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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 08.06.2014

Vor 150 JahrenAb in die Natur

Die Gründung des ersten deutschen Wandervereins

Von Beatrix Novy

Ausblick in Salzburger Land (picture alliance / dpa / Klaus Rose)
Die heute selbstverständliche Infrastruktur, die für gepflegte Pfade, und Aussichtsplätze sorgt ist den Wandervereinen zu verdanken. (picture alliance / dpa / Klaus Rose)

Bis ins 19. Jahrhundert war, wer weite Strecken zu Fuß zurücklegte, ein armer Schlucker, der sich kein Pferd leisten konnte. Bis sich am 8. Juni 1864 der spätere "Schwarzwaldverein" gründete - angetrieben durch die Freude, der Enge der Heimat zu entfliehen.

Gehen. Zu Fuß gehen. In die Natur, weg von Schmutz und Falschheit der Zivilisation. Rousseau hatte es vorgemacht. Mit dem 19. Jahrhundert wuchs das vorher unbekannte Phänomen Wanderlust heran. Es führte zunächst stracks in die Waldeinsamkeit der deutschen Romantik, und da war man doch am besten allein. Aber das änderte sich, und schon 1864, am 8. Juni, gründete eine Gruppe von Freiburger Gastronomen den "Badischen Verein von Industriellen und Gastwirten", später genannt "Schwarzwaldverein".

"Zum Zweck, den Schwarzwald und seine angrenzenden Gegenden besser bekannt zu machen."

Es war nur der Anfang einer Bewegung, die das Wandern zu einer gemeinschaftlichen, organisierten Angelegenheit macht. Der Zeitgeist hatte die zugrunde liegenden Motive gebündelt: Zur Natur strebten die Städter, beängstigt vom industriellen Fortschritt, der sie andererseits, in Gestalt der Eisenbahn, schneller als je zuvor dorthin brachte. Sommerfrischler und Bergtouristen brachten das Geschäft mit Hotels und Gasthäusern in Schwung. Ein selbstbewusst werdendes Bürgertum formierte sich zunehmend in Kunst-, Musik-, Naturkunde- oder eben Wandervereinen. Und über all dem stand die neu entdeckte Liebe zu einer Heimat, die zunehmend als deutsch definiert wurde.

"Wir müssen immer deutscher werden. Wandern ist der deutscheste aller eingeborenen Triebe, ist unser Grundwesen, ist der Spiegel unseres Nationalcharakters überhaupt."

Kampf um Wander-Infrastruktur

Diese Sätze, 1915 im Zupfgeigenhansl, dem beliebtesten Liederbuch der Jugendbewegung gedruckt, sind typisch für den beschränkten Unsinn, den der nationalistische Wahn produzierte. Auch andere Völker hatten das Wandern entdeckt; in England war eine Vereinigung für die Erkämpfung des Wegerechts durch Felder und Wälder schon 1824 gegründet worden. Über Jahrhunderte hatten ja Grundbesitzer ihren Landbesitz erweitert und das ländliche Wegenetz privatisiert. Auch in Deutschland und Österreich stritten wackere Wanderer um den Zutritt zum mittlerweile stark auratisierten deutschen Wald. Ein Lokalhistoriker in Niederösterreich erinnert daran:

"Bis lange ins 19. Jahrhundert hinein war es ja fast verboten, in den Wald zu gehen. Die Jäger fürchteten, dass fast jeder ein Jagddieb ist, also ein Wilddieb ist, und die Besitzer ließen die Leute nicht sehr gern hinein, und die Wandervereine ihren Kampf kämpfen mussten, dass sie eben eine Hütte bauen könnten, oder dass sie etwas markieren könnten."

Die heute selbstverständliche Infrastruktur, die für Schutzhütten, gepflegte Pfade, Picknick- und Aussichtsplätze sorgt und den Wanderer vor dem Verlorengehen im Wald bewahrt, ist den Wandervereinen zu verdanken. Auch dem Schwarzwaldverein:

"1874: Die ersten Aussichtstürme des Badischen Schwarzwaldvereins werden errichtet"

"1886: Die erste Wanderkarte des Württembergischen Schwarzwaldvereins im Maßstab 1:70000 erscheint"

"Um 1900: Erste Wanderheime des Württembergischen Schwarzwaldvereins werden gebaut."

Vom altbackenen Image befreit

Während das bürgerliche Vereinswesen dem Wandern die Beschwerlichkeiten austrieb, ging die Jugend auf die Suche nach Wander-Abenteuern, in eigenen Organisationen und als Teil der breiten, bunten Lebensreformbewegung, in der auch die politischen Strömungen von rechts bis links sich spiegelten.

In Wien entstand 1894 die sozialistische Naturfreunde-Bewegung, die sich weit über Europa hinaus ausbreitete. In Deutschland reüssierte der "Wandervogel" mit seiner gegen wilhelminische Enge rebellierenden, oft stark nationallastigen Jugend. Alle durften sie sich auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs opfern, und alle wurden sie schließlich geschluckt vom Naziregime, das nur die Hitlerjugend duldete.

Und heute? Eingebettet in die modernen Konzepte von Öko- und Wellnesstourismus ist das Wander-Image von unangenehmen Erinnerungen und altbackenem Image befreit, Hape Kerkeling wandert auf dem Jakobsweg, Manuel Andrack in der Eifel, der Rest findet sich im Internet zur Outdooraktivität zusammen.

"Unsere Wandercommunity ist komplett kostenlos!"

Kein Problem. Die Wanderwege sind ja schon länger geebnet.

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