Von Klaus Pokatzky

Die Katastrophe von Köln beherrscht in dieser Woche die Berichterstattung der Feuilletons: Der Einsturz des Kölner Stadtarchivs wird mit Entsetzen aufgenommen.
"Grollen, Brüllen, Schlagen kennen sie nicht." Der Berliner TAGESSPIEGEL vom Sonntag entführt uns in ein kleines Paradies. Es liegt im Südwesten Chinas im Hochgebirge, da wo die 35.000 Menschen des Völkleins der Mosuo leben. "Niemand heiratet, die Erwachsenen lieben, wen immer sie gerade mögen. Mütter geben den Ton an, Väter spielen so gut wie keine Rolle, Töchter erscheinen kostbarer als Söhne und erben den Besitz." Es ist "Welttag der Frau" am Sonntag und für den TAGESSPIEGEL hat Caroline Fetscher das Buch des argentinischen Arztes und Journalisten Ricardo Coler über die Mosuo gelesen. "Das Paradies ist weiblich. Eine faszinierende Reise ins Matriarchat." "Die Mosuo sind sehr relaxed. Sie selber glauben, das kommt daher, dass keiner von ihnen heiratet; Sex und Liebe sind jedoch nicht verpönt." Und gegrollt, gebrüllt, geschlagen wird eben auch nicht. "Welttage werden für jene eingerichtet, deren Stunde nicht schlägt", meinte die Wochenzeitung RHEINISCHER MERKUR zum Weltfrauentag. "An ihrem großen Tag werden die Frauen wie bisher brav am Krisenherd stehen und zuhören, wenn der Mann seine Sorgen formuliert", schrieb Christiane Florin - die Feuilletonchefin des Blattes, das von mehreren katholischen Bistümern herausgegeben wird: ein Beispiel dafür, das wenigstens im Journalismus die Frauen angekommen sind. Und das ist auch gut so. "Die böse Welt hat Männern alle Spielzeuge weggenommen. Erst die bunt bemalten Zockerpapiere, dann die Computermonitore mit den heißen Kurven von der Börse und schließlich die Märklin-Eisenbahn." Hie könnten kritische Geister und Geisterinnen einwenden, dass an den internationalen Börsen auch reichlich viele Investmentbankerinnen ihr Unwesen getrieben haben - aber wir wollen uns den Weltfrauentag ja nicht völlig kaputt machen. Männer sind ja auch schlimm genug. "Vor dem Beginn der Wirtschaftskrise waren Trendforscher einmal sehr beliebt", lasen wir in der Wochenzeitung DIE ZEIT über einen Berufszweig, der tatsächlich noch sehr männlich dominiert ist - neben Ämtern wie dem des Papstes oder katholischen Priestern. "Wer ist überhaupt ein Trendforscher? Nehmen wir ein Beispiel. Ein Trendforscher ist ein Mensch, der beim Edel-Italiener einem Nasskämmer begegnet und dann in der Zeitung schreibt, Nasskämmerei sei der neue Trend." In der antiken Welt lag die Seherei ja in kompetenten weiblichen Händen - in der Welt der Börsenzocker und Börsenzockerinnen gibt es solche Propheten wie Matthias Horx, dessen Vorhersagen von vor wenigen Jahren sich DIE ZEIT genüsslich aus dem Archiv hervorgekramt hat: "In Amerika, lesen wir, würde das Bruttoinlandsprodukt (BIP) weiterhin kräftig wachsen, also grüner Pfeil steil nach oben. Bis zum Jahr 2010 soll es in den USA 20 bis 30 Millionen neue Millionäre geben, die toll viel Geld spenden." Ein schönes Beispiel dafür, dass sich vielleicht die Frauen endlich auch der Trendforschung annehmen sollten. "Annie Leibovitz verpfändet ihr Werk", teilte uns die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG aus New York über die große amerikanische Fotografin als Opfer der großen Krise mit: "Offenbar hat sich Leibovitz mit den Hypotheken ihrer drei Stadthäuser, deren Wert in den letzten Monaten stark gefallen sein dürfte, stark übernommen." Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG meldete aus der Metropole des Kapitalismus hingegen einen neuen Trend zur Bescheidenheit: "große Ausgaben - und vor allem ihre Zurschaustellung - geraten nicht nur aus der Mode, sondern gelten beinahe als etwas geschmacklos", schrieb Petra Steinberger. "Also hört man, dass Banker, denen es noch gut geht, ihren Rolls Royce in die Garage stellen, weil sie nicht unbedingt damit gesehen werden wollen." Der Nicht-Banker war immer schon etwas bescheidener. "Bis heute ist Opel nicht das Image von Prol, Vertreter, Kavalierstaschentuch losgeworden", lasen wir in der Tageszeitung DIE WELT. "Beim Manta hat man es - trotz oder gerade wegen der Konnotation zu Blondinen und Ostfriesenwitzigkeit - zu einem gewissen Kult gebracht", schrieb Ulli Kulke über "Opel am Abgrund", eine Marke als "Sinnbild für die Werte und Träume der Mittelschicht" - und zitierte natürlich den Song der Punkband "Tote Hosen" von der "Opel-Gang": "draußen hängt ein Fuchsschwanz dran / in jeder Karre sind vier Mann".

Leider gar nicht zu Witzen taugt jenes Ereignis, das in der zurückliegenden Woche aus dem Nichts zu dem Feuilletonthema wurde: "65.000 Urkunden, 26 Kilometer Akten", titelte DIE WELT. "Mit dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs könnte die größte kommunale Sammlung nördlich der Alpen zerstört worden sein."

Im neuen SPIEGEL werden fleißig beliebte Klischees herangezogen. "Nicht in Sarajevo, Ankara oder Lahore, nein: mitten im wohlgeordneten deutschen Westen, mitten in Köln, wo die Ampeln zuverlässig die Farbe wechseln und die Stromversorgung 24 Stunden am Tag funktioniert - da geschieht das Ungeheuerliche." Vielleicht war es aber ja auch doch alles absehbar - wenn man mitten in einer seit zweitausend Jahren Schicht um Schicht immer wieder neu bebauten Stadt unbedingt eine U-Bahn in die Erde buddeln muss. "Tatsächlich stehen keineswegs nur Gebäude der Alt- und Südstadt in Gefahr, unter Bauschutt begraben zu werden", lasen wir in der Tageszeitung TAZ. "Wo sich die Tunnelbohrmaschinen 'Tosca' und 'Rosa' durchs 18 Meter tiefe Gelände fräsen, droht auch die Lebensqualität unter die Räder zu kommen", schrieb Gisa Funck unter der Überschrift "Ein Slum für Köln". "Erderschütterungen, Lärm, Schmutz und Verkehrschaos verwandelt Kölns traditionsreichste Flaniermeile, die Süd- und Altstadt in einen Elendsbezirk, der aussieht, als habe gerade ein Krieg stattgefunden."

Im SPIEGEL wird Robert Kretzschmar zitiert, der Vorsitzende der deutschen Archivare: "Wie wäre es, wenn Stadt- und Verkehrsplaner Museums- und Archivfachleute regelmäßig zu Rate zögen, bevor sie ganze Altstädte unterbuddeln?"

Es buddeln ja auch die Männer. Und Archivfachleute sind heute meistens Frauen.