Von Maximilian Steinbeis
Die Feuilleton befassen sich mit Werner Herzogs Wettbewerbsbeitrag in Venedig "Bad Lieutenant". Der Soziologe Ulrich Beck veröffentlicht eine monatliche Kolumne in der "Frankfurter Rundschau".
Was kann das wohl für ein Film sein, den die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG einen "bizarren Bastard" nennt? Wer kommt da als Autor in Frage? Tarrantino ist jetzt ausnahmsweise einmal nicht gemeint. Nein, es handelt sich natürlich um Werner Herzog, dessen Wettbewerbsbeitrag in Venedig "Bad Lieutenant" den Kritikern schwer zu schaffen macht. In dem Film geht es "um die Vorteile einer Mineralwasserdiät, um zweiköpfige Schlangen, ein Schloss in Deutschland, Tierliebe und Sex bei Tieren, um Mystik und übernatürliche Ereignisse", versucht sich der TAGESSPIEGEL an einer Inhaltsangabe. Und natürlich um die Titelgestalt, einen drogensüchtigen, erpresserischen und durch und durch gemeinen Polizisten. Der trägt offenbar mancherlei Ähnlichkeit mit dem Protagonisten eines älteren Films von Abel Ferrara, ebenfalls "Bad Lieutenant" geheißen, wobei Herzog schlankwegs bestreitet, dass es sich um ein Remake handelt. Michael Althen nennt diese Kaspereien in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG einen "Aberwitz". Und in der BERLINER ZEITUNG schimpft Anke Westphal, das sei "natürlich albern von Herzog", und beklagt obendrein die "läppisch strukturierte Geschichte". Nur bei Tobias Kniebe in der Süddeutschen findet Herzog Milde, ja sogar Begeisterung: Der SZ-Kritiker preist das "überwältigende, amoralische, hochkomische Alles-Egal-Gefühl, das man plötzlich bei den Machern des Films spürt", und wertet das Werk hoch zufrieden als "Amerika-Metapher".
In Amerika hat sich unlängst Ulrich Beck aufgehalten, der weltberühmte Soziologe. Die FRANKFURTER RUNDSCHAU hat Beck eine monatliche Großkolumne eingeräumt, in der er, so die Ankündigung, "schreibt, was ihm im Vormonat auffiel in den Medien und in der Wirklichkeit". Einer schreckenerregenden Fülle von Elendsgestalten ist Beck in San Francisco begegnet:
"Dort liegt einer am Straßenrand, die Polizei checkt kurz, dass da noch Leben vermutet werden darf, geht weiter."
Beobachtungen, die den Soziologen zu Betrachtungen über Weltinnenpolitik und weltumspannende Informationsströme animieren:
"Die Armen akzeptieren die Unvergleichbarkeit, die nationale Grenzen konstruieren, nicht länger; sie vergleichen sich – und wollen rein!"
Von da aus geht es ziemlich übergangslos zu Obamas Gesundheitsreform und zum Lissabon-Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das Beck – wie vor ihm schon viele andere Geistesgrößen – als nationalreaktionären Verrat an Europa sowie an "Buchstaben und Geist der deutschen Verfassung und Verfassungsgeschichte" geißelt.
Die sprunghafte Tagebuchform der Beck'schen Kolumne ist neu und wirkt fast wie ein Fremdkörper im gedruckten Zeitungsfeuilleton. Das liest sich fast wie ein Blog. Man merkt, da ist manches in Gärung bei der FRANKFURTER RUNDSCHAU, und der Verdacht bestätigt sich, wenn man die BERLINER ZEITUNG aufschlägt: Dort steht der gleiche Text noch mal. Die beiden krisengeschüttelten Blätter gehören mittlerweile dem selben Verlag, und der scheint nicht damit zu rechnen, dass die Berliner Zeitung in Frankfurt gelesen wird und umgekehrt. Da scheint es fast wie Hohn, dass eine andere Geschichte ebenfalls in beiden Zeitungen abgedruckt ist: Ulrike Simon hat Bernd Buchholz porträtiert, den Chef des größten deutschen Zeitschriftenverlags Gruner & Jahr. "Nein, G & J ist kein Friedhof, und Stern, Brigitte und Geo sind keine Särge, über denen sich demnächst die Deckel schließen", schreibt die Autorin beruhigenderweise, nicht ohne hinzuzufügen:
"Ernst ist die Lage aber, wie die Halbjahreszahlen ( ... ) belegen.""
Da kommt man sich beim Radio doch wie in einem Idyll vor, zumal wenn man Alexander Mendens liebevolles Portrait des britischen Senders BBC Radio 4 in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG liest: "Welcher andere Sender produziert eine hundertteilige Reihe über die Geschichte der Welt oder Reportagen über das viktorianische Abwassersysstem Londons?", fragt der Autor.
"Radio 4 hören heißt: eine Gewebeprobe der Befindlichkeit von Middle England zu nehmen, der weißen, gebildeten Mittelschicht."
Mit diesem etwas unappetitlichen Bild verabschieden wir uns für heute von Middle Germany.
In Amerika hat sich unlängst Ulrich Beck aufgehalten, der weltberühmte Soziologe. Die FRANKFURTER RUNDSCHAU hat Beck eine monatliche Großkolumne eingeräumt, in der er, so die Ankündigung, "schreibt, was ihm im Vormonat auffiel in den Medien und in der Wirklichkeit". Einer schreckenerregenden Fülle von Elendsgestalten ist Beck in San Francisco begegnet:
"Dort liegt einer am Straßenrand, die Polizei checkt kurz, dass da noch Leben vermutet werden darf, geht weiter."
Beobachtungen, die den Soziologen zu Betrachtungen über Weltinnenpolitik und weltumspannende Informationsströme animieren:
"Die Armen akzeptieren die Unvergleichbarkeit, die nationale Grenzen konstruieren, nicht länger; sie vergleichen sich – und wollen rein!"
Von da aus geht es ziemlich übergangslos zu Obamas Gesundheitsreform und zum Lissabon-Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das Beck – wie vor ihm schon viele andere Geistesgrößen – als nationalreaktionären Verrat an Europa sowie an "Buchstaben und Geist der deutschen Verfassung und Verfassungsgeschichte" geißelt.
Die sprunghafte Tagebuchform der Beck'schen Kolumne ist neu und wirkt fast wie ein Fremdkörper im gedruckten Zeitungsfeuilleton. Das liest sich fast wie ein Blog. Man merkt, da ist manches in Gärung bei der FRANKFURTER RUNDSCHAU, und der Verdacht bestätigt sich, wenn man die BERLINER ZEITUNG aufschlägt: Dort steht der gleiche Text noch mal. Die beiden krisengeschüttelten Blätter gehören mittlerweile dem selben Verlag, und der scheint nicht damit zu rechnen, dass die Berliner Zeitung in Frankfurt gelesen wird und umgekehrt. Da scheint es fast wie Hohn, dass eine andere Geschichte ebenfalls in beiden Zeitungen abgedruckt ist: Ulrike Simon hat Bernd Buchholz porträtiert, den Chef des größten deutschen Zeitschriftenverlags Gruner & Jahr. "Nein, G & J ist kein Friedhof, und Stern, Brigitte und Geo sind keine Särge, über denen sich demnächst die Deckel schließen", schreibt die Autorin beruhigenderweise, nicht ohne hinzuzufügen:
"Ernst ist die Lage aber, wie die Halbjahreszahlen ( ... ) belegen.""
Da kommt man sich beim Radio doch wie in einem Idyll vor, zumal wenn man Alexander Mendens liebevolles Portrait des britischen Senders BBC Radio 4 in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG liest: "Welcher andere Sender produziert eine hundertteilige Reihe über die Geschichte der Welt oder Reportagen über das viktorianische Abwassersysstem Londons?", fragt der Autor.
"Radio 4 hören heißt: eine Gewebeprobe der Befindlichkeit von Middle England zu nehmen, der weißen, gebildeten Mittelschicht."
Mit diesem etwas unappetitlichen Bild verabschieden wir uns für heute von Middle Germany.