zerstört hat in Tibet und dann 1959 die Maßnahmen, die im übrigen China praktiziert wurden, Vergesellschaftung, Einrichtung von Volkskommunen, die wurden auch in Tibet angewandt und das hat massiven Widerstand, Opposition der Bevölkerung hervorgerufen."

Es wurde immer deutlicher, dass es das Ziel der Besatzer war, das Land nach ihren Vorstellungen umzuformen. Die Tibeter wurden mehr und mehr ihrer Heimat beraubt. Im März 1959 eskalierte der Konflikt. Der Vertraute des Dalai Lama, Heinrich Harrer:

"Am ersten des zweiten Monats, des Erde-Schwein-Jahres, wie die Tibeter dieses Jahr nennen, da begann sich alles zu akkumulieren, da hat sich alles zusammengebraut, der Unwille des Volkes, dass die Chinesen nicht ihre 17 Punkte eingehalten haben, sie haben sogar die Statuen und die Butterlampen und die Bücher in den Klöstern und Tempeln haben sie mit Steuern belegt je nach ihrem Wert und Gewicht und so weiter und das hat langsam das Volk so aufgebracht, dass sie eben nicht mehr mitgetan haben und sie haben dann öffentlich Pamphlete, Broschüren der Chinesen, wo die 17 Punkte drauf waren, zerrissen, haben dann eine riesige Volksversammlung einberufen, wo über tausend Tibeter in der Druckerei der tibetischen Regierung verhandelt haben und erklärt haben, dass sie ein unabhängiges Land sind, die Chinesen sollen nach Hause gehen! Und die Tibeter wollen als freies Land weiter leben ohne die Chinesen."

Der Dalai Lama sollte ohne Leibwache in die chinesische Garnison kommen. Der Sommerpalast, in dem er sich aufhielt, wurde von Tibetern umstellt. Innerhalb weniger Stunden versammelten sich 30.000 Menschen, um zu verhindern, dass das höchste religiöse und weltliche Oberhaupt der Tibeter in die Garnison der chinesischen Besatzer ging. Die Menschen konnten sich die Einladung und ihre seltsamen Begleitumstände nur mit der Absicht der Chinesen erklären, den Dalai Lama entführen zu wollen.

"Und nun hat das Volk also gesagt, der Dalai Lama darf nicht dorthin gehen, haben den Palast umzingelt, damit niemand hinein und hinaus kann. Und nun kamen da immer wieder Tibeter, Abgesandte der Chinesen, die das Volk aber gekannt hat, die haben sie dann auf entsetzliche Weise in einer religiösen Ekstase haben sie die umgebracht, etwas, was die Tibeter - einmal in einer Generation irgendein Anlass gegen ihre Religion bringt sie dann so auf, dass sie überhaupt völlig über jeder Kontrolle sind, so ist das auch dort passiert, einen von diesen Kollaborateuren haben sie dann ganz schrecklich umgebracht."

Die Situation geriet außer Kontrolle. Die Tibeter, auch die Mönche, bewaffneten sich, es fanden Demonstrationen statt, immer mehr Menschen kamen nach Lhasa, es wurde aus Gewehren und Kanonen geschossen. Am 16. März wurde deutlich, dass die Chinesen mit aller Macht den Aufstand niederschlagen würden. Das Orakel riet zur sofortigen Flucht des Dalai Lama. Heinrich Harrer:

