Von Tobias Wenzel

Herta Müllers Nobelpreisrede wird von den Feuilletons unterschiedlich aufgenommen: Die einen sind zu Tränen gerührt, andere leicht genervt. Leicht genervt ist SZ-Autor Malte Dahlgrün auch von Richard David Precht. Die "Süddeutsche" berichtet ferner über eine Ausgabe des "Spiegel" für Kinder.
"Es ist eine wahrhaft zu Herzen gehende Rede", schreibt Burkhard Müller in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG; vermutlich tippt er den Text mit nur einer Hand, weil seine andere mit einem Taschentuch die kullernden Tränen auffängt. Was den Feuilletonisten berührt und auch die Kollegen der anderen Zeitungen beschäftigt, ist die Rede, die Herta Müller am Montag, drei Tage vor der Verleihung des Literaturnobelpreises, in Stockholm hielt. Eine Rede über das Taschentuch. "Hast du ein Taschentuch?", hatte die Mutter ihre Tochter Herta jeden Tag zum Abschied gefragt, wohl wissend, dass sie keines hatte. "Die Frage war aber wichtig", so Burkhard Müller weiter, "denn in ihr verdichtete sich die Zärtlichkeit der Mutter, welche direkt zu äußern im herben bäuerlichen Milieu des deutsch-rumänischen Banats nicht schicklich gewesen wäre."

Herta Müller, die sich nicht als Spitzel anwerben ließ, deshalb ihr Büro und ihren Schreibtisch verlor und dann, auf der Treppe, ein Taschentuch ausbreitete, sich darauf setzte und zu arbeiten begann. "Das Taschentuch wird zur Schwester von Herta Müllers Schreiben", sinniert Burkhard Müller in der SZ.

Jörg Magenau bleibt beim Hören der Rede Müllers offensichtlich tränenfrei und klingt gegen Ende seines Artikels für die TAGESZEITUNG leicht genervt:

"Später dann, im Westen, scheint es keine Taschentücher mehr gegeben zu haben. Jedenfalls nichts, was sich darüber berichten ließe. Mit Müllers Übersiedlung nach Westberlin im Jahr 1987 enden die Geschichten. Armes Land, das keine Taschentücher hat? Oder sprechen die Dinge hier bloß eine andere Sprache? Darüber würde man von Herta Müller gerne einmal etwas hören."

Am liebsten gar nichts hören würde SZ-Autor Malte Dahlgrün von Richard David Precht. Gerne würde er dem Bestseller-Autor mit allen Taschentüchern, die in Herta Müllers Leben eine Rolle gespielt haben, den Mund stopfen – aber was bringt's, wenn die Hände noch Bücher wie "Liebe. Ein unordentliches Gefühl" schreiben können? "Es ist eine pseudowissenschaftliche Blamage", schreibt Dahlgrün.

"Pausenlos höhnt und spottet Precht gegen Theorien aus der Evolutionsbiologie und der evolutionären Psychologie, die er nicht einmal ansatzweise verstanden hat, und sonnt sich im Triumph rhetorischer Fragen, die seine eigene Ahnungslosigkeit unerbittlicher offenlegen, als es jeder Kritiker könnte."

Und:

""Richard David Precht kennt sich auf diesen Gebieten kaum besser aus als Oliver Pocher". "

Anstatt weitere Beleidigungen gegenüber Oliver Pocher zu lesen, sollte man lieber die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG umblättern und beim Artikel von Martin Zips Halt machen. Denn der schreibt über "Dein Spiegel", das neue Magazin für Kinder, die irgendwann mal zum "Spiegel" für Erwachsene greifen sollen, damit sie dann verfolgen können, auf welchem Platz der Bestseller-Liste das aktuelle Buch von Opa Precht steht. "Vor genau 30 Jahren wagte die Illustrierte Hörzu etwas Neues: Eine Fernsehzeitschrift – nur für Kinder", schreibt Zips und erinnert daran, dass die wöchentlich erscheinende "Siehste" schon nach 52 Ausgaben eingestellt wurde, und das trotz des Slogans "Lieste Siehste, siehste klar". Fazit des Feuilletonisten:

""Wer als Kind die Siehste liebte, der hasste nach der Einstellung auch das Erwachsenenblatt Hörzu". "

Dieses Schicksal soll dem "Spiegel" erspart bleiben. In der aktuellen Kinderausgabe, so Martin Zips, erkläre der Formel-1-Vizeweltmeister Sebastian Vettel, wie man Pipi macht, wenn man den Druck auf der Strecke nicht mehr aushält. Die Antwort bleibt Zips leider schuldig und überlässt es dem Leser, ob er selbst im aktuellen Kinder-"Spiegel" nachschauen oder aber seiner Phantasie freien Lauf lassen möchte. Lieber Letzteres: Vermutlich hat des Rätsels Lösung mit sehr saugfähigen Taschentüchern zu tun.