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Zeitreisen / Archiv | Beitrag vom 11.06.2008

Vor 50 Jahren: Als die Wasserqualität zum Problem wurde

Die Rheinverschmutzung und die Anfänge des Umweltbewusstseins

Blick in das Mittelrheintal von der Loreley (AP Archiv)
Blick in das Mittelrheintal von der Loreley (AP Archiv)

Der Rhein mit seinen malerischen Kulissen, den Burgen, der Loreley und den Weinhängen war früher Inbegriff deutscher Romantik. Vor 50 Jahren wurde er zum Sorgenkind der Wasserwerke. Denn der Rhein war so verschmutzt, dass sich Gutachter Sorgen um das Trinkwasser machten.

Es war die Zeit ungetrübten Fortschrittsglaubens. Doch in dieser Zeit begann auch ein Umdenken über den Umgang mit der Natur. Die alarmierenden Meldungen über den verschmutzten Rhein – wie auch die verpestete Luft im Ruhrgebiet - führte zur allmählichen Entwicklung eines Umweltbewusstseins, das sich schließlich auch auf Politik und Wirtschaft auswirkte – mit erfreulichen Konsequenzen für das Rheinwasser.

Musik: "Warum ist es am Rhein so schön"

13. Juni 1958 "Frankfurter Allgemeine Zeitung":
"Die Sauberhaltung des Rheins als eines lebenswichtigen Faktors für die Wirtschaft der sechs Anliegerstaaten Deutschland, Frankreich, die Schweiz, Belgien, Holland und Luxemburg steht im Mittelpunkt eines Gutachtens des Präsidenten der Industrie- und Handelskammer Rotterdam van der Mandele… Grundlage des Gutachtens sind die Untersuchungen des Schweizer Gewässerschutzexperten Professor Dr. Jaag, Zürich…

Der Gutachter (wies) darauf hin, dass der Rhein schon vor vier Jahren an der deutsch-holländischen Grenze täglich 29.000 Tonnen Chloride mitführte. Die katastrophalen Auswirkungen der industriellen Abwässer bedrohten nicht nur die niederländische Trinkwasserversorgung, sondern auch die Existenz eines Teils der holländischen Wirtschaft. Van der Mandele erklärte, es sei für alle Anlieger des Rheins eine Lebensfrage, das Wasser vor einer weiteren Verunreinigung zu schützen."

Das Gutachten selbst ist heute nicht mehr aufzutreiben. Dennoch markiert es einen entscheidenden Einschnitt. Zum ersten Mal wurde in aller Öffentlichkeit von einem Vertreter der Wirtschaft auf die drastisch gestiegene Verschmutzung des Rheins hingewiesen.

Dabei hatte die 1948 gegründete Internationale "Rheinkommission zum Schutz des Rheins vor Verschmutzungen", der alle Rhein-Anrainerstaaten angehörten, immer wieder auf dieses Problem hingewiesen, nur nie Gehör gefunden. Von nun an jedenfalls stand der Fluss unter öffentlicher Beobachtung, vor allem in den Niederlanden, die aus dem Fluss sowohl einen Großteil ihres Trinkwassers als auch Bewässerungswasser für die Gemüsekulturen gewannen. In den deutschen Zeitungen mehrten sich Meldungen wie diese:

"Die Welt", 15. März 1961: "Deutsche und holländische Wasserwerke haben seit Jahren große Schwierigkeiten, Rheinwasser in Trinkwasser umzuwandeln. Sogar das Vieh weigert sich oft, Wasser aus dem Rhein zu trinken."

Verantwortlich für die miserable Wasserqualität waren Städte und Industrie sowie die Kaliindustrie im Elsass. Die meisten Städte am Rhein hatten keine Kläranlagen oder nur solche, die mit einer primitiven mechanischen Reinigung ausgestattet waren. Die boomende Nachkriegsindustrie, vor allem die großen Pharmaunternehmen und die Zellstoffhersteller, leiteten ihre flüssigen Abfälle ebenfalls ungeklärt in den Fluss. Während die Kommunen ihr Versäumnis zumindest eingestanden, reagierte die Industrie auf die Forderung nach Abwasserklärung pikiert.

