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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.06.2007

Von Kolonialisten und Kolonisierten

Evelyn Waugh: "Befremdliche Völker, seltsame Sitten", Eichborn Verlag 2007, 325 Seiten

Afrika heute: Armut in Südafrika (AP Archiv)
Afrika heute: Armut in Südafrika (AP Archiv)

Der britische Schriftsteller Evelyn Waugh bereiste Anfang der 30er Jahre des letzen Jahrhunderts Afrika. In seinen Reisenotizen "Befremdliche Völker, seltsame Sitten" schildert er mit viel Humor nicht nur das Leben der "Eingeborenen", sondern auch das merkwürdige Gebaren der kolonialen Herrscher.

Evelyn Waugh krault nicht im Mainstream, er steht notorisch "auf der andern Seite". Das ist auch mal die falsche, da stehen Figuren wie der "Duce" und "generalísimo" Franco, aber man soll nicht vergessen, dass seinerzeit etliche Künstlerkollegen mehr als nur flirten mit "Väterchen" Stalin. Er wird obendrein, kurz nach Graham Greene, Katholik - fatal im antipapistischen Empire. 1903 hineingeboren in eine Londoner Literatenfamilie, geschlagen mit Vater und Bruder, die vor ihm als Schriftsteller reüssieren - was macht so einer, wenn er merkt, dass er trotzdem schreiben muss? Er schärft die Feder und wird Satiriker, er schärft die Sinne und wird Reiseschriftsteller, bevor er sich an die Romane wagt, für die wir ihn lieben - Brideshead Revisited (Wiedersehen mit Brideshead) oder Tod in Hollywood zum Beispiel.

Fast ein halbes Jahr lang, von Oktober 1930 bis März 1931, reist Evelyn Waugh das erste Mal durch einen Teil von Afrika, erlebt das groteske Getue um die Krönung von Haile Selassie in Abessinien, klettert im Jemen auf Berge, verliebt sich in Kenias "Anmut, Weite und Großzügigkeit", die ihn an Irland erinnern, tut sich um in Sansibar, Dschibuti, Tanganjika, Uganda, Belgisch-Kongo und anderen Ländern - die heute alle unabhängig sind und fast alle anders heißen -, in Bordellen und Bergklöstern, bei Ureinwohnern wie bei Kolonialherrschafts daheim. Und immer erzählt er von Menschen und ihrem Treiben. Zugegeben, als heutiger, politisch-korrekter Schönwetter-Antiimperialist liest man anfangs mit flauem Magen von "Negern" und fragt sich beim Spott über feudalistisch-pompöse Araber oder trickreiche Inder, Griechen, Armenier: Ist das nicht kolonialistische Herablassung, gar Rassismus pur? Und merkt sehr bald, Waugh ist gerecht in seinem Spott - richtig und mit Wonne ätzt er, wenn er die Nutznießer und Bürokraten des Kolonialismus porträtiert, den eigenen europäischen ennui und andere Irrtümer eingeschlossen.

"Befremdliche Völker" ist wunderbare Prosa, so klar wie atmosphärisch dicht, so kenntnis- wie gedankenreich, und glänzend übersetzt von Matthias Fienbork. Ein hochpolitisches Buch, allen guten Absichten des Autors zum Trotz, der etwa auf der Hälfte der knapp 300 Seiten nüchtern bekennt:

"Ich bin ohne bestimmte Meinung über die britische Kolonialpolitik losgefahren und hatte auch nicht vor, mir eine Meinung zu bilden. Die Probleme waren aber so beharrlich, daß mir gar keine andere Wahl blieb, als mich mit ihnen auseinanderzusetzen."

Remote People (Ferne Leute), wie das Werk im Original von 1931 heißt, beweist nebenbei auch aufs Amüsanteste, dass Satire und Reisen in fremde Welten dieselbe Wurzel haben: den anderen Blick, für den man wohl "auf der andern Seite" zu Hause sein muss. Auf Deutsch ist außer einer Sammlung 1949 bisher nichts von Waughs Reiseprosa erschienen. Die Andere Bibliothek hat nach 66 Jahren ein Kleinod ausgegraben, und wär die Welt gerecht, hätten es all die "Afrika-Retter" vor Heiligendamm gelesen, diesseits und jenseits des Zauns.

Rezensiert von Pieke Biermann

Evelyn Waugh: Befremdliche Völker, seltsame Sitten - Expeditionen eines englischen Gentleman
Übersetzt von Matthias Fienbork
Mit historischen Fotografien und einem Nachwort von Rainer Wieland
Eichborn Verlag (Die andere Bibliothek), Frankfurt/Main 2007
325 Seiten, 27,50 Euro

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