Von Skalarfeldern, Quantentunneln und Friedmann-Universen

Dies ist nicht der erste Versuch, dass uns das Weltall erklärt wird. Aber es ist ein eigenwilliger Versuch und einer, der neugierig macht, aber auch verwirrt. Er stammt von einem ehedem russischen Astrophysiker und nicht von einem der zahlreichen redseligen und redegewandten amerikanischen Wissenschaftler, die dutzendweise den Büchermarkt mit ihren glänzend formulierten Kosmologie-Büchern überschwemmen.
Alex Vilenkin, in der Ukraine geboren, gehört zu jener russischen Astrophysik-Schule, die gern mit im Westen ungewohnten Theorien hantiert. Den Hochbegabten wollte der KGB für seine Dienste einspannen, und nachdem Vilenkin dankend ablehnte und dafür mit Berufsverbot bezahlen musste, blieb ihm 1976 nur die Emigration. Er ging in die USA, machte dort in bemerkenswertem Tempo Karriere und brachte es binnen kurzem zum Institutsdirektor an der Tufts University in Massachusetts.

Und das, obwohl er mit seinen kosmischen Kapriolen mindestens so viel Unverständnis wie Aufsehen erregt. Doch Klarheit, rasche und unkonventionelle Denkbewegungen und luzide Intelligenz machen ihn zum gesuchten und auch bestaunten Gesprächspartner. All das kommt dem Buch "Kosmische Doppelgänger" zu Gute.

Experimentelle Astrophysiker halten den Urknall für so gut wie bewiesen. Den Kollegen von der Theorie hingegen bereitet er, der angebliche Anfang des Alls, hingegen Kopfschmerzen. Denn die Mathematik sieht die Sekunde vor dem Urknall mit ihren Unendlichkeiten von Hitze und Kompression nicht vor.

Seit Einstein mit seiner allgemeinen Relativitätstheorie die erste mathematische Beschreibung des Weltalls vorgestellt hat, wird der Kosmos nicht mehr nur beobachtet, sondern auch berechnet. Und es sind in erster Linie auch Rechnungen, mit denen die Theoretiker dem Kosmos im Ganzen beikommen wollen.

Vor allem geht es um die schier unüberbrückbaren Widersprüche zwischen den beiden grundlegenden physikalischen Gebäuden, der Theorie der Gravitation und der Theorie der elementarsten Grundsubstanzen, der Quantentheorie. Im Urknall und in den Schwarzen Löchern des heutigen kosmischen Alltags stoßen die beiden Königinnen der theoretischen Physik ohne Chance einer Versöhnung aufeinander.

Alex Vilenkin betet nicht seinen amerikanischen Kollegen ausweichende Ideen von Strings und Superstrings nach, sondern entwirft stattdessen erstaunliche Bilder von Universen, die seit Ewigkeiten wie Blasen im Sumpf aufgehen, platzen und wieder vergehen, von Welten, die die unsere unendlich variieren und so fort. Alles nichts weniger als Phantasie, sondern stringente Ergebnisse von Rechnungen und Gleichungen. Experimente und Beweise bleiben da streng und grundsätzlich vor der Tür.

Mit leichter Hand, unkomplizierten Worten und mit bemerkenswert wenig Fachchinesisch führt Vilenkin den Leser ohne jegliche mathematische Quälerei, dennoch logisch scheinbar unabweisbar, schwebend wie bei einem Zeppelinflug über die absonderlichsten virtuellen kosmischen Zustände. Und wenn man gelegentlich innehält, wundert man sich, auf welche exotische Insel man gerade herunterschaut.

Gleichwohl muss man schon intensiv an den Problemen der theoretischen Kosmologie interessiert sein, um in den fernen Welten nicht bald vom lesenden Schauen müde zu werden, zumal, wenn von echtem und Falschem Vakuum die Rede ist, von Skalarfeldern, Quantentunneln und Friedmann-Universen.

Das ganze Buch ist, ohne dass davon direkt die Rede ist, eine einzige Hymne an die schöpferische Kraft der höheren Mathematik, und man fühlt sich am Ende der Lektüre mehr erschöpft als glücklich erinnert an den in einem ganz anderen Zusammenhang ausgesprochenen Satz: "Wenn Theorie und Praxis nicht übereinstimmen, umso schlimmer für die Praxis."


Rezensiert von Florian Hildebrand


Alex Vilenkin: Kosmische Doppelgänger. Wie es zum Urknall kam. Wie unzählige Universen entstehen
Aus dem Englischen von Nicola Fischer unter fachlicher Beratung von Rüdiger Vaas
Springer, Berlin 2008.
281 Seiten, 19,95 Euro