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Kalenderblatt | Beitrag vom 14.01.2019

Vor 50 JahrenDer große Postzugraub vor Gericht

Von Alfried Schmitz

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Der Posträuber Bruce Reynolds (l) in Handschellen nach seiner Anhörung vor dem Gericht in Linslade (Bedfordshire). Aufnahme vom 9.11.1968. Bruce Reynolds war der Anführer der Räuberbande des legendären Großen Postzugraubs im Jahre 1963. Die Räuber erbeuteten damals umgerechnet rund 28 Millionen Mark. Foto: UPI | (UPI)
Der Posträuber Bruce Reynolds am 9.11.1968 in Handschellen nach seiner Anhörung vor dem Gericht in Linslade (UPI)

Bei einem Überfall auf einen britischen Postzug 1963 erbeuteten die Täter umgerechnet rund 56 Millionen Euro. Erst Jahre später wurde Bruce Reynolds, der Kopf der Bande, gefasst. Am 14. Januar 1969 erging das äußerst harte Urteil gegen ihn.

Richter Sir Edmund Davies kannte keine Gnade mit den Posträubern, als er ihnen im April 1964, nur acht Monate nach ihrem Überfall auf einen Geldzug, das Urteil verkündete. Sieben der Angeklagten sollten für 30, vier der Täter für 20 und mehr Jahre hinter Gitter.

Der Chef der Bande, Bruce Reynolds, befand sich zu diesem Zeitpunkt noch auf der Flucht.

August 1963. Morgens, kurz vor halb fünf, bei Scotland Yard in London geht ein Anruf ein: Ein aufgeregter Mann meldet, dass der Postzug von Glasgow nach London in der Nähe von Cheddington, rund 35 Meilen vor London, überfallen wurde. Die lokale Polizei wird alarmiert und rückt zum Tatort aus.

128 prall gefüllte Geldsäcke

Eine 15-köpfige Bande, angeführt von dem damals 31-jährigen Bruce Reynolds, hatte den Zug, der Banknoten von Glasgow zur Zentralbank nach London bringen sollte, mitten auf der Strecke durch ein manipuliertes Haltesignal gestoppt. Während einige der Räuber das Personal in Schach hielten, luden andere 128 prall gefüllte Geldsäcke in bereitstehende Fluchtfahrzeuge.

Die Beute der Bande: 2,6 Millionen britische Pfund Sterling, umgerechnet circa 56 Millionen Euro. Ein unglaublicher Coup, den Reynolds mit seinen Männern über ein Jahr lang intensiv vorbereitet hatte.

"Man muss sich in allen Details hundertprozentig sicher sein, wenn man das perfekte Verbrechen begehen will. Wir wussten, dass wir ein Risiko eingingen, aber die Begeisterung in der Bande war groß. Jeder wollte an diesem Riesending beteiligt sein", sagte Bruce Reynolds viele Jahre nach dem Überfall in einem Fernsehinterview.

Sympathien für ein Gaunerstück

Weil die Posträuber lediglich mit Schlagstöcken bewaffnet waren, um möglichst ohne Blutvergießen vorgehen zu können, zeigten viele Menschen Sympathie mit den Gangstern und ihrem kühnen Gaunerstück.

Die Staatsmacht war weniger amüsiert und setzte eine bis dahin noch nie dagewesene Fahndungsmaschinerie in Gang. Leiter der Ermittlungsgruppe bei Scotland Yard war Tommy Butler, der alles daran setzte, die Bande zu fangen.

Nachdem Scotland Yard Fahndungsplakate veröffentlicht und eine Belohnung von über 200.000 Pfund ausgesetzt hatte, gingen unzählige Hinweise bei den Ermittlern ein. Ein Großteil der Bande konnte daraufhin festgenommen werden.

Bruce Reynolds jedoch ging der Polizei erst fünf Jahre nach dem Raub ins Netz. Er war mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn Nick nach Mexiko geflohen. Als die Familie 1968 nach England zurückkehrte, wurde Reynolds an seinem neuen Wohnort an der Kanalküste von der Polizei aufgespürt.

25 Jahre ohne Bewährung

Die spektakuläre Verhaftung seines Vaters ist Nick Reynolds auch heute noch in wacher Erinnerung:

"Es war ungefähr sieben Uhr morgens, als es an der Haustür klingelte. Ich öffnete, und sofort stürmten 20, 30 Polizisten an mir vorbei. Einige liefen die Treppe hoch, angeführt von einem grauhaarigen Mann. Das war Tommy Butler, der meinen Vater fünf Jahre lang gejagt hatte. Als mein Vater abgeführt wurde, sah ich eine riesige Menschenmenge vor unserem Haus, darunter unzählige Fotografen und Presseleute."

Am 14. Januar 1969 wurde Bruce Reynolds der Prozess gemacht. Obwohl er seine Tat bereute und sich für schuldig bekannte, verurteile ihn der Richter zu 25 Jahren ohne Bewährung. In einer TV-Dokumentation sagte Bruce Reynolds später zu diesem Urteil:

"Jemanden für ein zugegebenermaßen schweres Vergehen an der Gesellschaft, das aber kein Gewaltverbrechen war, doppelt so schwer zu bestrafen wie für einen Mord, hielt ich für einen großen Fehler. Das sprengte jedes Maß."

Im Juni 1978 kam Reynolds im Zuge einer Strafrechtsreform aus dem Gefängnis frei. Er veröffentlichte seine erfolgreiche Autobiografie und arbeitete als Autor für verschiedene Zeitschriften.

Am 28. Februar 2013 starb der Kopf der legendären Posträuber im Alter von 81 Jahren.

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(Deutschlandfunk Kultur, Kalenderblatt, 8.7.2015)

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