Noch einmal die Zeitung "Die Welt" vom 15. März 1961:

"Professor Wurzschmitt, ein Vertreter der Industrieinteressen, ist der Auffassung, jeder Aufwand für die Reinigung von Abwässern sei eine Vergeudung von Volksvermögen."

So verschlechterten sich die Wasserverhältnisse stetig, waren nun auch nicht mehr zu übersehen. Der Fluss stank, auf ihm trieben Schaumberge. Der Bundesminister für Atomkernenergie und Wasserwirtschaft Siegfried Balke sprach am 8. November 1962 aus, wie es war.

"Es ist ein Fehlschluss zu glauben, die Verschmutzung unserer Gewässer sei bereits rückläufig… Der Rhein zeigt stellvertretend, wie weit wir es gebracht haben. Vater Rhein ist die größte Kloake Europas."

Und dabei sollte es auch noch gut drei Jahrzehnte bleiben. Zwar wurden nun verstärkt kommunale Kläranlagen gebaut, die auch eine biologische Reinigungsstufe vorsahen. Doch zwischen Planung und Betrieb vergingen Jahre. So häuften sich in den sechziger Jahren die Pressemeldungen, die über steigende Schmutzlasten klagten. Doch es bedurfte erst eines Donnerschlags, bis in der Bundesrepublik Deutschland Öffentlichkeit und Politik aufschreckten. Am 19. Juni 1969 starb der Rhein. Eine Giftwelle schwappte den Fluss herunter. Ab Koblenz säumten Tausende Fischkadaver die Ufer. Der nordrhein-westfälische Minister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Diether Deneke zeigte sich im "Morgenmagazin" des WDR geschockt:

"Wir haben eine solche Katastrophe bisher noch nicht erlebt. Es hat immer mal wieder Fischsterben im Rhein gegeben. Das hat sich dann aber auf 10 bis 15 Kilometer Strecken begrenzt und dann hatte sich die Vergiftung oder Verschmutzung soweit im Rhein verteilt, dass die Fische davon nicht mehr unmittelbar betroffen wurden. Eine solche Katastrophe wie diesmal, dass also praktisch die Giftwelle den ganzen Rhein herunter das ganze biologische Leben, jedenfalls den gesamten Fischbestand vernichtet, das ist geradezu einmalig."

Die Bevölkerung wurde davor gewarnt, sich auch nur die Hände im Rhein zu waschen, geschweige denn zu baden. Die Holländer entdeckten im Wasser das Insektengift Thiodan. Wer es in den Fluss eingeleitet hatte, wurde nie herausgefunden. Der Vorfall zeigte überdeutlich die Schwäche des damaligen Wasserhaushaltsgesetzes. Verantwortlich für die Gewässer waren und sind bis heute die Länder. Ein einheitliches Kontroll-, Melde- und Warnsystem gab es nicht.

Musik: "Peter Jacobi - Zyankali Schorsch"

Für den damaligen Freiburger Gymnasiasten Nikolaus Geiler war der Anblick des sterbenden Flusses damals so empörend, dass er sich fortan für einen sauberen Rhein engagierte und Limnologe, also Gewässerkundler, wurde:

"Dem Rhein drohte die Luft auszugehen. Millionen Fische sind von der Mainmündung bis Rotterdam kieloben, also mit dem Bauch nach oben den Rhein runtergetrieben. Es gab damals Aufnahmen, die gezeigt haben, dass der Rhein völlig silbrig war, weil der gesamte Fischbestand damals vernichtet wurde und das war auch ein Schockerlebnis für die Rheinwasserwerke, die als erste Lobbygruppe massiv für die Sanierung des Rheins eingetreten sind, weil die aus dieser Drecksbrühe wieder Trinkwasser für Millionen Menschen in Köln, Duisburg, Krefeld usw. produzieren mussten."

Hatten bis dahin außer den Holländern und den Wasserwerkern am Rhein nur einige wenige Naturschützer über den dramatischen Verlust an biologischer Vielfalt geklagt, so schauten jetzt auch die Rheinanwohner und die Medien genauer hin, denn der Fluss bot auch im seinem Normalzustand ein gruseliges Bild, wie sich Nikolaus Geiler erinnert.

