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Religionen / Archiv | Beitrag vom 17.09.2011

Von Protestanten umringt

Das Eichsfeld, katholische Enklave in Thüringen

Von Susanne von Schenck

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Einer der bekanntesten Wallfahrtsorte und zugleich Wahrzeichen des katholischen Eichsfelds ist der Hülfensberg - für 50.000 erwartete Pilger ist er aber eindeutig zu klein (Susanne von Schenck)
Einer der bekanntesten Wallfahrtsorte und zugleich Wahrzeichen des katholischen Eichsfelds ist der Hülfensberg - für 50.000 erwartete Pilger ist er aber eindeutig zu klein (Susanne von Schenck)

Bis heute hat sich im thüringischen Eichsfeld eine tiefe Volksfrömmigkeit erhalten. Denn das Eichsfeld war und ist eine durch und durch katholische Gegend. In der Wallfahrtskapelle von Etzelsbach macht der Papst auf seiner Deutschlandreise Station.

"Zeigt euren Kindern den Weg zu mir, sagt Jesus Christus, sie haben ein Recht darauf, mich kennenzulernen".

Von weither lesbar steht der Satz aus dem Matthäusevangelium in großem Schriftzug an der Außenwand der Kindertagesstätte St. Anna im thüringischen Küllstedt. Lioba Wehr, Anfang vierzig und Mutter von vier Kindern, nimmt ihn sich zu Herzen.

"Ja, das ist auch so mein Inhalt, dass ich meinen Kindern den Glauben mitgebe. Was sie später daraus machen, ist ja nicht mehr in meiner Hand. Ich hoffe, dass sie es weiterleben, was für mich wichtig ist, weil es ein Teil meines Lebens ist und meines Mannes Gott sei Dank auch, da arbeiten wir ja Hand in Hand."

Küllstedt liegt mitten im Eichsfeld. Und das Eichsfeld – "Eicksfeld", wie die Einheimischen sagen – liegt mitten in Deutschland. Der Eiserne Vorhang durchtrennte es bis zur Wiedervereinigung. Ein Teil der Region gehört zu Hessen, einer zu Niedersachsen und der größte zu Thüringen. Dorthin kommt am 23. September der Papst. Denn das Eichsfeld war und ist eine durch und durch katholische Gegend, und Küllstedt bildet da keine Ausnahme.

"Als Jugendliche hatten wir in unserer Gemeinde so eine Gruppe Jugendlicher. Wir haben zusammengehalten, wir haben zusammen Gottesdienste vorbereitet, Andachten gehalten, auch Wallfahrten mitgemacht. Das hat mir immer Halt gegeben, und ich musste das nie infrage stellen."

In schwierigen Zeiten schien Hilfe direkt von oben zu kommen. Das war in der DDR auch dringend nötig, sagt Hermann-Josef Montag, ebenfalls aus Küllstedt.

"Zu der Situation im Eichsfeld kann man nur sagen: Wenn wir den Herrgott nicht gehabt hätten, dann hätten wir gar nicht die Kraft gehabt, die vierzig Jahre zu überstehen und den Glauben auch fortzusetzen. Denn der schwebt ja nicht nur in den Kirchen über uns, sondern er ist unter uns, und er beeinflusst unser Handeln."

Über 75 Prozent der Eichsfelder sind Katholiken. Weder die Nationalsozialisten noch der SED-Staat konnten sie von ihrem Glauben abbringen. Er bildet immer noch die Grundlage der Eichsfelder Identität – aller Globalisierung zum Trotz. Die Zahl der regelmäßigen Kirchgänger liegt in dieser Region über dem Bundesdurchschnitt.

"Sonntags ist immer um zehn ne Messe hier. Und wenn es bei uns nicht klappt, da gehen wir ins Klüschen. Da gehen wir um 9 Uhr fort und sind um 9.45 hier."

sagt eine Spaziergängerin in der Nähe von Küllstedt. Und das Klüschen – kleine Klause – ist die in der Nähe liegende Wallfahrtskapelle Klüschen Hagis.

"Unsere Mutter hat uns das gelehrt, und die hat immer gesagt: Sechs Tage sollst du arbeiten, und am siebten sollst Du ruhen. Wir haben sonntags nie gearbeitet. Und deswegen, das ist so geblieben. Ich kenn' das nicht anders von zuhause."

Warum sich der Katholizismus in diesem Teil Thüringens – das ja das Stammland der Reformation ist - so hartnäckig halten konnte, weiß Probst Heinz Josef Durstewitz. Er residiert in einem hellgelb gestrichenen Barockgebäude mitten im Heilbad Heiligenstadt, dem Zentrum des Eichsfelds, knapp zwanzig Kilometer von Küllstedt entfernt.

