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Zeitfragen | Beitrag vom 30.08.2018

Von Neandertalern und "Denisova-Menschen"Der neueste Coup von Svante Pääbo

Von Christine Westerhaus

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Svante Pääbo, Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig (picture alliance/dpa/Foto: Frank Vinken)
Svante Pääbo, Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, zeigt die Rekonstruktion eines Neandertaler-Schädels. (picture alliance/dpa/Foto: Frank Vinken)

Mindestens einmal müssen sich ein Neandertaler und ein "Denisova-Mensch" etwas näher gekommen sein. Das ist die neueste wissenschaftliche Sensation vom schwedischen Molekularbiologen Svante Pääbo. Ein Portrait über ihn und seine Forschung.

"Man geht da rein und zieht Wechselkleidung an und so."

Der wichtigste Raum am Max-Planck Institut für Evolutionäre Anthropologie liegt im Keller. Das "Allerheiligste" nennt Svante Pääbo sein Reinraumlabor, in das Besucher nur von außen durch eine Glasscheibe sehen dürfen. Hier gewinnen die Forscher unter strengen Vorschriften DNA aus alten Knochen und blicken so immer tiefer in die menschliche Vergangenheit.

"Dann gibt es ein erstes Zimmer, wo man Knochen mahlen und Proben entnehmen kann von Knochen und das Allerheiligste im dritten Zimmer. Dort wird die eigentliche Laborarbeit gemacht."

Genau hier hat 2010 hat Svante Pääbo zusammen mit seinem Team eine spannende Entdeckung gemacht: Die einer neuen bis dahin unbekannten Menschenform. In einer Höhle in Sibirien hatten sie den Knochen eines Menschen gefunden, den sie keiner bis dahin bekannten Art zuordnen konnte. Die Forscher gaben ihm den Namen "Denisova-Mensch", benannt nach der Höhle, in der der Knochen gefunden wurde. Es war eine Sensation. Und eine weitere folgte: Denn in dieser Denisova-Höhle fand man auch den 50.000 Jahre alten Knochen eines Mädchens, dessen Mutter Neandertalerin und dessen Vater ein Denisova-Mensch war.

"Es hat mich natürlich total überrascht, dass wir so viel Glück haben werden, dass wir über eine erste Generation, so ein Kind stolpern, dass wirklich ein Elternteil von einer Gruppe und ein Elternteil von der anderen Gruppe haben. Wir hatten schon die Ahnung, dass sie sich auch getroffen haben. Aber jetzt haben wir sozusagen den richtigen Hinweis bekommen."

Treffen zwischen Neandertaler und Denisova-Mensch

Mindestens einmal müssen sich Neandertaler und Denisova-Mensch also näher kennen gelernt haben. 

"Es deutet darauf hin, dass man hat sich oft gemischt, wenn man sich getroffen hat. Aber man hat sich wahrscheinlich nicht so oft getroffen. Es waren wahrscheinlich nicht viele Menschen vorhanden damals, man hat zum größten Teil getrennt gelebt: Der Denisova-Mensch in Asien. Der Neandertaler in Europa und im westlichen Asien und nur wahrscheinlich in diesem Gebiet, im Altai Gebirge, ist man aufeinander getroffen."

Außerhalb dieses Gebiets in Sibirien, in dem auch die Denisova-Höhle liegt, sind die verschiedenen Frühmenschenformen wahrscheinlich unter sich geblieben. Allein der Homo sapiens, zu dem alle heute lebenden Menschen gehören, hat alle Kontinente erreicht.

"Eine große Frage ist natürlich immer noch: Wieso hat nur der moderne Mensch eigentlich überlebt? Eine Erklärung oder ein Teil der Erklärung ist ganz sicher das Verhalten von modernen Menschen. Irgendwas macht den modernen Menschen einzigartig, indem er Kultur und Technologie entwickelt, was einem erlaubt, über die ganze Welt sich zu verbreiten und sehr zahlreich zu werden."

