Von Paul Stänner

Wir widmen uns der gefährdeten Demokratie und dem realitätsentwöhnten Amerikaner. Außerdem ein Blick auf die phil.Cologne und das Werk des verstorbenen Fotografen Bert Stern.
Der Berliner TAGESSPIEGEL hat sich eine kleine Meldung herausgegriffen, die aber in ihrer Einfachheit noch einmal deutlich macht, worum es bei jenem Europa geht, das uns mittlerweile so teuer kommt. Eine Online-Umfrage des Goethe-Instituts mit 22.000 Nutzern ergab, dass vor der klassischen Musik und vor dem Buchdruck die Demokratie als der bedeutendste Beitrag Europas zur Weltkultur angesehen wird.

Und die scheint in Gefahr: Amerikanische Soldaten können im Internet nur noch beschränkt auf die Seiten des britischen Guardian zugreifen, meldet die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG. So will die Army verhindern, dass die Soldaten in der Zeitung Geheimnisse aus den Datensammlungen der NSA lesen, die zwar jeder Schafzüchter auf den Äußeren Hebriden kennt, aber nicht der Colonel in Kentucky.

In der FRANKFURTER ALLGEMEINEN versucht der amerikanische Journalist Thomas Frank als enttäuschter Obama-Wähler zu verstehen, warum sich in den USA niemand über den Abhörskandal der NSA aufregt. Einer der Gründe: Hollywood! "Warum denken wir so?", fragt er. Antwort:

"Weil das die Lehren sind, die jeder von uns aus (…) der Hollywood-Unterhaltungsindustrie gezogen hat, die uns versichert, der Staat sei allwissend und allmächtig."

Und warum glaubt das der Amerikaner? Antwort:

"In Amerika ist es in der Regel so, dass die Realität den zweiten Platz hinter einer attraktiv präsentierten Freiheitsphantasie einnimmt."
Apropos Gedankenspiele: In Köln wurde nach der lit.Cologne die phil.Cologne eröffnet. "Das Festival der Philosophie", schreibt Bernd Dörries in der SZ,

"sieht seine eigene Existenz als Beleg dafür, dass die Philosophie raus ist aus dem Elfenbeinturm (…)."

Da diskutiert Altsoziologe Oskar Negt mit Sahra Wagenknecht, was Dörries lustig und unterhaltsam findet. Für die FAZ hat Oliver Jungen beobachtet, dass dieses Gespräch so öde gewesen sei, dass Negt selbst den Moderator angefahren habe, die Debatte doch lebendiger zu gestalten. Jungens Urteil über die Philosophie als Event:

"Ihr wichtigstes Kennzeichen aber ist ihre Obsession mit dem Lebensweltlichen. Es muss heute über alles philosophiert werden: Karriere, Film, Popmusik, Glück, Unglück, Liebe, Burn-out, Kaninchen."

Dass dabei der "kameraffine Richard David Precht, der schon zu jedem Thema ein paar alte Gedanken zusammenkompiliert hat"," auftritt, scheint Jungen besonders überflüssig zu finden.

Bert Stern, der verstorbene Fotograf und Dokumentarfilmer, wird gewürdigt. Andrian Kreye erinnert in der SZ an seinen der ersten großen Coup: Er fotografierte in einer Kampagne für den Wodka Smirnoff keine Models oder Partygäste, sondern ein einsames Martiniglas in der Wüste. ""In der Werbung war das damals eine Revolution" schreibt Kreye. Innerhalb von drei Jahren wurde Vodka zur Nummer eins an den amerikanischen Cocktail-Bars. Berühmt aber wurde Stern durch jene 2.500 Aufnahmen, die er an drei Tagen in Los Angeles von Marilyn Monroe machte.

In der WELT zitiert Peter Dittmann Sterns Satz, dass er es liebe, seine Gefühle in die Fotos einfließen zu lassen und stellt fest: "Das hebt sie aus der Fotoflut heraus."
Es könnte sein, dass man eines Tages Stern vergisst, aber seine Fotos nicht. Auf jeden Fall, fügen wir hinzu, nicht jene Aufnahmen, die 1962, sechs Wochen vor Marilyns Tod, entstanden sind.

Auf einer Doppelseite überlegt die SZ, warum es hunderttausende Deutsche zu Ritterspielen und Schalmeientänzen zieht? Mit 2.000 Mitwirkenden wird am Wochenende die "Landshuter Hochzeit von 1475" nachgespielt und – so schreibt die SZ - damit alles authentisch ist, sind verboten: "Uhren, Eheringe, Brillen und Handys."

Vielleicht, liebe Süddeutsche, sind das schon alle wichtigen Gründe dafür, sich ins Mittelalter zu verdrücken – und wir fügen hinzu: Keine Abhöranlagen, kein Richard David Precht, aber leider auch keine Marilyn Monroe.