Seit 08:05 Uhr Kakadu

Sonntag, 17.11.2019
 
Seit 08:05 Uhr Kakadu

Sein und Streit | Beitrag vom 26.07.2015

Von Insidern für InsiderDigitale Bildchen für Kafka und Co.

Von Arno Orzessek

Podcast abonnieren
Nils Markwardt twittert Emoticons, die für bestimmte Philosophen und Schriftsteller stehen. (Screenshot des Twitter-Accounts von Nils Markwardt / Maurice Wojach)
Der Journalist Nils Markwardt twittert Emoticons, die für bestimmte Philosophen und Schriftsteller stehen. (Screenshot des Twitter-Accounts von Nils Markwardt / Maurice Wojach)

Schiller bekommt die Glocke, Kafka den Käfer. Es scheint ein beliebtes Spiel geworden zu sein, Philosophen oder Schriftstellern kleine digitale Bildchen zuzuordnen – sogenannte Emojis. Menschen und digitale Apparate basteln quasi an neuen Kommunikationsformen, meint Arno Orzessek.

Keine Frage: Sie schwappt hoch, die neue deutsche Emoji-Welle!

Gerade hatte Nils Markwardt, der Redakteur des in Berlin erscheinenden Philosophie Magazin, per Twit­ter ein paar berühmten Philosophen und Schriftstellern kleine Bildzeichen zu­ge­teilt - da wurden schon Nachah­mer aktiv. In der Musik, in der Bildenden Kunst, in der Mo­de.

So kommt es, dass der Philosoph Martin Heidegger sein taufrisches Emoji - einen Totenkopf, der auf den "Vor­lauf zum Tod" anspielen mag - bereits mit Alexander McQueen teilen muss. Das ist der bri­ti­sche Mode-Designer, dessen Mar­ken­zeichen mit Totenköpfen bedruckte Tücher waren.

Der Heidegger-McQueen-Totenkopf erscheint außerdem in dem Doppelzei­chen-Em­oji, das Da­mien Hirst re­präsentieren soll, jenen Künstler, der mit einem Di­a­mantenschä­del für Auf­se­hen gesorgt hat.

Und das bedeutet: Das Entziffern der neuen Kulturheroen-Emojis setzt jede Menge Vor­wis­sen vor­aus und bleibt kom­plett kontextabhängig.

Es gibt ihn schon, den heideggerfreien Totenkopf

Erschwerend kommt hinzu, dass es im internationalen Emoji-Kanon, der zur Zeit mehr als ein­tau­send standar­disierte Symbole enthält, längst einen Totenkopf gibt - der völlig heideggerfrei für nichts an­de­res als eben 'To­ten­kopf' steht und als solcher Teil einer allgemeinverständlichen Welt­sprache sein soll.

Immerhin hat der Ameri­kaner Fred Benenson vor zwei Jahren Hermann Melvilles Roman Mobby Dick vollständig in Bildzeichen übersetzt. Emoji Dick wurde als papierene Druck­fassung sogar in die Liberary of Congress aufgenommen.

Allerdings behaupteten Test-Leser, schon der erste Bild-Satz - Telefon, Männerkopf, Se­gelboot, Wal, ein Ring aus Daumen und Zeigefinger - könne vieles heißen, nur nicht zwingend Nennt mich Ismael.

Obwohl die hiesigen Kultur-Emojis zunächst Solo-Zeichen sind, ist auch ihre Beliebig­keit groß und ihre Mehr­deu­tig­keit unbeherrschbar.

Wie vie­len Chinesen erschließt sich denn wohl, dass Slavoj Zizeks Repräsentation in einem Explo­si­ons-Pikto­gramm Charakter, Denk- und Vortragsweise des wilden Philosophen tref­fend be­schreibt?

Kurz: Die Kultur-Emojis sind eine Liebhaberei von In­sidern für In­si­der.

Und selbst wenn global Bärenhunger auf deutsche Kultur ausbräche, würde es der Laub­baum als Emoji für Annette Droste-Hülshoff, Autorin der Judenbuche, kaum auf die Website "em­oji­trac­ker" schaffen. Dort wird in Echtzeit auf­gelistet, welche Emojis auf Twitter gerade Konjunktur ha­ben.

Teamarbeit zwischen Men­schen und di­gi­ta­len Apparaten

Gleichwohl bestätigt die Emoji-Mode eine Tendenz:

Die Entwicklung neuer Kommunikationsformen ist zur Teamarbeit zwischen Men­schen und di­gi­ta­len Apparaten geworden - auch über die Pro­grammier-Sprachen als basaler Mensch-Ma­schi­ne-Kom­mu­nikation hinaus.

Mit Heidegger ließe sich sagen: Die digitale Technik ist das Gestell, das auch für die Ent­bergung neu­er Symbole und Symbolsprachen sorgt.

Hinzu kommt: Selbst wenn die Kultur-Emojis keinen Welterfolg haben, manipuliert ihre Erfindung das kultu­rel­le Gedächtnis.

Schiller per Glocke zu re­prä­sentieren heißt, ihn mit seinem gängigsten Klischee zu identifizieren. Nicht anders bei Kafka, dessen Emoji ein Käfer ist. So werden Marken-Kerne bestimmt und ze­mentiert. -

Sage übrigens keiner, die Bildzeichen würden nicht ernst genommen.

Anfang des Jahres wur­de in den USA Osiris Aristy verhaftet, weil er in einem Facebook-Pos­ting drei Pistolen-Em­o­jis veröffentlicht hatte, die auf ein Polizisten-Bildchen zeigen. Echte Poli­zis­ten in­terpretier­ten das als eindeutige Anschlagsplanung.

Angesichts dessen müssen Thomas-Bernhard-Fans beim Posten besonders vorsichtig sein: Bern­hards Emoji ist nämlich eine Bombe. 

Mehr zum Thema:

Frage des Tages - Philosophie-Emoticons: Warum ist Peter Handke ein Giftpilz?
(Deutschlandradio Kultur, Kompressor, 21.07.2015)

Emoticons - Glückwunsch an den Smiley-Schöpfer
(DRadio Wissen, Medien, 19.09.2012)

Religionen

Pogromnacht 1938Der Lehrer wirft den ersten Stein
Familienfoto mit Vater, Mutter und drei Kindern in schwarz-weiß (privat)

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 fallen Nationalsozialisten über jüdische Geschäfte und Wohnungen, Schulen und Synagogen her – und ermorden hunderte Juden. Mirjam Pollin war damals 13, heute gehört sie zu den letzten lebenden Zeugen.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur