Von Tobias Wenzel
Wie russische Dichter sich positionieren, wenn Tausende gegen Wahlmanipulationen demonstrieren, hinterfragt die "Süddeutsche Zeitung". Die "FAZ" kommentiert die Übergabe des Literaturnobelpreises an den Schweden Tomas Tranströmer. Die "TAZ" befragt zwei Studenten, die aus "Germany's Next Topmodel" ein Reclam-Heft gemacht haben.
Wenn eine große deutsche Tageszeitung, nämlich DIE WELT, das Feuilleton mit einem Artikel über die erschreckend banale Frage aufmacht, ob ein Double oder Tom Cruise persönlich für den vierten Teil von "Mission Impossible" auf die Spitze des höchsten Turmes der Welt in Dubai gestiegen ist, und wenn letzteres, ob und wie er gesichert wurde, dann, ja dann weihnachtet es schon kräftig in den Feuilletonisten-Stuben. Jedenfalls in denen der WELT.
Gar nicht nach Lebkuchen-Gelaber klingt die erste Titelzeile im Feuilleton der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG:
"Wir faulen vor uns hin wie feuchte Blätter."
Tim Neshitov geht der Frage nach, wie russische Dichter sich gesellschaftlich positionieren, in einer Zeit, in der Tausende von Menschen gegen Wahlmanipulationen demonstrieren, während Premier und Präsident im russischen Staatsfernsehen "Badminton und Klavier" spielen, "Mähdrescher" fahren und "sibirische Tiger" bezwingen. Wie geht man als russischer Schriftsteller damit um? Tim Neshitov antwortet mit zwei Beispielen.
Der Küchenliterat Nikolaj Bodnartschuk hat ein Buch mit Miniaturerzählungen geschrieben, die alle mit den Worten "Ein Imker ... " beginnen:
"Ein Imker hatte ein radioaktives Handtuch. Er wusch es seit bereits zwölf Jahren, aber da blieb immer noch ein wenig Rubidium-87 drin. Verzweifelt vom permanenten Waschen schnitt der Imker das Handtuch in vier Teile und legte auf ihnen von nun an Mäusegift aus. Die Mäuse starben jetzt viel schneller."
Bodnartschuk hat seinen Erzählband noch nicht veröffentlicht, will er auch nicht. Nicht etwa aus Angst, denn eine literarische Zensur gibt es unter Putin nicht, so Tim Neshitov in seinem SZ-Artikel:
"Gezweifelt wird vielmehr daran, ob diese Gesellschaft, die sich vorzugsweise in der Lektüre von Ramschkrimis vertieft und ihren Kindern in der Schule die Lektüre von Klassikern nur noch in gekürzter Fassung nahelegt, mit Literatur noch etwas anfangen kann."
Als zweites Beispiel nennt Neshitov den russischen Autor Dmitrij Bykow, der schon einige Romane und Gedichte veröffentlicht hat. Bykow habe an den Protesten gegen die Wahlmanipulationen teilgenommen und danach ein Gedicht geschrieben. Das teile die Gesellschaft gerade nicht in zwei Lager ein, in die bösen "Handlanger des Regimes" und die guten "freiheitsliebenden Bürger". Vielmehr beschreibe der sonst eher komische Dichter nun verzweifelt einen "Scheißgeist", der die ganze Gesellschaft zersetze:
"Wir faulen vor uns hin wie feuchte Blätter, durchtränkt von Neid."
"Die Welt produziert Schlagzeilen wie 'Zehntausende protestieren in Moskau gegen Wahlbetrug', 'Klimakonferenz droht im Chaos zu versinken' und 'Kommt nach dem EU-Gipfel das böse Erwachen'", "
schreibt Matthias Hannemann in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG, und in Stockholm wird friedlich lächelnd gefeiert. Schwedens König überreichte am Samstag seinem Landsmann Tomas Tranströmer den Literaturnobelpreis. Hannemann zitiert Tranströmers Verleger mit den Worten:
" "Hier geht es um Liebe. Das ist wunderschön. Es tut einem Land einfach gut, mal einen eigenen Poeten liebzuhaben."
Ein wenig klingen diese Worte, als stammten sie aus dem Buch "Das ist der Tag, von dem ihr noch euern Enkelkindern erzählen werdet". Die zwei Berliner Kommunikationsdesign-Studenten Gregor Weichbrodt und Grischa Stanjek gestalteten es in einem Seminar. Dafür tippten sie sämtliche Dialoge des diesjährigen Finales von "Germany's Next Topmodel" ab. Das Design des Covers im Look der Reclam-Hefte suggeriert einen Klassiker. Umso komischer, weil recht nichtssagend, wirkt der 120 Seiten einnehmende Text der Model-Casting-Show. Genau das war die Absicht der Studenten.