"Der Aufstand in Tibet und die Flucht des Dalai Lama 1959. Das war ein weiterer Anlass, dass die Chinesen dann eines Tages zwei Kanonenschüsse abgegeben haben in den Sommergarten hinein, wo das Volk außen herum versammelt war. Und das hat dann auch die Adeligen und diese Mönche und die Volksversammlung dazu veranlasst, den Dalai Lama zu bitten, sofort Lhasa zu verlassen. Und das war um vier Uhr nachmittags, am 17. März und sonst ist zu dieser Jahreszeit immer ein Sandsturm am frühen Nachmittag, diese Sandstürme zeigen immer die Ankunft des Frühlings an, dass der Winter gebrochen ist und nun ist der Sandsturm an diesem Tag etwas später gekommen, erst gegen Abend und das war für die Tibeter wie ein Gotteszeichen, der Himmel war schwarz, und am Abend, wie es dann dunkel wurde, konnten diese großen Lichter der Chinesen, der chinesischen Garnisonen, konnten durch diese Sandwolken überhaupt nicht durchdringen und da ist der Dalai Lama dann verkleidet als ein ganz gewöhnlicher Tibeter mit einer gestrickten Wollmütze, wissen Sie, diese Wollmützen, die vorne nur das Gesicht frei lassen, so eine Wollmütze hat er über sein Gesicht gezogen gehabt, und nur begleitet von drei Mönchen ist er dann hinaus, und blieb unerkannt von den 15.000 Tibetern, er ist durch das südliche Tor hinaus."

Unterstützt von Aufständischen und vorbereitet durch die Armee gelingt dem Dalai Lama die nächtliche Flucht. Am nächsten Tag erkennen die Chinesen, dass das Oberhaupt der Tibeter entkommen ist. Durch Lhasa fahren Lautsprecherwagen, die verkünden, der Dalai Lama sei von Räubern entführt worden.

"Dann hat die systematische Beschießung begonnen, im Ganzen schätzt man, dass ungefähr 10.000 Tibeter ihr Leben lassen mussten, alle, die um den Norbulingka, um den Sommerpalast herum waren, etwa 10.000 konnten fliehen, 10.000 wurden verschleppt, also für Eisenbahn- und Kanalbau und Straßenbau nach China hinein und Lhasa ist jetzt eine völlig leere Stadt, die Chinesen mussten eiligst Brunnen graben, weil das Flusswasser, das sonst verwendet wurde, von den tausenden toten Körpern völlig unbrauchbar geworden war und die Tibeter haben natürlich von den Kollaborateuren die Häuser vernichtet, die Bank, die Radiostation, das wurde alles von den Tibetern zerstört, aber inzwischen haben natürlich die Chinesen wieder die Oberhand bekommen."

Die Flucht auf Pferden wurde durch die dichte Vegetation im Süden Tibets, die die Flüchtigen gegen etwaige Suchflugzeuge abschirmte, begünstigt. Der Dalai Lama schreibt:

"Am Morgen des 18. April 1959 wurde ich in einem Jeep zu einem Feldlager namens Foothills gebracht. Herr Menon unterrichtete mich dann über die Vorbereitungen, die die indische Regierung für mich getroffen hatte."

In Berlin sagte vier Monate später der Bruder des Dalai Lama:

"Wir wollen völlig frei sein, denn bis 1950 waren wir völlig unabhängig."

"Die unmittelbaren Folgen waren vor allen Dingen der Tod von mehr als 80 000 Menschen."

Ulrich Delius von der Göttinger "Gesellschaft für bedrohte Völker":

"Sie sind niedergeschossen worden, sie sind eingesperrt worden, zum Teil unter Folter gestorben, die meisten aber direkt unter den Gewehrkugeln der chinesischen Armee gestorben."

Mit dem Dalai Lama im Exil war den Tibetern der Mittelpunkt ihrer Existenz als Volk und als Religion genommen worden. Und in diese Verunsicherung hinein wirkten die Umerziehungspläne der chinesischen Machthaber, Pläne, die Heinrich Harrer 1959 so beschrieb:

"Das Wichtige ist im Augenblick, dass die Chinesen daran sind, die Rasse der Tibeter, diese Nation, zu vernichten. Die Tibeter sind nämlich eine völlig eigene Rasse, eigene Nation, sie haben eine eigene Sprache, eine eigene Schrift, sie haben eigene Kleider, Nahrung, Religion Kultur, alles ist ein völlig geschlossenes, eigenes Tibet, und das vernichten jetzt die Chinesen und da müsste man einschreiten."