"Das Eichsfeld ist ein Gebiet, was zwischen 900 und 1400 der Kurfürst von Mainz zusammengekauft hat. In der Reformation ist es zum größten Teil katholisch geblieben mit einigen Umwegen, da der Landesherr eben der Erzbischof und Kurfürst von Mainz war. Die Jesuiten haben ab 1575 sich darum gesorgt, dass hier in dieser Exklave des Mainzer geistlichen Stiftes die katholische Form des Glaubens lebendig blieb. Im Wesentlichen durch Bildung und durch Kunst, durch Wallfahrten, durch Schauspiele, also alles, was die Sinne füllen kann."

Katholisch blieb das östliche Eichsfeld auch während der DDR-Zeit. Im vorwiegend atheistischen Umfeld war es mit dem Landstrich ein bisschen so wie mit Asterix' gallischem Dorf unter den Römern: Widerstand gegen die Staatsmacht. Während die Regierung Fronleichnam und Ostermontag abschaffte und die Jugendweihe einführte, behielten die frommen Eichsfelder ihre Kinder an kirchlichen Feiertagen einfach zuhause und zelebrierten außerdem ihre Wallfahrten, von denen es zahlreich in dieser Gegend gibt. Die SED-Führung steuerte dagegen.

"Man hat hier zum Beispiel Betriebe gegründet, etwa Textilbetriebe, die hier kein Zuhause hatten, zumindest seit hundert Jahren nicht mehr, man hat Leute hierher geholt, die eben nicht katholisch waren, gezielt aus dem sächsischen Bereich, man hat ein Dorf zu einer Stadt gemacht, wo fast nur, ja man muss sagen, evangelisch stimmte ja dann schon fast nicht mehr, wo Leute lebten, die aus der Glaubenstradition her keinen Nachschub mehr bekommen haben."

Zur Zeit des Kalten Krieges war ein Papstbesuch so gut wie undenkbar. Jetzt aber will Benedikt XVI bei der Wallfahrtskapelle in Etzelsbach predigen, und Probst Durstewitz wird das natürlich nicht verpassen. "Das Jahrtausendereignis" – damit wird landauf landab für den Papstbesuch geworben.

"Ich halte das, wenn wir hier auf dem Pilgerfeld zusammen beten, für eine Sternstunde unseres Wallfahrtsortes. Für mich ist es einfach ein Geschenk, dass dieser Wallfahrtsort mit diesem Papstbesuch geehrt wird."

Franz Xaver Stubeniztky ist Pfarrer in Steinbach. Etzelsbach gehört zu seiner Gemeinde. Die kleine Wallfahrtskapelle, idyllisch zwischen Lindenbäumen gelegen, befindet sich gut zwölf Kilometer von Heiligenstadt entfernt. Erstmals erwähnt wurde sie 1525. Die heutige Kapelle, ein Backsteinbau, stammt aus dem späten 19. Jahrhundert. Besonderer Anziehungspunkt im südlichen Kirchenschiff ist eine hölzerne Pietà, eine Mariendarstellung mit dem vom Kreuz abgenommenen Leichnam Christi. Sie hat eine bewegte Geschichte.

"Wahrscheinlich ist dieses Marienbild im Zuge der Verwüstung von Katholischem vergraben worden, das hat dann einer gefunden beim Ackern seines Feldes. Die Pferde scheuten, dann ist er dem nachgegangen und hat es gefunden."

Auf dieses Ereignis von 1801 geht die Tradition der Etzelsbacher "Pferdewallfahrt" zurück. Alljährlich, Anfang Juli, ziehen Pilger mit ungefähr dreihundert festlich geschmückten Pferden zur Kapelle. Dort werden sie nach dem Wallfahrts-Hochamt gesegnet.
Jetzt weht an der Eingangstür die Fahne mit dem Motto der Papstreise "Wo Gott ist, da ist Zukunft". Franz Xaver Stubenitzky hat es auch zu seinem gemacht.

"Ich predige das schon seit Ostern und davor. Bei Taufgesprächen sag ich das immer deutlich: Da, wo man Gott zulässt in seinem Leben, in seiner Familie, da ist Zukunft. Sonst ist man sich nur am Niederkeifen. Der Egoismus kann so Wellen schlagen, dass man nicht merkt, wie man am Leben vorbei lebt. Da, wo Gott ist, da gibt es eine andere Botschaft, als nur den anderen zu übervorteilen, sondern da gibt es eine Botschaft der Liebe, der Gerechtigkeit und des Friedens, und wir versuchen, das zu leben."

Etzelsbach ist ein Marienwallfahrtsort, und das ganze Eichsfeld ein Wallfahrtsland, geprägt von einer tiefen Volksfrömmigkeit. Prozessionen, Kreuze, Bildstöcke oder Kreuzwegstationen am Wegesrand zeugen davon. Berühmt sind die Palmsonntagsprozession in Heiligenstadt, aber auch die Männerwallfahrt ins "Klüschen Hagis" oder die für Frauen auf den "Kerbschen Berg" bei Dingelstädt. Bis Anfang November dauert die Saison für die Pilger.