"Also man konnte beobachten, wie Fäkalien an der Oberfläche geschwommen sind, wie unterhalb der BASF der Rhein jeden Tag seine Farbe gewechselt hat, unterhalb von den Papierwerken Waldhof Aschaffenburg der Rhein über hunderte Meter geschäumt hat, wo Bestandteile aus den Zellstoffabwässern die Uferpassagen der Rheinwasserwerke verstopft haben, dass der Rhein einen üblen phenolartigen Geruch gehabt hat, dass an einigen Stellen, wo sich Sedimente abgelagert haben, Faulschlammblasen nach oben gestiegen sind. Es war jetzt ein unbeschreibliches Bild, was man sich heute nicht mehr vorstellen kann."

Auch der Biologe Günther Friedrich erlebte als junger Mitarbeiter des ehemaligen Landesamtes für Wasser und Abfall Nordrhein-Westfalen, dem heutigen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Verbraucherschutz, die Verschmutzung mit:

"Es gab mehrere Ursachen. Erstens die Abwässer aus der Industrie und aus den Kommunen, zweitens die gelegentlichen, man könnte eigentlich sagen, kriminellen Aktionen des Ablassens von Altöl von Schiffen. Das ist heute ein Verbrechen. Damals war das gang und gäbe - und dann noch andere Unglücke wie zum Beispiel das Abgewaschenwerden von Pflanzenschutzmitteln in den Rhein hinein, so dass es eben zu Fischsterben kam. Es gab aber auch Fischsterben häufiger vor allen Dingen in den Nebenflüssen durch Sauerstoffmangel. Sauerstoffmangel entsteht durch die ungeklärten Abwässer vor allen Dingen aus den Städten oder aus Industriebetrieben, die viel organische Substanz enthalten. Das war ein Bündel von Ursachen, die jede von sich aus gereicht hat, Gewässer zu schädigen."

Angesichts des Rhein-Zustands entstanden damals überall am Rhein Bürgerinitiativen. Nikolaus Geiler war nur einer von vielen, die anfingen, sich für den Umweltschutz zu engagieren.

Geiler: "Die ersten Aktionen hatten stattgefunden durch zwei Gymnasiasten aus der Gegend von Karlsruhe. Die hatten Udo Lindenberg angehauen und Prinz Bernhard der Niederlande, ob sie beide mal 5000 DM bzw. 5000 Gulden rüberreichen könnten. Das hat tatsächlich funktioniert. Die beiden Gymnasiasten hatten einen Schoner gemietet, also ein altes Segelschiff, sind damit von Rotterdam nach Basel hoch getuckert und wieder zurück und haben Bürgerinitiativen, umweltinteressierte Politiker an jedem Anlegeort eingeladen, um sie darauf hinzuwesen, dass es unbedingt notwendig ist, entsprechende Sanierungsschritte im Rheineinzugsgebiet in Angriff zu nehmen. Ich habe damals bei dieser Aktion mitgemacht, hab mein ganzes Taschengeld für die Aktion draufzugeben und hab natürlich nach Kräften diese Aktion ‚Rettet den Rhein’ unterstützt vor Ort und diese Aktion ‚Rettet den Rhein’ ist dann umfunktioniert worden zum ‚Verein zum Schutz des Rheins’."

Vor allem die Antiatomkraftbewegung, aus der später die Grünen hervorgingen, begann sich für den Rhein zu interessieren.

Geiler: "Zum Beispiel hier in der Region gegen Wyhl am Kaiserstuhl haben sich dann auch angefangen einzelne Leute für Wasser zu interessieren, weil damals die Atomkraftwerke auch für die Gewässergüte relevant waren. Damals gab’s Pläne, alle zwölf Kilometer am Rhein ein Atomkraftwerk zu bauen und die ganzen Atomkraftwerke hätten ihre Abwärmelast in den Rhein eingeleitet mit der Folge, dass die Fische praktisch zum Kochen gekommen wären. Wir hatten damals zum Beispiel in der Saar Temperaturen in den Kühlwasserfahnen der Kraftwerke schon von 40 Grad und das hätte auch am Rhein gedroht."

Als Reaktion auf die Antiatomkraftproteste einigte sich die Länderarbeitsgemeinschaft Wasser 1971 immerhin auf Regeln zur Wärmebelastung von Wasser. Erst damit war es den Behörden möglich, von Atomkraftwerken den Bau von Kühltürmen zu verlangen statt Kühlwasser aus dem Rhein zu zapfen.

