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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 12.12.2019

Von wegen AusstiegFinnland startet neuen Kernkraftreaktor

Von Dirk Asendorpf

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Blick in den neuen Atomreaktor Olkiluoto-3 im August 2018. (imago/ZUMA Press/Antti Yrjonen)
Blick in den neuen Atomreaktor Olkiluoto-3 im August 2018. (imago/ZUMA Press/Antti Yrjonen)

Der Neubau des Atomreaktors in Finnland sollte die Renaissance der Atomenergie einläuten – doch Sicherheitsbedenken und technische Probleme führen zu immer neuen Verzögerungen. Auch 14 Jahre nach Baubeginn hat das AKW noch keine einzige Kilowattstunde erzeugt.

Noch ähnelt das Atomkraftwerk eher einem Ameisenhaufen als einer Hochsicherheitszone. Dutzende Arbeiter in gelben Hosen und weißen Kitteln eilen durch die Gänge, erledigen letzte Schweißarbeiten. Hinter einem meterdicken Stahltor wartet bereits der nukleare Treibstoff auf seinen Einsatz: 120 Tonnen Uranoxid-Brennstäbe, per LKW angeliefert aus Lingen im Emsland.

241 Brennstäbe sollen insgesamt in den Reaktordruckbehälter eingebracht werden, sagt Juha Poikola vom finnischen Energiversorger TVO und deutet auf einen Tunnel. Durch ihn müssen die Brennstäbe gebracht werden. "Jetzt können wir da nicht hin", so Poikola. Denn noch immer wird an der Stelle gearbeitet.

Bauarbeiten verzögern sich seit Jahren

Eigentlich sollten die Bauarbeiten schon vor zehn Jahren abgeschlossen sein. Doch der Termin wurde immer wieder verschoben, zuletzt auf Anfang 2020. Das grundlegende Reaktordesign sei zwar fertig gewesen, nicht aber die Detailpläne. Deshalb hätten die Bauarbeiten viel mehr Zeit gebraucht als erwartet. Die Begründung: "Das hier ist ja das erste Atomkraftwerk in Westeuropa nach fast 20 Jahren Pause."


Die Atomreaktoren Olkiluoto im Südwesten Finnlands. (imago/ZUMA Press/Antti Yrjonen)Die Atomreaktoren Olkiluoto im Südwesten Finnlands. (imago/ZUMA Press/Antti Yrjonen)
In Betrieb ist nur das Besucherzentrum. Dort präsentiert TVO seine Hochglanzversion des europäischen Druckwasserreaktors, kurz EPR. Durch die raumhohen Glaswände geht der Blick über einen schmalen Ostseearm auf die Insel Olkiluoto. Schon seit 1973 wird dort Atomstrom erzeugt. Der neue Reaktor soll die Kapazität glatt verdoppeln. Ein Viertel der finnischen Elektrizität wird dann von der Atominsel kommen.

Betreiber verspricht Sicherheit des Reaktors

Der EPR sei viel besser vor Unfällen geschützt, als seine Vorgänger ist in der Ausstellung zu erfahren. Unter dem Reaktordruckbehälter soll eine meterdicke Stahlbetonwanne selbst bei einer Kernschmelze das Grundwasser vor radioaktiver Verseuchung schützen, und die doppelte Betonhülle des Atomeis halte sogar einem Flugzeugabsturz stand.

Sicher, sauber und CO2-frei sei der so erzeugte Atomstrom, sagt die stellvertretende Bürgermeisterin von Eurajoki Johanna Huhtala. Der Nuklearkomplex gehört zu ihrem Gemeindegebiet. Angst, sagt sie, habe hier niemand, schließlich sei es der dritte Reaktor in der Region. "Wir kennen das ja längst und da arbeiten Ingenieure, die wissen was sie tun."

Mit dem Widerstand von Atomkraftgegnern haben die jahrelangen Verzögerungen des Reaktorbaus tatsächlich nichts zu tun. Niemand hat dagegen geklagt. Schließlich spült der Nuklearkomplex jedes Jahr über zehn Millionen Euro in die Gemeindekasse von Eurajoki. Die Kleinstadt kann sich ein üppiges Rathaus leisten, im Foyer plätschert ein künstlicher Wasserfall.

Kaum Widerstand gegen Neubau

Das Atomkraftwerk bedeute Wohlstand für ihre Gemeinde, sagt die Vize-Bürgermeisterin. Der Betreiber habe Seniorenwohnungen gebaut und kümmere sich dort auch um Freizeitaktivitäten. Im Gymnasium sind die Schulbücher kostenlos. "Sie unterstützen uns und alle freuen sich darüber", so Huhtala.

In ganz Finnland genießt die Kernenergie überraschend große Zustimmung. Vier Reaktoren decken ein Viertel des Strombedarfs. Selbst ein Drittel der Grünen-Wähler spricht sich für ihren Weiterbetrieb aus, ein Fünftel wünscht sich sogar einen Ausbau.

"Die Dringlichkeit des Klimawandels bedeutet, dass wir alle Mittel nutzen müssen", sagt ausgerechnet Atte Hajanne. Er ist Abgeordneter der Grünen und glaubt, Finnland brauche Atomkraft, "um mit der Situation fertig zu werden". Der 35-Jährige spricht auch als Experte: Er ist Klimawissenschaftler. Seine Partei stellt seit Mitte dieses Jahres die Ministerin für Umwelt und Klima. Bis 2035, so das offizielle Ziel, soll Finnlands gesamte Elektrizität ohne Treibhausgasemissionen erzeugt werden – mit Atomstrom in der Hauptrolle.

Finnlands Grüne setzen auf Kernenergie

Lautstarken Protest gab es dagegen zuletzt 2002, als das finnische Parlament über den Neubau in Olkiluoto beriet. Juha Aromaa war schon damals als Organisator dabei, heute ist er Sprecher von Greenpeace Finnland. Die finnische Elektrizitätswirtschaft würde wesentlich besser da stehen, wenn das Geld damals in den Ausbau erneuerbarer Energien geflossen wäre. Und nicht in den Reaktorneubau – so wie in Dänemark. Beide Länder könne man gut vergleichen, weil sie mit einer Bevölkerung von je 5,5 Millionen etwa gleich viele Einwohner hätten.

Anfang der 1980er-Jahre hatten Finnland und Dänemark auch ungefähr gleich viele Kohlekraftwerke. "Die Dänen haben sich dann für Windkraft entschieden, wir für Atomkraftwerke", sagt Aromaa. Dänemark sei damit die Kohle schneller los geworden und "am Ende war ihr Weg weitaus effektiver".

Endlager für Atommüll in Sichtweite

Und: Dänemark hat keinen Atommüll. Gut 2000 Tonnen hochradioaktive Abfälle haben sich in Finnland bereits angesammelt. Die abgebrannten Brennstäbe lagern – wie überall auf der Welt – in Abklingbecken direkt neben den Reaktoren. Sicher ist das nicht.

Solche Behälter sollen in einem unterirdischen Endlager auf der finnischen Insel Olkiluoto stehen. (picture alliance / dpa / Lehtikuva / Emmi Korhonen)Solche Behälter sollen in einem unterirdischen Endlager auf der finnischen Insel Olkiluoto stehen. (picture alliance / dpa / Lehtikuva / Emmi Korhonen)
Immerhin hat Finnland als weltweit erstes Land tatsächlich mit dem Bau eines Endlagers begonnen – 400 Meter tief unter dem Nuklearkomplex im Granit der Insel Olkiluoto. Die Geologin Johanna Hansen ist überzeugt, dass die Abfälle des Atomzeitalters dort gut aufgehoben sind. "Ich bin absolut sicher, dass die radioaktiven Stoffe, die wir hier in Containern vergraben werden, das Tageslicht niemals wiedersehen", sagt Hansen. Und meint einen Zeitraum von Hunderttausenden Jahren.

Gegenüber solcher Ewigkeitslast wirkt das verlorene Jahrzehnt beim Bau des neuen EPR-Reaktors direkt über der Endlagerbaustelle fast lächerlich kurz.

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