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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 17.06.2014

Vor 100 Jahren geborenChronist des Kriegshorrors

Der Journalist und Kriegsreporter John Hersey

Von Frank Kempe

Eine Luftaufnahme (schwarz-weiß) vom 6. August 1945 zeigt einen Atompilz über Hiroshima. (picture-alliance/ dpa- HIROSHIMA PEACE MEMORIAL MUSEUM)
Eine Luftaufnahme vom 6. August 1945 zeigt einen Atompilz über Hiroshima. (picture-alliance/ dpa- HIROSHIMA PEACE MEMORIAL MUSEUM)

Er gilt als einer der Vorreiter des "Neuen Journalismus": John Hersey verknüpfte in seinen Reportagen journalistisches Handwerk mit literarischen Gestaltungsmitteln. Berühmt machte ihn seine Hiroshima-Reportage.

Harry S. Truman: "The world will note that the first atomic bomb was dropped on Hiroshima."

John Hersey: "Tanimoto begegnete Hunderten und Hunderten, die auf der Flucht waren (...) ihre Haut hing von Gesicht und Händen. ... Auf manchen ... Körpern hatten die Verbrennungen förmliche Muster hinterlassen – von Hemdspangen und Hosenträgern und auf der Haut von Frauen die Zeichnung der Blumen auf ihren Kimonos."

"Hiroshima, 6. August 1945, 8 Uhr 15" – so hieß die Reportage, durch die John Hersey schlagartig berühmt wurde. Sie erschien in der Zeitschrift "The New Yorker" genau ein Jahr nach dem Abwurf der ersten Atombombe, die 100.000 Menschen getötet hatte. Hersey interviewte in Japan sechs Überlebende und verdichtete seine Notizen zu einer beklemmenden Chronik der Katastrophe:

"Ich war überzeugt, den Horror gewissermaßen auf direktem Wege erzählen zu müssen. Der Leser sollte sich auf diese Weise mit den Hauptfiguren leichter identifizieren und so auch deren Leid besser nachempfinden können."

Berichten ohne Emotionen

Die Sonderausgabe des "New Yorkers" war binnen Stunden vergriffen. Allein Albert Einstein soll 1000 Exemplare bestellt haben. Etliche Zeitungen bemühten sich um die Nachdruckrechte. Später als Buch veröffentlicht, wurde der Text auch ins Deutsche übersetzt – und von Literaturkritikern wie Thomas Kramer einhellig gelobt:

"Hersey berichtet nur: ohne Emotionen, ohne an das Gefühl des Lesers zu appellieren. ... Gerade durch diese kalte Berichtsform, durch diese wortkarge, fast wissenschaftlich-nüchterne Sprache wird das Unfassbare erst fassbar."

Hersey – ein Vorreiter des "Neuen Journalismus". Schon in seinem ersten Buch "Eine Glocke für Adano" hatte er Elemente der klassischen Reportage mit literarischen Mitteln verschmolzen. Dafür bekam er den Pulitzer-Preis. 1950 erschien der Tatsachenroman "Der Wall", der in Tagebuch-Form den Aufstand im Warschauer Ghetto erzählt – Ausschnitt aus einer Hörspielfassung:

"Ereignisse vom 18. April 1943 ... Wir trafen uns in Jitzoks Bunker. ... Hier in diesem Raum waren nun die Besten der Überlebenden, die Tüchtigsten der Judenschaft. ... 650 jüdische Kämpfer stehen 2.100 Deutschen gegenüber. Jeder Jude hat also mindestens drei Deutsche auszuschalten, mit – sagen wir – einem Dutzend Patronen. Das bedeutet: dass mit je vier verschossenen Kugeln ein Deutscher aus dem Gefecht ausgeschaltet werden muss."

US-Bürger auf Distanz

Die Leidenschaft fürs Schreiben entdeckte Hersey früh. Geboren am 17. Juni 1914 im chinesischen Tientsin als Sohn amerikanischer Missionare, tippte er mit sechs Jahren Artikel für seine eigene Zeitung, die "Hersey Family News". Er war zehn, als die Familie zurückging in die USA: College, danach in Yale ein Literaturstudium, schließlich erste Reportagen für "Life" und "Time" – doch die in China verbrachte Kindheit machte ihn zu einem US-Bürger auf der Distanz:

"Ich habe mich mein ganzes Leben immer wie ein Fremder gefühlt, ich wurde als Ausländer geboren. ... Als wir zurückkamen in die USA, war alles so anders als in meiner Kindheit. ... Bis heute richten sich meine Interessen auf die Welt als Ganzes, und ich als Person sehe mich in einer Welt, die nicht durch nationale Grenzen definiert ist."

Mitte der 1960er-Jahre begann Hersey in Yale als Dozent zu arbeiten – dort, wo er selbst studiert hatte. Nebenher schrieb er weiter Bücher.

Eines dokumentiert die Rassenunruhen von Detroit im Sommer 1967, durch die 43 Menschen ihr Leben verloren.

Zitat aus "The Algiers Motel Incident":

"Sieben Menschen standen dort an der Wand mit erhobenen Händen: fünf schwarze Männer und zwei weiße Frauen. ... Einer der Polizisten sagte: Geht in diese Richtung! Roderick erschrak, als er an Raum A-2 vorbeikam, wo der Körper von Carl Cooper in einer Blutlache auf dem Teppich lag."

Akribisch geführte Interviews waren auch die Grundlage für dieses Buch – wie schon in Hiroshima. Die japanische Stadt besuchte er 1985 zum ersten Mal wieder, und er traf Tanimoto, einen der sechs Überlebenden.

Fazit: "Seine Erinnerungen wie auch die der Welt sind blasser geworden."

John Hersey starb am 24. März 1993 in Key West / Florida im Alter von 78 Jahren an Krebs. Seine Hiroshima-Reportage wurde wenige Jahre später zur besten des 20. Jahrhunderts gewählt.

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John Hersey: Hiroshima 6. August 1945 - 8 Uhr 15

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