Einer der bekanntesten Wallfahrtsorte und zugleich Wahrzeichen des katholischen Eichsfelds, ist der Hülfensberg. Für den Papstbesuch ist dieser Ort allerdings ungeeignet: Er liegt 450 Meter hoch und ist für 50.000 erwartete Pilger eindeutig zu klein.

"Ich sag immer salopp: Was für den frommen Muslim Mekka ist, ist für den Eichsfelder der Hülfensberg."

Bruder Rolf ist einer von vier Franziskanern, die dort im Kloster leben. Bis zur Wiedervereinigung lag der Hülfensberg in der Sperrzone direkt an der deutsch-deutschen Grenze. Menschenansammlungen auf dem Hülfensberg waren, so Bruder Rolf, den Oberen ein Dorn im Auge.

"Während es in der Klosterchronik Bemerkungen gibt, dass bis zu 3-, 5-, 7000 Wallfahrer hier manchmal auf den Berg kamen zu den Großwallfahrtstagen, hat die SED-Regierung das Ganze beschränkt, nämlich auf der einen Seite, dass nur tausend Leute hier überhaupt hochkommen durften, nur an den vier großen Wallfahrtstagen, die es im Jahr gibt, und es durften nur solche Leute sein, die selbst im Sperrgebiet wohnten."

In der Klosterkirche hängt das sogenannte "Hülfenskreuz" aus dem 12. Jahrhundert, eine Christusfigur vor einem roten, mit goldenen Sternen überzogenen Hintergrund. Wer nah an das Kreuz herantritt, hat den Eindruck, dass Jesus ihn freundlich anlächelt - wie auch die Pietà in Etzelsbach, die direkt auf den Betrachter schaut. Wegen dieses Kreuzes pilgern zahlreiche Menschen auf den Hülfensberg. Dabei, so Bruder Bernold, einer der Franziskaner, ereignet sich auch hin und wieder ein Wunder.

"Ein Blinder hatte seiner Frau gesagt, ich möchte auch gern mitgehen, da hat sie gesagt, das geht doch gar nicht, du bist blind, wie sollen wir das denn machen mit der Unterbringung usw. Da hat er gesagt: nein, ich möchte gerne mit, und dann ist er auch mitgegangen mit der Prozession. Und als sie dann oben an dieser Stelle waren – wenn kein Nebel ist, kann man die Stelle sehen, dann hat sie gesagt: so, jetzt sind wir an der Stelle, dann sehen wir zum ersten Mal den Hülfensberg. Und da hat er gesagt: Ich sehe ihn auch."

Wie ein Wunder kommt vielen gläubigen Eichsfeldern auch der Papstbesuch vor. Benedikt XVI. will damit an die die innerdeutsche Teilung erinnern und die Rolle der Christen bei der Wiedervereinigung würdigen.
"Wahnsinn, es ist so unfassbar, das Herz klopft einem, wenn man daran denkt. Die Freude wächst auch bei den Leuten. Zuerst war das gar nicht so für die Leute begreiflich."

Christel Kinzel, Ende sechzig, strahlt. Sie stammt aus Steinbach und kennt die Etzelsbacher Wallfahrtskapelle bestens. In großem Tempo wurden dort die Kapelle und das ganze Umfeld erneuert – der Papstbesuch macht es möglich. Die Wallfahrtskapelle ist frisch renoviert, das Gnadenbild der Maria geputzt. Die Straßen sind neu asphaltiert, und Bagger und Planierraupen haben das Feld direkt vor dem Kirchlein schachbrettartig für die 50.000 erwarteten Pilger angelegt. Peter Kittel hat die Bauarbeiten koordiniert. Der Bayer hat Erfahrung mit päpstlichen Großveranstaltungen. Bereits 2006 richtete er den Papstbesuch in Regensburg aus – für 260.000 Menschen.

"Sie sehen hier die Panoramastrecke. Auf der wird das Papamobil fahren und so dem Heiligen Vater den intensiven Kontakt zu ganz, ganz vielen Menschen hier auf dem Feld ermöglichen. Das wird jetzt, das kann ich aus meiner Regensburger Erfahrung sagen, einer der ergreifendsten Momente sein, wenn sie dem Heiligen Vater ganz nahe kommen. Und das werden sehr viele Menschen sein."

Wie Peter Kittel so ist auch Christel Kinzel fast jeden Tag an der Etzelsbacher Kapelle anzutreffen. Auf dem Platz vor dem Kirchlein informiert die Mutter von drei Töchtern die Besucher über die Geschichte des Ortes und das Leben als Katholikin während der DDR-Zeit.

"Es ist ein wirklich, gerade für uns ältere, ein unfassbar positives Erlebnis. Nach diesen ganzen Dingen, die durch die DDR-Zeit gewesen sind, dass wir das so erleben dürfen und dass wir auch ein bisschen Kirchengeschichte hier schreiben, das ist schon schön, und ich hoffe, dass das Früchte trägt."

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