Seit 03:05 Uhr Tonart

Samstag, 19.10.2019
 
Seit 03:05 Uhr Tonart

Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 09.07.2015

Vor 30 JahrenBundesregierung warnt erst spät vor gepanschtem Wein

Von Andrea Westhoff

Zwei Krefelder Bürger bringen am 31. Juli 1985 Flaschen mit gepanschtem Wein zu einem eigens dafür aufgestellten Container. (picture alliance / dpa / Roland Scheidemann)
Nach der Entdeckung von Frostschutzmitteln (Glykol) in Ruster Weinen im Juli 1985 wurden in Deutschland die Weine aus der österreichischen Region aus dem Handel gezogen. (picture alliance / dpa / Roland Scheidemann)

1985 wird bekannt, dass österreichische und deutsche Weine mit dem Frostschutzmittel Glykol gepanscht wurden - damit sie "lieblicher" schmecken. Die Bundesbehörden wiegeln zunächst ab, bis der damalige Gesundheitsminister Heiner Geißler schließlich vor der Chemikalie warnt. Deutsche Weine werden daraufhin weltweit geächtet.

Österreichische Weine waren weltweit beliebt, vor allem auch in Deutschland; und hier schätzte man bis in die 80er Jahre besonders die süßen. Dass die ihre "Lieblichkeit" manchmal einer giftigen Chemikalie verdankten, ahnte niemand - bis im Dezember 1984 bei Wiener Behörden ein anonymer Hinweis einging: Einige Winzer würden billige Weine mit "Diethylen-Glykol" versetzen, einem Industriealkohol, der eigentlich als Frostschutzmittel dient. Der ließe minderwertigen Rebsaft süßer, vollmundiger erscheinen, so dass man ihn als Spätlese oder Beerenauslese verkaufen könne.
Eigentlich hätte man schon viel eher stutzig werden müssen, beklagten deutsche Winzer später, als nämlich die angeblichen Edeltropfen tankwagenweise und zu sensationell günstigen Preisen von Österreich nach Deutschland gebracht wurden:

"Man hat ja schon lange Jahre gezweifelt daran, wo diese vielen Sachen überhaupt wachsen, und vor allen Dingen für dieses wenige Geld. Da muss doch irgendwas faul sein an der Sache." Die illegale Praxis des Hochzuckerns gab es allerdings auch bei deutschen Weinbauern. Aber dass statt Flüssigzucker jetzt ein Frostschutzmittel benutzt wurde, war doch um einiges krimineller. Denn Diethylenglykol ist gesundheitsschädlich, kann neben Übelkeit, Krämpfen und Durchfall zu Leber-, Nieren- und Nervenschäden führen.

Österreicher informierten im April '85 zuständige Behörden

Nachdem die Österreicher tatsächlich zahlreiche glykolverseuchte Weine gefunden hatten, informierten sie im April 1985 die zuständigen Behörden von Rheinland-Pfalz, die das an die anderen Bundesländer weiterleiten sollten. Aber nichts passierte, beklagte Werner Chory, Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium: "Ich hätte mir schon gewünscht, dass wir von Rheinland-Pfalz früher informiert worden wären, wir haben von der ganzen Sache aus der Zeitung erfahren."

Und erst dann - inzwischen war es Mitte Mai - wurden einzelne Landesbehörden informiert, um österreichische Weine zu untersuchen, notfalls aus dem Handel zu nehmen - und endlich die Verbraucher zu warnen. Doch auch das klappte nicht, musste Klaus Töpfer zugeben, der 1985 Landesminister für Umwelt und Gesundheit in Rheinland-Pfalz war. "Auch meine erste Unterrichtung entstammt aus den Medien, das zeigt Ihnen noch einmal, dass auf der Ebene der Ämter eine unterschiedliche Gewichtung dieser Information gegeben ist, im Nachhinein war dies eine Fehlbewertung."

