Von Russland nach Amerika

In Anya Ulinichs Debütroman "Petropolis" geht es um das Schicksal einer jungen Russin, die in die USA emigriert. Zwei sehr unterschiedliche Formen des Elends in zwei sehr unterschiedlichen Gesellschaftsformationen geraten so in den Blick. "Petropolis" ist dennoch eine muntere, schwungvoll erzählte Geschichte voller Leben und Lebenslust.
Anya Ulinich war 17 Jahre alt, als ihre Familie 1990 in die USA emigrierte. Aufgewachsen in Moskau, brachte sie von dort den Wunsch mit, Malerin zu werden und schaffte es tatsächlich, am Art Institute of Chicago und an der University of California Malerei zu studieren. Dass sie dann aber zum Schreiben fand, hat erstens damit zu tun, dass sie die englische Sprache sehr schnell lernte - denn sie schreibt nicht in ihrer Muttersprache Russisch, sondern auf Englisch -, vor allem aber damit, dass das Malen mit der eigenen Familie, mit ihren Kindern und den Wohnverhältnissen nicht vereinbar war. Zum Schreiben konnte sie sich zurückziehen. So entstand ihr Debütroman "Petropolis", in dem es um das Schicksal einer jungen Russin geht, die in die USA emigriert.

Sascha Goldberg, so der Name der Romanheldin, hat wie die Autorin eine Vorliebe für die Malerei. Damit sind die biographischen Parallelen aber auch schon bald erschöpft. Sascha kommt nicht aus Moskau, sondern aus einer sibirischen Siedlung, die ihr ganzes Elend schon in ihrem Namen "Asbest 2" zu erkennen gibt. Dort war einmal ein Gulag, und weil Asbest abgebaut wurde, ist Lungenkrebs eine verbreitete Krankheit. Saschas Mutter ist voller Ehrgeiz und seltsamer Heimatliebe. Ihr Vater ist schon vor Jahren nach Amerika ausgewandert. Als Sohn eines Afrikaners und einer Russin, von einer jüdischen Intellektuellenfamilie in Moskau adoptiert, blieb er in der Sowjetunion immer der Fremde. Als dunkelhäutiges Mädchen mit jüdischem Namen muss auch Sascha um ihren Platz kämpfen: "Jude sein war nicht das Allerschlimmste", sagt sie. "Zwar schlimmer als Armenier oder Tartare, aber lange nicht so schlimm wie Tschetschene, die Witzfigur für Millionen." Doch der Perspektivlosigkeit eines Lebens in "Asbest 2" möchte sie möglichst rasch entkommen - obwohl sie vom Bruder einer Schulfreundin, die in einer Baracke auf der Müllkippe haust, geschwängert wird und das Kind bei ihrer Mutter zurücklassen muss.

In Moskau, wo sie eine Kunstschule besuchen soll, meldet sich Sascha bei einer Agentur, die russische Frauen nach Amerika vermittelt. So gelangt sie als "Mailorder-Braut" nach Phoenix, Arizona und landet dort in einer trostlosen Ehe mit kalendarisch festgelegten sexuellen Verpflichtungen. Über eine Familie russischer Migranten im Süden Chicagos und als Haushälterin in einer Luxusvilla, wo sie als sowjetische Vorzeigejüdin die Wohltätigkeit der Familie zu beweisen hat, gelangt sie schließlich auf der Suche nach ihrem Vater nach Brooklyn und schafft es nach und nach, sich ein eigenes Leben aufzubauen. Und als ob die Autorin gefürchtet habe, das könne noch nicht genug Stoff sein, erzählt sie nebenbei auch noch eine scheue, zarte Liebesgeschichte Saschas zu einem schwerbehinderten, genialischen Jungen im Rollstuhl, der ein wenig an Stephen Hawking erinnert.

Anya Ulinich hat ihren Lebensweg dramatisiert und so zugespitzt, dass er vom geographischen Rand des russischen Imperiums in der Endphase der Sowjetunion ans untere Ende der sozialen Stufenleiter der amerikanischen Gesellschaft führt, wo russische Migranten sich eben so wiederfinden. Zwei sehr unterschiedliche Formen des Elends in zwei sehr unterschiedlichen Gesellschaftsformationen geraten so in den Blick. Allerdings lässt sich die Autorin - oder vielmehr ihre Heldin - dadurch nicht die gute Laune verderben: "Petropolis" ist ein muntere, schwungvoll erzählte Geschichte voller Leben und Lebenslust; keine große, aber sehr unterhaltsame Literatur. Die Farbigkeit des Erzählens - vor allem im ersten, dem russischen Teil -, die klar skizzierten Szenen, die scharf umrissenen Figuren lassen den Zugriff der ausgebildeten Grafikerin erkennen. Tatsächlich geht Anya Ulinich von Zeichnungen aus, die sie zunächst anfertigt. Ihre Phantasie ist bildlich. Einige dieser das erzählen begründenden Bilder sind auf ihrer Homepage www.anyaulinich.com zu sehen.

Der Romantitel "Petropolis" stammt aus einem Gedicht von Osip Mandelstam. Es führt zurück in die Zeit der russischen Revolution und ist Teil der Familiengeschichte - erzählt doch Saschas Vater, dass seine Adoptiveltern eine Erstausgabe von Mandelstams "Tristia" besaßen, die sie die ganzen 30er Jahre im Küchenschrank versteckten. Der Geschichte der Sowjetunion, die Ulinich als Familiengeschichte nur skizziert, ist damit von vorn herein eine Geschichte des Untergangs. Die Migration ins kapitalistische Ausland erscheint als der einzige logische Ausgang - auch wenn Sascha in ihren wechselnden amerikanischen Nöten nur noch ein Ziel vor Augen hat: "Ich möchte eine innere Immigrantin" werden."

Rezensiert von Jörg Magenau

Anya Ulinich: Petrolpolis. Die große Reise der Mailorder-Braut Saschas Goldberg
Roman
Aus dem Englischen von Pieke Biermann
DTV, München 2008
420 Seiten, 14,90 Euro