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Religionen | Beitrag vom 05.01.2020

Voodoo-Ausstellung in HildesheimEine friedliche, freundliche Religion

Von Andrea Richter

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Eine Frau steht am Mami-Wata-Altar in der Sonderausstellung "Voodoo" im Roemer- und Pelizaeus-Museum. Die Ausstellung zeigt rund 1200 Objekte rund um die Voodoo-Religionen.  (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)
85 Prozent der Voodoo-Zauber sollen der Heilung dienen, nur 15 Prozent sind Schadenszauber. (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)

Schwarze Magie, Zombies und mit Nadeln gespickte Püppchen: Daran denken viele, wenn sie Voodoo hören. Eine Ausstellung in Hildesheim zeigt, dass diese afrikanisch-karibische Religion in Wirklichkeit ganz anders ist - und viel besser als ihr Ruf.

Vier Musiker in weißen ärmellosen Hemden und weiten weißen Hosen. Ein Tänzer erscheint in einem Kostüm, das aussieht wie das untere Ende eines Reisigbesens mit Hut. Der Besen dreht sich, fegt dabei über den Boden: ein ritueller Voodoo-Tanz, der böse Geister vertreiben soll. Das Roemer- und Pelizäus-Museum in Hildesheim zeigt 1200 Objekte.

"Wenn man heute auf der Straße Leute nach Voodoo fragt, dann denken sie so an schwarze Magie, an Zombies und an ganz dunkle Geschichten", sagt Museumsdirektorin Regine Schulz. "Dass es eine tolle Religion mit 60 Millionen Anhängern ist, eine Religion, die in ganz vielen Dingen sehr offen ist, sehr freundlich, sehr friedlich, wissen Menschen gar nicht. Dass es die nicht nur in Westafrika gibt, sondern auch in der Karibik und in den Amerikas und verstärkt natürlich auch durch die Migration, in Europa, in Frankreich, auch teilweise bei uns – also, wir sollten mehr darüber wissen."

Die Göttin, die als Galionsfigur kam

Der Ethnologe und Voodoo-Experte Henning Christoph hat selbst mehrere Jahre in Afrika gelebt. In seinem Museum in Essen hat der alte Herr mit der weißen Mähne die weltweit größte Voodoo-Sammlung zusammengetragen. Viele Objekte sind jetzt hier in Hildesheim zu sehen. Sogar ein aktiver Voodoo-Altar, der der Göttin Mamiwata geweiht ist, einer verführerischen Schönheit. Auf dem Boden vor ihr steht eine große Schale mit Opfergaben: Parfüm, Süßigkeiten, Dosenlimonade.

"Man sagt, dass die Figur der Mami Wata aller Wahrscheinlichkeit mit den Portugiesen nach Westafrika gekommen ist, im 15. Jahrhundert", erklärt Christoph.

"Die hatten sehr oft als Galionsfigur eine Nixe – und die Nixe war natürlich weiß. Also sagt man, sie kommt aus Europa. Die Schiffe hatten natürlich europäische Güter und so hat man gesagt, Mami Wata muss man immer Opfer bringen, von denen man meint, dass eine europäische Frau sie gerne mag – deswegen die Sachen, die da liegen. Und wenn man zu Mami Wata geht und opfert, dann kann sie auch helfen. Wenn man finanzielle Schwierigkeiten hat, Krankheiten, Beziehungsprobleme – was auch immer. Sie ist eine gütige Voodoo-Gottheit."

Oliver Gauert, Kurator, steht neben Wächterfiguren der Bizango Geheimgesellschaft in der Sonderausstellung "Voodoo" im Roemer- und Pelizaeus-Museum.  (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)Voodoo ist eine synkretistische Religion, die in Westafrika und der Karibik nach wie vor praktiziert wird. (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)

Hennig Christoph bleibt vor einer Vitrine stehen, in der elf kleine Fußballspieler auf einem handtuchgroßen Fußballfeld stehen. Über ihnen die Flagge Togos. Es ist der Fußballaltar, der dem togolesischen Team bei der WM 2006 zum Sieg verhelfen sollte.

"Fußball ist natürlich etwas ganz Besonderes, und in einem Voodoo-Gebiet spielt Voodoo eine große Rolle", sagt Christoph. "Vor jedem Spiel wird man Sachen aktivieren. Man wird mit Bocios arbeiten, die geladen sind, Figuren, wo verschiedene Sachen drangebunden sind. Man ruft die Geister, dass sie einem helfen. Und man kann auch ein Tor bearbeiten, vielleicht am Abend vor dem Spiel, dass man verschiedene Sachen begräbt, in dem Tor der anderen Mannschaft. Man sagt in jedem Spiel: Man muss die Energie benützen, sonst hat man keine Chance."

Nur der Teufel sieht nicht aus wie die weißen Kolonialherren

Im 16. Jahrhundert wurden Menschen aus Afrika als Sklaven in die Karibik und nach Amerika verschleppt. Unter der Kolonialherrschaft durften sie ihre Religion nicht ausüben. Um ihre Götter und Geister weiterhin anbeten zu können, verehrten sie katholische Heilige, meinten aber afrikanische Geistwesen. Auch im brasilianischen Quimbanda wirkt die Kolonialherrschaft nach. Kurator Oliver Gauert erklärt eine Gruppe roter Teufelsfiguren, die in einer Ecke im Halbdunkel stehen:

"Quimbanda ist ein Spaltprodukt der Makumba-Religion, einer typischen afrobrasilianischen synkretistischen Religion, die sich aufgespalten hat. Während die Umbanda-Religion die Verehrung der katholischen Heiligen, die moralischen Glaubensvorstellungen und auch die katholische Ikonographie stark in den Mittelpunkt rückt, bekennt sich Quimbanda ganz bewusst zu den afrikanischen Wurzeln und stellt auch die Ikonographie, die vom Teufel beeinflusst ist, in den Mittelpunkt. Weil die Quimbanda-Anhänger sagen: Das Christentum war die Religion der Kolonialherren, und das hat so unendlich viel Leid über uns gebracht. Sie sagen: Wir können nur die Ikonographie des Wesens akzeptieren, das der größte Widersacher des Gottes der Kolonialherren ist."

Deswegen der Bezug auf den Teufel, sagt Gauert. "Aber sie distanzieren sich ganz klar von der Teufelsverehrung. Die dargestellten Figuren nennt man Exus oder weibliche Pomba Giras und sie haben wie in all diesen Religionen positive und negative Eigenschaften."

Voodoo kann auch zerstörerisch wirken

Schutz, Heilung und die Verehrung der Ahnen sind wichtige Funktionen des Voodoo. 85 Prozent, sagt Experte Christoph, seien positiv, etwa 15 Prozent Schadenszauber, der aber auch nur nach Befragen eines Orakels von einen Priester ausgeführt werden darf. Auf Haiti ist das anders. Oliver Gauert hat das Land im Vorfeld der Ausstellung bereist und war erschüttert:

"Überall im Land haben wir auf unseren Reisen Gespräche mit Leuten geführt, die furchtbare Angst hatten, überhaupt über Voodoo zu sprechen und es auf gar keinen Fall wollten, wenn jemand anderes mithörte. Eine der schlimmsten Situationen war in Port Salü, wo jemand dann tatsächlich sagte, in diesem Land geschehen so schrecklich Dinge! Sagen sie, was hier passiert! Es ist so, dass es sogenannte Bokore gibt, Schwarzmagier, die gegen ein Entgelt bereit sind, gegen jeden eine Art Fluch oder Zauber auszusprechen. Und diese Flüche wirken. Wahrscheinlich wirken sie einfach deshalb, weil die Leute ganz fest daran glauben. Voodoo ist eine friedliche Religion. So friedlich in Haiti wie auch in Afrika. Aber es gibt in Haiti Menschen, die diese Religion missbrauchen, auf grauenvolle Weise."

Im letzten Ausstellungsraum finden sich Werke haitianischer Künstler, die sich in ihren Arbeiten mit Voodoo auseinandersetzen. Darunter ein eindrucksvoller, fast vier Meter hoher Kopf, von Schlangen umgeben. Klischees und Stereotype über Voodoo zu entkräften gelingt der Ausstellung auf differenzierte und äußerst unterhaltsame Art und Weise.

Die Ausstellung im Roemer- und Pelizäus-Museumist noch bis zum 17. Mai 2020 zu sehen. Es gibt ein umfangreiches Begleitprogramm mit Filmen und Vorträgen.
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