Jahrelang hielt sich, mit Hilfe der amerikanischen CIA, ein Guerillawiderstand in entlegenen Landesteilen. Dennoch wurde Tibet nach und nach von den Chinesen übernommen, die Repressionen kosteten Hunderttausende das Leben, vor allem die Kulturrevolution fegte wie ein Sturm über das Land. 6000 Klöster wurden geschleift. Verhandlungen über die Rückkehr des Dalai Lama nach Lhasa kamen aber zu keinem Ergebnis.

Die Regierung in Peking ließ keinen Zweifel daran, dass sie das strategisch wichtige Tibet, das über bedeutende Bodenschätze verfügt, als Verfügungsmasse Chinas ansah. Die Ansiedlung von Han-Chinesen, vor allem nach dem Bau der Eisenbahn nach Lhasa, hat die Bevölkerungsmischung und die ökonomischen Verhältnisse zu Ungunsten der Tibeter verschoben.

Bis heute ist es China aber nicht gelungen, die Position des Dalai Lama als sozialen und religiösen Brennpunkt der Tibeter zu erschüttern. Seine Stimme hat Gewicht, weltweit genießt er großes Ansehen. Bei öffentlichen Auftritten und in Gesprächen mit Politikern wirbt der Dalai Lama in zahlreichen Ländern für die Eigenständigkeit der Tibeter – wie hier in seinem Exil in Nordindien am 25. Oktober 2008:

"In diesem kritischen Moment, während viele unserer Brüder und Schwestern in Tibet große Opfer bringen, dürfen wir, die wir in der freien Welt leben, nicht schweigen oder untätig bleiben. Wir dürfen nicht so tun, als bekämen wir nicht mit, was in unserer Heimat geschieht."

"Er ist sicherlich noch immer eine Integrationsfigur, er ist sozusagen der Mittler zwischen den Welten, zwischen denen, die für einen radikaleren Kurs stehen und denen, die häufiger etwas älter sind und die sagen, wir müssen einen moderaten Kurs mit China wählen. Nur er kann eigentlich diese verschiedenen Flügel unter einen Hut bringen, vereinen.",

sagt Ulrich Delius von der Göttinger "Gesellschaft für bedrohte Völker".

Eine risikoreiche Situation wird entstehen, wenn der 14. Dalai Lama stirbt. Peking wird eine Wiedergeburt nach seiner Wahl präsentieren, die die Tibeter nicht akzeptieren werden. Dabei geht es heute in den Vorstellungen des jetzigen Dalai Lama nicht mehr um die Loslösung Tibets von China, sondern nur um kulturelle Eigenständigkeit, die die chinesische Verfassung der Himalaya-Region gewähren sollte. Werner Pfennig:

"In den letzten 20 Jahren ist in China ja sehr viel passiert. Der Modernisierungsprozess wird auch zu einer Verbesserung in Tibet führen, davon kann, glaub ich, sicher ausgegangen werden. Das wird aber auch bewirken, dass der Einfluss der Religion zurückgehen könnte. Wenn die Volksrepublik China immer stärker repressiv agiert, dann stärkt das die Religion. Ist sie schlau genug und öffnet der Bevölkerung dort weitgehend Freiräume, erlaubt auch kulturelle Eigenständigkeit, dann mindert das den Einfluss der buddhistischen Priester und Klöster, und die Volksrepublik China hat in ihrer Geschichte meist unter Beweis gestellt, dass das sehr kluge, pragmatische Leute sind, die in langen Zeiträumen denken. Ich hoffe, dass der Rest der Welt China in höflicher, nachdrücklicher Weise klar macht, dass der jetzige Dalai Lama der beste Gesprächspartner ist, den sie bekommen können und dass es im Interesse aller Beteiligten wäre, dort eine weitestgehende kulturelle Autonomie zuzulassen."

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