Von Hirschberg über Kinsey bis heute

Ein zärtlicher Kuss © AP
Von Kim Kindermann · 09.01.2006
Deutschland gilt als Wiege der Sexualwissenschaft. Denn bereits 1919 eröffnete der Mediziner und Philologe Magnus Hirschfeld in Berlin das Institut für Sexualwissenschaft und leistete damit einen wesentlichen Beitrag zu Enttabuisierung von Sexualität. Deutschlands Führungsrolle in der Sexualwissenschaft fand jedoch durch den Nationalsozialismus ein jähes Ende. In Hirschfelds Fußstapfen traten Forscher wie der US-Amerikaner Alfred Kinsey.
Wer über Sexualwissenschaft reden will, der kommt an Deutschland nicht vorbei: Denn obwohl Sexualität Wissenschaftler, Mediziner und Philosophen schon seit Anbeginn des Altertums interessierte - bereits Platon und Aristoteles diskutierten über Ursachen der Homosexualität - gilt Deutschland trotzdem als Wiege dieser allzeit umstrittenen Wissenschaft. Denn hier begann man erstmals die "normale" Sexualität zu untersuchen. Noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts galt das Interesse der Forscher ausschließlich den "Perversionen" der Sexualität, deren Ursache man einer allgemeinen "Entartung" oder "Degeneration" zuschrieb. Alles andere war Tabu.

1886 erschien in Deutschland die "Psychopathia Sexualis" von Wilhelm Kraft-Ebing. Erstmals wurden darin sämtliche Sexualpraktiken gesammelt und verschiedenen Kategorien wie Homosexualität, Sadismus, Masochismus und Fetischismus zugeordnet. Was zeigte: Sexualität hat viele Gesichter. Und wenn dem so ist, was ist dann überhaupt normal? Der Antwort auf diese Frage galt fortan das Interesse der Sexualwissenschaftler. Dabei stand die Forschung zunehmend unter dem Motto: "Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit". Das entsprach auch dem damals aufkommenden Zeitgeist: Frauen begannen sich zu emanzipieren und zusammen mit anderen unterdrückten Gruppen wie etwa den Homosexuellen für ihr Recht und sexuelle Freiheit zu kämpfen. Auch Freud und die Psychoanalyse veränderten das Menschenbild und damit das Verständnis von Sexualität.

Eine Schlüsselposition in der Geschichte der Sexualwissenschaft nimmt dabei der deutsche Mediziner und Philologe Magnus Hirschfeld ein. Schon 1903 begann er seine Zeitgenossen ausführlichen über ihre sexuelle Orientierung zu befragen, um dann 1919 in Berlin das Institut für Sexualwissenschaft zu eröffnen. In diesem Institut, mit seinen 115 Zimmern, bot Hirschfeld zusammen mit seinen Mitarbeitern kostenlose Sexualaufklärung an. Er behandelte Unfruchtbarkeit und Geschlechtskrankheiten und kämpfte für einen liberaleren Umgang mit Sexualität. In Hirschfelds Institut, wie die Villa im Tiergarten schon bald nur noch hieß, entstand auch die erste Eheberatungsstelle Deutschlands. Hirschfelds Pionierarbeit und seine Forschung zog Wissenschaftler aus aller Welt nach Berlin: Zumal das Institut mit seinen über 100.000 Büchern die größte sexualwissenschaftliche Sammlung der Welt beherbergte. Doch Hirschfelds Arbeit fand ein jähes Ende: Im Mai 1933 wurde das Institut von den Nationalsozialisten geschlossen. Die Bibliothek wurde symbolisch auf den Berliner Opernplatz verbrannt. Hirschfeld selbst floh nach Frankreich, wo er 1935 starb.

Deutschland verlor damit seine Führungsrolle auf dem Fachgebiet der Sexualwissenschaft, doch Hirschfelds Erbe lebte fort. Es war vor allem der amerikanische Zoologe Alfred Kinsey, der in Hirschfeld Fußstapfen trat, als er 1942 sein eigenes "Institute for Sex Research" in Indiana gründete. Gemeinsam mit seinen Mitarbeitern befragte er 10.000 Männer und Frauen über ihr Sexualverhalten und veröffentlichte die Ergebnisse im so genannten "Kinsey-Report". Ein Bestseller, der vor allem deshalb besonders skandalös war, weil erstmals ganz "normale" Amerikaner ausführlich über ihre Sexualpraktiken sprachen. Und das öffentlich. Die Moralapostel waren erschüttert. Doch für sie sollte es noch schlimmer kommen. Aufsehen erregte nach Kinsey vor allem die Untersuchung des Gynäkologen William Masters und der Psychologin Virginia Johnson. Indem sie Masturbation und Geschlechtsverkehr im Labor beobachteten und dabei Messungen vornahmen, konnten die beiden Forscher zeigen, dass jedem sexuellen Akt ein immer gleiches Erregungsmuster zugrunde liegt. Auch das war revolutionär. Vor allem aber, weil genau dieser Versuch der Sexualwissenschaft letztendlich unbestreitbar deutlich machte: Einvernehmliche Sexualität ist gesund und natürlich.