Die zunehmenden Proteste zeigten durchaus Wirkung, zumal auch die Wasserwerke vor immer größeren Schwierigkeiten standen, aus dem Rhein-Uferfiltrat sauberes Trinkwasser für Millionen Menschen zu gewinnen und die Politik drängten, endlich zu handeln. So verabschiedete die Bundesregierung 1971 ein erstes Umweltprogramm, das auch eine Verbesserung der Gewässergüte in Deutschland vorsah. Das Ergebnis: überall wurde mit dem Bau von erst zwei-, dann dreistufigen Kläranlagen begonnen. Auch die Industrie sah sich gezwungen, ihre Abwässer vorzureinigen, bevor sie sie in den Rhein pumpte. Nur die Elsässischen Kaliwerke stellten sich stur – übrigens bis heute -, denn einen großen Teil seiner Dreckfluten verdankte der Rhein seinen Nebenflüssen wie Saar, Main, Mosel, Wupper, Ruhr. Auch dort begann das Reinemachen. Da Wasser allerdings Ländersache war und ist, waren die Erfolge keineswegs allerorten gleichermaßen groß.

Doch die Umweltbewegung gab sich mit diesen ersten Erfolgen noch keineswegs zufrieden. Ganz im Gegenteil: Sie gewann in den Siebzigerjahren erst richtig an Dynamik und Schlagkraft. So schlossen sich viele der damals gegründeten Bürgerinitiativen 1972 zum BBU, dem Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz zusammen, in den Siebziger- und Achtzigerjahren immerhin einer der aktivsten Umweltverbände in Westdeutschland.

Der politische Druck führte zur Verabschiedung eines Wasserabgabengesetzes. Für jede Schadstoffeinheit, die eine Kommune oder ein Unternehmen ins Wasser einleitete, wurde eine Art Strafgebühr erhoben. Großspurig verkündete die Chemische Industrie im Herbst 1986 in einer großen Anzeigenkampagne:

"Lieber Rhein, die Belastung mit Schwermetallen ist in den vergangenen Jahren um mehr als 90 Prozent zurückgegangen."

Dass man mit der Wahrheit auch lügen kann, zeigen die nächsten Monate. Am 1. November 1986 brennt bei dem Schweizer Chemiekonzern Sandoz eine Lagerhalle am Rhein. Tausend Tonnen Löschwasser fließen in den Rhein. Im WDR berichtet der nordrheinwestfälische Umweltminister Klaus Matthissen:

"Wir haben rund um die Uhr gemessen und wir haben gestern Messergebnisse aus dem Anfang der Welle. Heute hat die Welle bereits Düsseldorf passiert und befindet sich jetzt in der Nähe von Duisburg und wir sind in der Lage das zu ergänzen durch neuste Messergebisse. Insgesamt handelt es sich bei diesen Stoffen um Pflanzenbehandlungsmittel, insbesondere um gefährliche Insektizide, Herbizide und Pestizide, aber wir kommen insgesamt zur Bewertung, das diese gemessenen Werte, die aus dem Mitte der Welle stammen, zwar das Ökosystem erheblich schädigen, aber für das Trinkwasser besteht keine Gefahr, weil wir unsere Brunnen bereits seit dem 5. November abgeschaltet haben.

Das Ökosystem wird erheblich geschädigt werden, denn verschiedene Kleinkrebsarten, Wasserflöhe, Wasserasseln, Fliegen- und Mückenlarven und vieles andere mehr wird teilweise abgetötet und natürlich wird damit die Nahrungskette schwer geschädigt, das bedeutet eine schwere Schädigung des Naturhaushaltes, dessen mittel- und langfristige Folgen wir noch gar nicht absehen können. Insgesamt können wir für das Ökosystem sagen, dass die jahrelangen Bemühungen, das ökologische Gleichgewicht des Rheins herzustellen in den letzten Jahren einen schweren Rückschlag erlitten haben."

Für den Fluss kommt das einem GAU gleich. Die Öffentlichkeit steht unter Schock. Die Medien überschlagen sich. Die deutsche Chemieindustrie wiegelt ab. So erklärt der damalige Vorstandsvorsitzende von Bayer Hermann Strenger im Radio drei Wochen nach der Sandoz-Katastrophe unter anderem:

"Die Kooperation mit diesen Gewerbeaufsichtsämtern ist sehr gut. Wir haben hier nichts zu verbergen. Wir sind uns immer unserer Verantwortung als Chemieunternehmen bewusst gewesen und haben alles getan nach dem jeweiligen technischen Stand, um unsere Anlagen sicherer zu machen, umweltfreundlicher zu machen."

Was von solchen Worten zu halten ist, zeigen die nächsten Wochen. Kaum ist die Giftwelle aus Sandoz in der Nordsee gelandet, ereignet sich bei BASF ein sogenannter ‚Störfall’. 2000 Tonnen Herbizide ergießen sich in den Fluss. Dann ist Hoechst dran mit Chlorbenzol. Es folgen Bayer Uerdingen mit Chlormetakresol und Bayer Leverkusen mit Methanol. Weitere Chemieunfälle schließen sich an.

Die Industrie spricht von bedauerlichen Einzelfällen und unterstellt den Wasserwerken indirekt Panikmache. Dass die die Förderung aus ihren Rheinbrunnen vorübergehend einstellt, hält BASF-Chef Hans Albers für ‚ungerechtfertigt’. Zudem weisen die Verantwortlichen immer wieder daraufhin, dass das Rheinwasser die problematischen Stoffe soweit verdünne, dass von ihnen keinerlei Gefahr mehr ausginge. Als daraufhin Bürgerinitiativen und die Medien hellhörig werden und Auskunft darüber verlangen, was die Firmen denn ganz legal an Giftstoffen in den Rhein einleiten dürfen, stellen sich Unternehmen wie Kontrollbehörden taub. Die Einleitungsgenehmigungen sind Betriebsgeheimnis. Die genauen Daten unterliegen der Geheimhaltung. Den Bürgern, das heißt der Öffentlichkeit wird so das tatsächliche Ausmaß der Verschmutzung bewusst vorenthalten.

Musik: "Das macht doch nix, das merkt doch keiner"

Das Schweigekartell wiederum ruft Greenpeace auf den Plan. Die Umweltorganisation schickt 1985 das Laborschiff Beluga auf den Rhein, um an den Abwasserrohren vor allem der großen Chemiekonzerne und Papierfabriken Wasserproben zu ziehen. Der Sandoz-Unfall kommt da wie gerufen. Greenpeace nimmt Bayer Leverkusen aufs Korn. "Der Spiegel" berichtet darüber unter dem Aufmacher "Was da fließt, weiß nur der liebe Gott".

"Für jeden anderen wäre es ein Alptraum gewesen, und selbst erfahrene Greenpeace-Kämpen waren überfordert: Als die ‚Regenbogenkämpfer’ am Mittwoch vorletzter Woche eine Probe des Abwasserstroms beim Chemiegiganten Bayer Leverkusen entnehmen wollten, musste ein Spezialist aushelfen.

Fünf Meter unter der Oberfläche schwamm Profi-Taucher Uli Schreiber in das mannshohe Rohr und füllt eine Flasche mit jeder braunroten Flüssigkeit, von der dort, vor neugierigen Augen verborgen, täglich Hunderte Millionen Liter in den Fluss strömen.

Ein ‚Menschenvorhang’ von Greenpeacern, die sich von einer benachbarten Brücke abseilten und so den Schiffsverkehr blockierten, begleitete das Tauchprogramm."

Greenpeace Aktivist Gerhard Wallmeyer war mit dabei und erinnert sich:

"Die Probe wurde ausgewertet vor Ort an Bord der Beluga und schon waren etliche Werte überschritten über dem Erlaubten und man hat erklärt: Ja, es war gerade zu dem Zeitpunkt ein Betriebsunfall und das passierte damals sehr häufig. Die Firmen waren einfach, muss man aus heutiger Sicht sagen, auch wieder in einer Zwangslage: die produzierten, hatten keine andere Möglichkeit, hatten keine Filter und dann Dienstagnachts um zwei wurden diese Sachen, die eigentlich nicht erlaubt waren, die sie einfach hatten und nicht wussten wohin damit, das hätte nur teuer entsorgt werden können, wurden dann auch einfach - zack - Dienstag Nacht eingeleitet.