"Bei der Arbeit haben wir allerdings ziemlich gelitten", " sagen die beiden der TAZ im Interview.
" "Alleine das Transkribieren hat um die zwanzig Stunden gedauert, die ganze Zeit mit Heidis Stimme auf den Ohren. Der Satz 'Es kann nur eine Germany's Next Topmodel werden' hat sich bei uns mantraartig eingebrannt."
Gar nicht nach Lebkuchen-Gelaber klingt die erste Titelzeile im Feuilleton der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG:
"Wir faulen vor uns hin wie feuchte Blätter."
Tim Neshitov geht der Frage nach, wie russische Dichter sich gesellschaftlich positionieren, in einer Zeit, in der Tausende von Menschen gegen Wahlmanipulationen demonstrieren, während Premier und Präsident im russischen Staatsfernsehen "Badminton und Klavier" spielen, "Mähdrescher" fahren und "sibirische Tiger" bezwingen. Wie geht man als russischer Schriftsteller damit um? Tim Neshitov antwortet mit zwei Beispielen.
Der Küchenliterat Nikolaj Bodnartschuk hat ein Buch mit Miniaturerzählungen geschrieben, die alle mit den Worten "Ein Imker ... " beginnen:
"Ein Imker hatte ein radioaktives Handtuch. Er wusch es seit bereits zwölf Jahren, aber da blieb immer noch ein wenig Rubidium-87 drin. Verzweifelt vom permanenten Waschen schnitt der Imker das Handtuch in vier Teile und legte auf ihnen von nun an Mäusegift aus. Die Mäuse starben jetzt viel schneller."
Bodnartschuk hat seinen Erzählband noch nicht veröffentlicht, will er auch nicht. Nicht etwa aus Angst, denn eine literarische Zensur gibt es unter Putin nicht, so Tim Neshitov in seinem SZ-Artikel:
"Gezweifelt wird vielmehr daran, ob diese Gesellschaft, die sich vorzugsweise in der Lektüre von Ramschkrimis vertieft und ihren Kindern in der Schule die Lektüre von Klassikern nur noch in gekürzter Fassung nahelegt, mit Literatur noch etwas anfangen kann."
Als zweites Beispiel nennt Neshitov den russischen Autor Dmitrij Bykow, der schon einige Romane und Gedichte veröffentlicht hat. Bykow habe an den Protesten gegen die Wahlmanipulationen teilgenommen und danach ein Gedicht geschrieben. Das teile die Gesellschaft gerade nicht in zwei Lager ein, in die bösen "Handlanger des Regimes" und die guten "freiheitsliebenden Bürger". Vielmehr beschreibe der sonst eher komische Dichter nun verzweifelt einen "Scheißgeist", der die ganze Gesellschaft zersetze:
"Wir faulen vor uns hin wie feuchte Blätter, durchtränkt von Neid."
"Die Welt produziert Schlagzeilen wie 'Zehntausende protestieren in Moskau gegen Wahlbetrug', 'Klimakonferenz droht im Chaos zu versinken' und 'Kommt nach dem EU-Gipfel das böse Erwachen'", "
schreibt Matthias Hannemann in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG, und in Stockholm wird friedlich lächelnd gefeiert. Schwedens König überreichte am Samstag seinem Landsmann Tomas Tranströmer den Literaturnobelpreis. Hannemann zitiert Tranströmers Verleger mit den Worten:
" "Hier geht es um Liebe. Das ist wunderschön. Es tut einem Land einfach gut, mal einen eigenen Poeten liebzuhaben."
Ein wenig klingen diese Worte, als stammten sie aus dem Buch "Das ist der Tag, von dem ihr noch euern Enkelkindern erzählen werdet". Die zwei Berliner Kommunikationsdesign-Studenten Gregor Weichbrodt und Grischa Stanjek gestalteten es in einem Seminar. Dafür tippten sie sämtliche Dialoge des diesjährigen Finales von "Germany's Next Topmodel" ab. Das Design des Covers im Look der Reclam-Hefte suggeriert einen Klassiker. Umso komischer, weil recht nichtssagend, wirkt der 120 Seiten einnehmende Text der Model-Casting-Show. Genau das war die Absicht der Studenten.
"Bei der Arbeit haben wir allerdings ziemlich gelitten", " sagen die beiden der TAZ im Interview.
" "Alleine das Transkribieren hat um die zwanzig Stunden gedauert, die ganze Zeit mit Heidis Stimme auf den Ohren. Der Satz 'Es kann nur eine Germany's Next Topmodel werden' hat sich bei uns mantraartig eingebrannt."