Die Nachbildung eines älteren Neandertalers   (picture alliance/dpa/Foto: Federico Gambarini)Die Nachbildung eines älteren Neandertalers im Neanderthal-Museum in Mettmann. (picture alliance/dpa/Foto: Federico Gambarini)
Um zumindest teilweise zu klären, was Homo sapiens einzigartig macht, vergleicht Svante Pääbo jetzt die Erbgutanlagen von Frühmenschen mit denen heute lebender Menschen. In ihrer DNA sucht er nach Unterschieden: Veränderungen im Erbgut, die möglicherweise erklären, warum der Homo Sapiens erfolgreicher war.

"Eine Idee, das viele haben ist, dass es vielleicht nicht um Intelligenz per se geht, sondern vielleicht um Sozialität. Zum Beispiel die Tatsache, dass wir verwenden das erste Drittel unseres Lebens zu lernen, was frühere Generationen erzielt haben. Und dass das vielleicht sehr typisch vom modernen Menschen ist, dass wir diese große Fähigkeit haben, uns anzueignen, was andere gemacht haben und darauf aufzubauen. Aber was das dann genetisch wäre, das ist wirklich ein großes Rätsel." 

Neandertaler und moderne Menschen hatten Kinder

Viele andere Rätsel hat Svante Pääbo mit seinen Erbgutanalysen aber schon lösen können: Etwa, dass Neandertaler und moderne Menschen gemeinsame Kinder bekommen haben. Das hatten Forscher lange vermutet, doch beweisen konnten sie es nicht. Das gelang erst Svante Pääbo. Dank ihm weiß man: Etwa zwei Prozent der Erbanlagen heutiger Europäer und Menschen aus Westasien stammen vom Neandertaler. Jetzt wollen die Forscher versuchen, Erbgut aus menschlichen Fossilien zu gewinnen, die noch älter sind, als die bisher untersuchten.

"Jetzt ist die Zielsetzung, noch weiter zurück in die Zeit zu gehen, Methoden zu entwickeln, DNA, die noch mehr abgebaut ist noch weniger Kopien vorhanden, dass wir das auch noch studieren können, um weiter zurück, sagen wir eine halbe Million Jahre, 800.000 Jahre zurück in der Zeit zu gehen."

Auf die Idee, die Erbanlagen der Neandertaler zu untersuchen, ist Svante Pääbo eher über Umwegen gekommen. Seine Leidenschaft galt zunächst ägyptischen Mumien.

"Ich hatte sozusagen einen romantischen Traum als Kind, irgendwann Archäologe oder Ägyptologe zu werden. Und ich habe auch angefangen, Ägyptologie an der Uni zu studieren und wurde dann enttäuscht. Aber irgendwie wusste ich dann: Es gibt Hunderte und Tausende von Mumien in den Museen. Und als ich dann Molekularbiologie gelernt habe, habe ich dann gesagt: Ich sollte versuchen, DNA zu gewinnen von den Mumien."

Zunächst ließ der heute 63-Jährige eine tierische Leber vergammeln, um zu untersuchen, wie schnell sich die Erbsubstanz, die DNA, darin abbaut und entwickelte infolge dessen eine völlig neue molekularbiologische Technik, die ihm erlaubte, DNA aus Gewebeproben zu gewinnen. Auch das ungewöhnlich. Später bekam Svante Pääbo Zugang zu ägyptischen Mumien, die in DDR Museen lagerten und schaffte es dann tatsächlich, Erbmaterial daraus zu gewinnen. 1984 war das.

Und auch wenn die DNA damals möglicherweise eine Verunreinigung war, gilt der Schwede seitdem als Pionier der Paläogenetik. Und er wird mit Forschungspreisen überhäuft. Aber trotz seines Ruhms: Svante Pääbo ist bescheiden geblieben. Und er hat sich zumindest eine schwedische Tradition bewahrt: In seinem Büro arbeitet er immer in Holzschuhen.

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