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Kalenderblatt | Beitrag vom 23.11.2018

Vor 100 Jahren Einführung des Achtstundentags für Arbeiter

Von Monika Köpcke

Arbeiter vor dem Reichstagsgebäude in Berlin (dpa/picture-alliance)
Arbeiter demonstrieren im November 1918 vor dem Reichstagsgebäude in Berlin: Der Achtstundentag sollte nicht nur die Lebensqualität der Arbeiter verbessern, sondern mit seiner Hilfe sollten auch Frontrückkehrer wieder ins Arbeitsleben integriert werden (dpa/picture-alliance)

Der Achtstundentag steht heute wieder in der Kritik - zumindest von Seiten vieler Arbeitgeber. Vor 100 Jahren bedeutete seine Einführung einen Fortschritt. Er war eine Kernforderung der Arbeiterbewegung.

"Arbeiter und Soldaten: Der unglückselige Krieg ist zu Ende, das Morden ist vorbei, die Folgen des Kriegs, Not und Elend werden noch viele Jahre lang auf uns lasten."

Am 9. November 1918 verkündete der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann das Ende des deutschen Kaiserreichs.

"Feinde des werktätigen Volkes, die wirklichen inneren Feinde, die Deutschlands Zusammenbruch verschuldet haben, sind still und unsichtbar geworden. Das Alte und Morsche, die Monarchie, ist zusammengebrochen. Es lebe das Neue, es lebe die deutsche Republik!"

Doch wie genau sollte der neue Staat aussehen? Vor allem die Unternehmer, deren Interessen im Kaiserreich fast uneingeschränkt die Wirtschafts- und Sozialpolitik bestimmt hatten, waren überaus besorgt. Drohte ihnen, wie es in Russland bereits geschah, Enteignung und Zwangssozialisierung?

Arbeitgeber lenken aus Angst vor einer Räterepublik ein

In ihrer Not besannen sie sich auf die Gewerkschaften. Schon in Kriegszeiten hatten diese sich als verlässliche Partner bewährt und soziale Forderungen zurückgestellt - auch die nach einem Achtstundentag.

"Acht Stunden Arbeit, acht Stunden Schlaf, acht Stunden Muße, das sei unsere Parole, die wir mit mächtiger Stimme herausschreien wollen."

Bereits 1897 hatte der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Heinrich Peus diesen Slogan formuliert. Damals waren Arbeitszeiten von 11 bis 16 Stunden normal. Nun, im November 1918, schien man endlich am Ziel. Denn aus Angst vor einer Räterepublik nach russischem Vorbild waren die Arbeitgeber zu einigem bereit.

"Vivat, hoch die neue Zeit, herrlich ist’s auf Erden./ Jeder kann jetzt Präsident und Minister werden. ..."

Abkommen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern

Am 15. November 1918 unterzeichneten der Gewerkschaftsführer Carl Legien und der Industrielle Hugo Stinnes stellvertretend für die Arbeitnehmer und Arbeitgeber ein Abkommen, das die vormaligen Kontrahenten in einem Zweckbündnis vereinigte: Die Gewerkschaften bekannten sich ausdrücklich zur freien Unternehmerwirtschaft. Dafür erkannten die Arbeitgeber sie als berufene Vertretung der Arbeiterschaft und als gleichberechtigte Tarifpartner an. Außerdem durften Betriebe mit mehr als 50 Beschäftigten Arbeiterausschüsse bilden. Und der Achtstundentag bei vollem Lohnausgleich sollte endlich Wirklichkeit werden.

"Vivat, hoch die neue Zeit. / Arbeitszeit acht Stunden / Auch der Präsident ist an die Zeit gebunden. / Also brauchen wir jetzt drei, wenn ich‘s recht betrachte, 24 Stunden sind‘s, kommen auf jeden achte."

Integration der Frontrückkehrer ins Arbeitsleben

Das Stinnes-Legien-Abkommen war die Vorlage für die Arbeitszeitverordnung, die das Reichsamt für wirtschaftliche Demobilmachung am 23. November 1918 erließ. Der Achtstundentag sollte nicht nur die Lebensqualität der Arbeiter verbessern, sondern mit seiner Hilfe sollten auch die Frontrückkehrer wieder in das Arbeitsleben integriert werden können.

Doch sobald sich die Wogen der Novemberrevolution geglättet hatten, drängten die Unternehmer wieder auf mehr Spielraum bei der Festlegung der Arbeitszeit. Enorme Belastungen durch den Versailler Vertrag und die Inflation saßen der Weimarer Republik im Nacken. Und so war die Regierung bald bereit, dem Druck nachzugeben. In der "neuen Verordnung über die Arbeitszeit" vom Oktober 1923 hieß es:

"Mehrarbeit kann durch den Arbeitgeber, durch behördliche Anordnung oder durch Tarifvertrag angeordnet werden. Kleine Betriebe werden durch sogenannte freiwillige Mehrarbeit entlastet. Bis zu 11 Stunden pro Tag sind möglich."

Zahl der Arbeitslosen steigt

Ab 1924 stabilisierte sich die deutsche Wirtschaft wieder. Es gab einen Modernisierungsschub und viele Arbeitsplätze wurden wegrationalisiert. Die Weltwirtschaftskrise Ende 1929 ließ die Arbeitslosenzahlen noch weiter in die Höhe schnellen. Im Dezember 1932, als in Deutschland 5,6 Millionen Menschen ohne Arbeit waren, sagte der Gewerkschaftsführer Theodor Leipart:

"Als wir 1918 den Achtstundentag errungen hatten, haben wir ihn als großen Erfolg begrüßt. Besonders bedauerlich aber ist, dass viele Arbeiter und Arbeiterinnen auch jetzt noch länger als 48 Stunden arbeiten müssen, wo Millionen ganz ohne Arbeit sind. Die Verkürzung der Arbeitszeit - das ist mein Weihnachtswunsch."

Erfüllen sollte sich dieser Wunsch erst nach dem Zweiten Weltkrieg: 1946 führte der Alliierte Kontrollrat den Achtstundentag wieder ein -  er galt von Montag bis Samstag.

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