Man hatte eben kein Online Monitoring, was man heute alles machen kann mit Sensoren. Das gab’s ja damals alles gar nicht. Man konnte nur Einzelproben nehmen und wer ist schon Dienstag nachts auf dem Grund des Rheins und nimmt eine Probe? Wir haben sie damals voll erwischt und das war ein Riesenskandal, der das ganze Thema sehr beflügelt hat und man kann damals sagen, dass viele Firmen Sachen eingeleitet haben, die sind heute unvorstellbar von der legalen Seite her, aber viele Firmen haben Sachen eingeleitet, die schlicht illegal waren auch für damalige Zeiten und das passierte dauernd. Fast überall, wo wir drangegangen sind an ein Rohr, fanden wir sozusagen Sachen, die moralisch verwerflich waren von der legalen Seite her, dass die Behörden das überhaupt genehmigt hatten und fast immer kam auch etwas Illegales dabei raus."

Die spektakulären Aktionen von Greenpeace entlang des Rheins, die den Verschmutzern das Fürchten lehrten, waren allerdings gründlich vorbereitet, auch wenn man das den Medien nicht unter die Nase rieb.

Wallmeyer: "Das heißt: Monatelang haben wir schon vorher angefangen, die ganze Firmen zu recherchieren, wer leitet eigentlich ein. In Wirklichkeit waren wir vorher mit anderen Booten, mit Kanus auf dem Fluss und hatten schon Monate vorher Proben genommen und die untersuchen lassen. Man muss im Grunde genommen vorher wissen, was ist eigentlich hier kritisch an diesem Einleitrohr, dann kann man sein eigenes Labor genau darauf abstimmen, wenn man weiß, folgende fünf Stoffe sind wahrscheinlich die problematischen, dann nur dann ist das Labor in der Lage, sehr schnell Ergebnisse zu liefern. Wenn wir das dann gemacht haben, das waren wohl vorbereitete Auftritte, muss ich sagen, den sonst konnte man das nicht machen."

Doch die Regenbogenkämpfer standen nicht allein. Ihr Erfolg war der Erfolg einer insgesamt mächtigen Umweltbewegung.

Ton Wallmeyer: "Es gab hunderte von Bürgerinitiativen, es gab auch andere Initiativen, die ein eigenes Schiff hatten und dort aktiv waren und die alles Mögliche unternommen haben. Es war eigentlich ein großes Konzert und Greenpeace war nur eine Violine in diesem großen Konzert. Es war insofern eine besondere Violine, weil wir als einzige diese Möglichkeit hatten mit diesem Labor. Wir sind damals schier erdrückt worden von Journalisten.

Es war irre, muss man sagen, weil das so ein zentrales nationales Thema war, von dem alle berührt waren. Die Nachrichten berichteten dauernd über einen neuen Unfall, weil es einfach derartig skandalös war auch, eine Arroganz zutage trat der Industrie gegenüber der Bevölkerung, die diesen Rhein einfach nur noch als Abwasserkanal benutzen wollte und meinte, sie könnte das auf Dauer so machen und es gab einfach einen Aufschrei aus der Bevölkerung: Das muss jetzt endlich mal zu Ende sein. Wir brauchen saubere Gewässer."

Im Dezember 1986 prangerte zum Beispiel ein internationales Rhein-Tribunal, an dem zahlreiche prominente Wissenschaftler teilnahmen, die Chemieunternehmen der systematischen Vergiftung des Rheins an, verlangte drastische Strafen und schärfere Gesetze.

Musik "Robert Jong - Feste Jongs"

Der zunehmende Druck einer kritischen Öffentlichkeit zeigte langsam, aber sicher Wirkung:

Wallmeyer: "Ab dann haben die Behörden angefangen, genauer zu arbeiten, muss man einfach sagen. Die Einleitungsgenehmigungen wurden nicht mehr so freiwillig erteilt, so ohne weiteres. Die wussten, das wird in die Öffentlichkeit gezogen. Die Geheimhaltung hat nicht wirklich funktioniert. Wir haben ganz viele Sachen, Internes aus den Behörden herausgekriegt, die Sachen sofort veröffentlicht. Wir haben eine Kampagne gemacht: das so genannte gläserne Abflussrohr und die Behörden wurden, die vorher sehr großzügig waren, muss man einfach sagen in den Siebzigerjahren, wurden plötzlich gegenüber den Firmen sehr bockbeinig und haben Einleitungsgenehmigungen nicht mehr so erteilt und wollten dann Reglungen haben, neue Aufbereitungsanlagen."