Bundesgesundheitsministerium warnt erst im Juli

Tatsächlich gab es in jenen Wochen immer wieder abwiegelnde Äußerungen zum
"Di-Glykol", so etwa von Ferdinand Stark, Staatssekretär im Bonner Landwirtschaftsministerium: "Wenn der so gefährlich wäre, müsste der ja unter den Giftstoffen eingereiht sein - das ist er aber nicht." Erst am 9. Juli 1985 warnte das Bundesgesundheitsministerium von Heiner Geißler die Öffentlichkeit vor dem Genuss österreichischer Weine. Die Opposition zeigte sich empört, allen voran der SPD-Landtagsfraktionsvorsitzende in Rheinland-Pfalz Rudolf Scharping:

"Wir ziehen daraus den Schluss, dass es erhebliche Schlampereien gegeben hat zu Lasten einer Gesundheitsgefährdung, und schließlich halten wir an der Forderung fest, dass der Staatsekretär Stark entlassen werden muss, denn er hat zu einem Zeitpunkt, in dem das Ausmaß des Skandals vollständig bekannt war, gesagt, man könne nicht wegen eines ungewissen Verdachtes eine ganze Branche lahmlegen."

Weine aus Österreich und Deutschland weltweit geächtet

Stark wurde tatsächlich entlassen, aber damit war der Glykolwein-Skandal noch längst nicht vom Tisch. Denn schon Mitte Juli 1985 tauchte die Chemikalie auch in deutschen Produkten auf, vor allem bei der rheinland-pfälzischen Großkellerei Pieroth. Denn ein Teil der Abfüllungen war mit dem billigen glykolverseuchten Wein aus Österreich gepanscht worden. Über tausend Namen standen schließlich auf der offiziellen "Giftliste". Österreichische und nun auch deutsche Weine wurden weltweit geächtet, der Export kam fast völlig zum Erliegen, hunderte, vor allem kleine Winzer waren verzweifelt.

"Wir sind hier in einen Skandal reingezogen worden. Wir wussten gar nichts, und das hat uns mit voller Härte getroffen." Mittlerweile ist der gute Ruf österreichischer und deutscher Weine wiederhergestellt, - sicher auch, weil die Weingesetze und -kontrollen in beiden Ländern verschärft wurden. Dennoch war der Glykolweinskandal nur der Anfang einer schier unendlichen Reihe von Betrug und Behördenschlamperei in Sachen Lebensmittelsicherheit, allerdings auch gestützt durch die Schnäppchen-Mentalität vieler Verbraucher.

 

Kalenderblatt

Vor 50 JahrenDer Architekt Walter Gropius gestorben
Fotografie von Walter Gropius, der leicht zur Seite schaut. (picture alliance / akg-images / Louis Held)

Walter Gropius war nach seiner Emigration aus Nazi-Deutschland mit einem Architekturbüro in den USA sehr erfolgreich. Noch mehr basiert sein Ruhm aber darauf, dass er die einflussreiche Kunstschule Bauhaus gründete. Heute vor 50 Jahren starb er.Mehr

Vor 20 JahrenSchatzgräber finden die Himmelsscheibe von Nebra
20.09.2018, Berlin: Eine Besucherin betrachtet in der Ausstellung "Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland" die Himmelsscheibe von Nebra, die geschützt in einer Glasvitrine steht. Im Hintergrund Goldhüte aus der Bronzezeit. Gezeigt werden die spektakulärsten Funde der vergangenen 20 Jahre aus ganz Deutschland. Mehr als 1000 Ausstellungsstücke aus allen Bundesländern von der Himmelsscheibe von Nebra bis zur antiken Hafenmauer des römischen Köln werden präsentiert. Foto: Wolfgang Kumm/dpa | Verwendung weltweit (Picture Alliance / dpa / Wolfgang Kumm)

Ein sensationeller Fund, eine Übergabe wie im Krimi: Vor 20 Jahren fanden Hobbygräber die Himmelsscheibe von Nebra und verkauften sie an Hehler. Als diese das wertvolle Stück verschiedenen Museen anboten, schlug die Polizei zu – bei einer arrangierten Übergabe im Hotel.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur