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Kompass / Archiv | Beitrag vom 27.05.2005

Von Trommel-Traditionen zu Zeitschichtungen

Der Schlagzeuger und Komponisten Michael Wertmüller

Von Martin Risel

Schlagzeuger (AP)
(AP)

Der aus der Schweiz stammende Michael Wertmüller ist herausragender Schlagzeuger der Improvisations-Jazz-Szene und Komponist Neuer Musik, der in der Tradition von Stockhausen vor allem an Zeitsystemen arbeitet. Beim Aktionstag "Werkstatt Junge Akademie" der Akademie der Künste wird ein Musikstück von ihm uraufgeführt, das in Kooperation mit einem Mitglied der Abteilung Literatur entstanden ist.

"Meine Eltern haben auch beides gemocht, also Led Zeppelin und Tschaikowsky, Bruckner und so. "

Und so hat er mit sieben Jahren am Klavier begonnen, mit elf am Schlagzeug, mit 15 ging’s zur Swiss Jazz School und jetzt spielt Michael Wertmüller in New York Free Jazz mit eigenem Trio:

"Also in der Schweiz gibt’s ja ne wahnsinnige Tradition mit Schlagzeug. Und an dieser Swiss Jazz School da kam schon einiges zusammen, insofern war die Konkurrenz schon groß und ich hab mir den Arsch abgeübt damals; also so acht, neun Stunden täglich. "
Als Idole hat der Teenager keine Popstars, sondern legendäre Jazz-Schlagzeuger wie Tony Williams. Und trommelt und trommelt als ob man in der Pubertät nichts Besseres zu tun hätte.

"Braucht schon auch Ausdauer, bin schon halt oft nicht auf Partys gegangen, weil ich dann wirklich oft auch manisch geübt habe. "

In Thun bei Bern steht sein Elternhaus, mehr tolerant und offen als nur wohlbehütet wächst er auf.

"Wir hatten ein großes Haus mit Garten, war ein Super-Luxus. Da konnte ich im Keller Tag und Nacht spielen. "

Nach dem Schlagzeug- folgt Kompositionsstudium, zwei Jahre im Schweizer Sinfonieorchester und in Amsterdam, Stipendium in Los Angeles und dann im vergangenen Jahr bei der Akademie der Künste in Berlin.

" Ich kam ja vor sieben Jahren nach Berlin, um bei Dieter Schnebel Komposition zu studieren. Mein ganzes Umfeld ist eigentlich mehr oder weniger hier auch mittlerweile. Also in die Schweiz zurück, das geht nicht. "

Von außen betrachtet hat Michael Wertmüller auch die Bedeutung der deutschen Hauptstadt als Musikzentrum erfahren.

"Ich denk schon, in Europa ist Berlin ein wichtiger Ort für Neue Musik. Klein und elitär ist das auf jeden Fall. Aber dieser ganze Inzest geht mir schon auch mächtig auf n Keks ab und zu. "

Am kommenden Sonntag steht die Uraufführung einer Wertmüller-Komposition an: Die Vertonung eines Textes von Wolfgang Hilbig, Literat bei der Akademie der Künste Berlin-Brandenburg. Eine der interdisziplinären Kooperationen, mit der gerade die Junge Akademie für frischen Wind im akademischen Kulturbetrieb sorgen soll.

" Is ne tolle Möglichkeit eben auch von der Jungen Akademie, die sie geboten haben, dass wir eben tatsächlich so 'n Stück realisieren können. Eigentlich geht’s um den Niedergang der Männer Ende des letzten Jahrhunderts. Und das taucht dann im Text irgendwie immer auf. "

Er und andere Stipendiaten aus den unterschiedlichsten Bereichen begegnen sich nicht zuletzt im Elektroakustischen Studio der Akademie der Künste. Studioleiter Gerd Rische:

"Gerade durch dieses Programm Junge Akademie und auch durch dieses Zusammenführen - also ein Besuch im Studio gehört immer auch zum Programm - kommen zunehmend auch Bildende Künstler und Video-Künstler zu uns. "

Während seines Stipendiums hat Michael Wertmüller im Elektroakustischen Studio komponiert und bleibt der Einrichtung weiter treu.

" Der hat verschiedene Sachen hier gemacht, dann machen wir jetzt ‚ne neue Produktion mit ihm. Dann habe ich noch ‚ne Kooperation mit dem Deutschlandradio und ich hoffe, dass es weitergeht. Weil das macht richtig Freude, ist auch Kosten sparend. "

Was klingt wie musikalisches Chaos hat eine fast überintelligente Struktur: "Die Zeit, eine Gebrauchsanweisung" heißt Wertmüllers wichtigste Komposition. Wie eine Fortführung von Stockhausens Aufsatz "Wie die Zeit vergeht" - geschrieben für 15 Musiker, jeder spielt in einem anderen, vom Monitor abgelesenen Metrum, ein Computer ersetzt den Dirigenten. Der Komponist liebt solche Zeitschichtungen an den Grenzen von Festplatte, Geist und Wahrnehmung.

" Komponieren heißt ja auch irgendwie ein ganzheitliches Denken, nicht nur musikalisches. Und so was zu schaffen, dass man eben diese improvisierte Musikwelt auch komponieren kann mit so einer Freiheit, aber total streng komponiert. Das is’ Vision, wo ich habe. "

Und im Alltag ist dem visionären Geist dann auch mal nach ganz alltäglicher Musik, zuletzt gekauft hat er …

"Robbie Williams, das war die Greatest Hits. Ich mag ja Popmusik ab und zu sehr gern. Und so zum Duschen habe ich mir die gekauft und so. "

Und zuhause im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg mit Freundin, deren Tochter und dem eigenen vierjährigen Sohn ist die Musik ganz gemischt wie früher im eigenen Elternhaus.

"Ich hör halt selbst viel Bruckner. Mein Sohn ist völliger Bruckner-Fan. Der steht morgens früh auf, also macht die Augen auf und als erstes fragt er: Papa, können wir heute Bruckner hörn? "

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