Auch der Gesetzgeber reagierte. Die christlich-liberale Koalition in Bonn einigte sich auch schärfere Gesetze. Die Liste verbotener Stoffe wurde länger. Eine Meldepflicht für alle Unfälle wurde eingeführt. Zudem erlaubten neue Analyseverfahren die raschere Entdeckung illegaler Einleitungen. Öffentlichkeitswirksam schwamm Umweltminister Töpfer 1988 bei Mainz durch den Rhein – obwohl er da war noch lange nicht wirklich sauber war, wie damals Ingolf Spicksen, Gewässerfachmann des BUND, des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland konstatierte.

Spicksen: "Es ist beispielsweise ein Bericht des Landesanstalt für Wasser und Abfall hier in Nordrhein-Westfalen über die Rheinbelastung: eine Million Tonnen organische Chemikalien, die biologisch schwer oder gar nicht abgebaut werden, waren im Rhein festzustellen. Das beziehungsweise 680 Tonnen Blei, 700 Tonnen Chrom und 5000 Tonnen chlorierte Kohlenwasserstoffe sind fast alle von ganz erheblichern toxikologischer Bedeutung, also auch beim Menschen von medizinischer Bedeutung. Sie stehen zum großen Teil unter dem Verdacht, Langfristschäden insbesondere Krebs zu erregen, aber auch das Erbgut zu verändern, die Leibesfrucht zu schädigen oder sogar auch die Fruchtbarkeit einzuschränken oder zu zerstören."

In der Industrie fing man an umzudenken, die Wagenburgmentalität aufzugeben, sich mit den Kritikern an einen Tisch zu setzen, um gemeinsam Lösungen zu finden. Entscheidend war hier wieder eine Aktion von Greenpeace.

Zu den wichtigsten Verschmutzern des Rheins zählten damals die Papierfabriken, die den Zellstoff mit Chlor bleichten, um jenes strahlende Weiß zu erzielen, dass alle von der Tageszeitung bis zum Hochglanzmagazin verlangten. Angeblich gab es kein anderes Verfahren, um weißes Papier herzustellen. Doch dann trat Greenpeace den Gegenbeweis an, entdeckte ein schwedisches Unternehmen, das mit Ozon bleichte, bestellte einige zentnerschwere Papierrollen, ließ darauf eine satirische Ausgabe des ‚Spiegel’ drucken und verteilte diese an Werbeagenturen und Zeitungsbetriebe. Das Druckbild war so perfekt, dass plötzlich überall in Deutschland Medienunternehmen nach diesem Papier verlangten. Binnen eines Jahres hatten die deutschen Zellstoffhersteller ihre Produktion komplett umgestellt. Die Chlorbleiche gehörte der Vergangenheit an. Der Rhein atmete auf. Diese Erfolgsgeschichte trug zum Umdenken in den Vorstandsetagen bei. Davon jedenfalls ist Greenpeacer Gerhard Wallmeyer überzeugt:

"Ich glaube, viele Firmen haben irgendwann auch erkannt: Okay, wir haben ein Problem. Irgendwie muss das weg. Wir können das auf Dauer nicht aushalten. Und damals war der erste Ruf immer: wir brauchen bessere Filter und wir haben das dann damals schon kritisiert und gesagt, das ist ein altmodisches Denken. Das ist falsch. Wir brauchen eine Produktionsweise, die diese Giftstoffe vermeidet. Das ist das Entscheidende und das Interessante dabei ist nämlich, wenn man diese Produktionsweisen so ändert, dass man häufig auch preiswerter produziert. Es wurde plötzlich anders nachgedacht in der Produktion. Vorher war das bei den Firmen so, wenn Abfälle anfielen, das macht nix, die werden wir quasi kostenlos los."

Es war ein sehr langsames Umdenken und auch ein Ergebnis höherer Wasser- und Abwasserpreise, stei¬gender Abwasserabgaben, zusätzlicher Kosten für neue Kläranlagen. Das führte, so Hans Sander vom Bundesverband der Deutschen Industrie, 1993 anlässlich des Kongresses Wasser in Berlin, zu erheblichen Einsparungen beim Verbrauch:

"Schon vor einiger Zeit waren wir statistisch dabei, dass jeder hereingenommene Wassertropfen im betrieblichen Bereich bis zu dreimal oder mehr als dreimal genutzt wurde. Wir haben einzelne Branchen, bei denen Faktoren über 13 gegeben sind. In einzelnen Unternehmen über 4o und wir hören von immer mehr Fällen, bei denen es gelungen ist, den Abwasseranfall vollkommen zu vermeiden. Wir haben als jüngste Fälle abwasserlose Galvanikbetriebe. Wir haben in älterer Tradition altpapier¬verarbeitende Betriebe und wir haben erhebliche Bemühungen in der Textilveredlungsindustrie auch zum abwasser-losen Betrieb zu kommen."

Musik "Forellenquintett"

Es war ein langer Kampf der Umweltschützer zusammen mit den Wasserwerkern und er hat schließlich zum Erfolg geführt. Zufrieden konstatiert der Gewässerbiologe Günter Friedrich, bis 2001 Leitender Regierungsdirektor im nordrhein-westfälischen Landesumweltamt:

"Der Rhein ist inzwischen - könnte man sagen - biologisch gesund, das heißt der Sauerstoffgehalt ist immer auf hohem Niveau. Sehr viele Organismen können dort gut leben und die Artenvielfalt ist sehr hoch. Aber wir haben z.B. immer noch Nitratgehalte, die in der Regel zu hoch sind, wenn man daraus direkt Trinkwasser machen will und wir haben natürlich immer noch relativ viel Salz. Das ist natürlich für die Holländer ein Problem, dass es immer noch Salz aus dem Elsass gibt, aber das es eben auch eine ganze Menge Salz aus Nordrhein-Westfalen gibt im Rhein, was man kaum reduzieren kann, weil das ja Altlasten aus dem Bergbau sind. Und ein drittes Beispiel, das wäre eben die Sorge, ob denn die vielen Arzneimittel, die durch die Kläranlagen gehen und in den Rhein gelangen, ob die nicht doch langfristig Schäden anrichten, von denen wir heute noch gar nichts wissen."

Dabei geht es vor allem um jene Stoffe, die in das Hormonsystem eingreifen. Schon winzigste Spuren haben zum Beispiel bei Schnecken oder Forellen zu Geschlechtsveränderungen geführt. Wie sie beim Menschen wirken, weiß man bislang nicht.

Allerdings entgehen den Analytikern heute immer weniger Stoffe, die sich im Wasser gelöst haben. Die Messverfahren haben sich in den letzten 50 Jahren erheblich verbessert.

Friedrich: "Es werden ständig neue Geräte entwickelt, die noch eine noch tiefere Bestimmungsgrenze haben. Speziell am Rhein kann man sagen: alles was man messen kann und das ist wirklich heutzutage sehr viel, das wird gemessen. Ich würde mal salopp sagen, mehr als am Rhein kann man nun nicht mehr messen."

Fehlt noch eines: eine Renaturierung. Darum bemüht sich seit einigen Jahren der Naturschutzbund Deutschland mit Fördermitteln der Bundesregierung. Seine Aktion ‚Lebendiger Rhein – Fluss der tausend Inseln’ strebt an, das ursprüngliche Tier- und Pflanzenleben im und am Fluss wieder zurückzugewinnen. Also öffnet man wieder Altarme, versucht neue Auenlandschaften zu schaffen, das steinerne Uferkorsett abzubauen, so dass sich der Fluss wieder freier seinen Weg bahnen kann, Kiesbänke neben der Fahrrinne wieder zuzulassen. Die Rheinkommission unterstützt das Vorhaben, aber von den vorgesehenen 400 Kilometer sind in den letzten 5 Jahren gerade mal 8 Kilometer renaturiert worden.

Dennoch: 50 Jahre nach dem ersten großen Gutachten, das eine drastische Verschmutzung des Rheins konstatierte, kann man im Fluss wieder bedenkenlos baden und sollte man dabei einen kräftigen Schwall Rheinwasser in den Mund bekommen...

Biologe Günther Friedrich würde ihn auch schlucken: "Im Falle eines Falles hätte ich keine Bedenken, aus dem Rhein zu trinken."

Musik: "Wenn das Wasser vom Rhein goldener Wein wäre"

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