Von Hans von Trotha
Im Feuilleton macht sich heute Religiöses breit. So sieht Jürn Kruse in der "Taz" das Fußballspiel Deutschlang gegen Schweden als "Offenbarung" an. Die "Welt" hingegen sieht Matthias Glasners Film "Gnade" als "Passionsspiele, schockgefrostet" an. Und die "Zeit" führt mal eben kurzerhand ein Interview mit Gott selbst.
Allenthalben ist von einer Rückkehr der Religion die Rede. Sie scheint jetzt auch im Feuilleton angekommen zu sein. Raumgreifend, metaphernstark und überraschend selbstverständlich wehen Gott, Glaube, Gnade und Teufel durch die aufgeklärten Kulturseiten. Wenn das kein Zeichen von Krise ist.
Wie eng Krise und Glaube zusammenhängen, führt Jürn Kruse in einem exegetischen Exkurs in der TAZ vor. Nachdem das 4 : 4 gegen Schweden eine ganze Kultur- und Fußballnation vom Glauben abfallen zu lassen drohte und Josef Winkler in derselben Ausgabe zu diesem Thema über ein: "Wer so was schon erlebt hat, ist echt selber schuld!" nicht hinauskommt, wendet Kruse das Argument um, indem er das Geschehen im Geist der biblischen Offenbarung ausdeutet:
"Schon das grenzte an eine Offenbarung, dass alle Menschen einmal sehen mochten, wie schön so ein Spiel sein kann. 4:4 stand es mit dem Schlusspfiff. Für Schweden. Die zweite Offenbarung: Es werde Unentschieden. Und es ward unerklärlich."
So gelangt Kruse unter Hinweis darauf, dass Offenbarung eben gerade das ist, was man nicht begreifen kann, zu dem bemerkenswerten Ergebnis:
"Die Religionen, die noch heute an Evangelien werkeln, müssen irgendwo zwischen Garten Eden und blutiger Apokalypse den Abend von Berlin reinschreiben. Das Ganze wird dann über die Jahrhunderte aufgeblasen, bis es so wörtlich zu nehmen ist wie die Bibel."
Wer nun versucht ist, diesen kleinen Grundkurs in Sachen Offenbarung als typisch ironische TAZ -Wendung wegzuschmunzeln, wird beim Blick in die anderen Blätter rasch eines Besseren belehrt. Der Glaube ist der basso continuo des Feuilleton-Tags.
"Da zuckt der Teufel mit den Achseln", titelt die FRANKFURTER RUNDSCHAU angesichts eines neuen Albums von Rickie Lee Jones. Hanno Rauterberg erinnert in der ZEIT mit einem Zitat von Hermann Broch daran, was in Wahrheit "das Böse im Wertesystem der Kunst" ist – nämlich der Kitsch. In CHRIST UND WELT fragt Christiane Florin angesichts einer Ausstellung im Kölner Diözesanmuseum Kolumba gleich generell:
"Kann ein Museum das Kunststück vollbringen, den Glauben zu mehren?"
Wenn nicht das Museum, dann vielleicht das Kino. Während die Kritiker nur den Glauben an den Deutschen Filmpreis verloren haben, was sie in einem Offenen Brief medienwirksam kundtun, provoziert Matthias Glasners neuer Film Gnade ein regelrechtes Feuerwerk von Glaubens-, Nichtglaubens- und Offenbarungsbildern. "Passionsspiele, schockgefrostet", titelt DIE WELT, "Erlöst Euch selbst" die ZEIT. Und Birgit Glombitza sieht in der TAZ ein "saftiges Zuviel aus Schmerz und Leid in christlichen Erlösungssymboliken aufheulen".
Den Vogel abschießen darf allerdings Ulrich Greiner in der ZEIT. Dem ZEIT-Feuilleton ist das gar als "Geburtstag" annoncierte fünfhundertjährige Bestehen von Michelangelos Deckengemälde in der Sixtinischen Kapelle im Vatikan - Sie wissen schon: die beiden Zeigefinger - Anlass für einen Aufmacher. "Kein Bild der Kunstgeschichte ist berühmter", heißt es unter der Abbildung. Und Greiner weiß, dass er aus diesem Anlass etwas ganz Besonderes bieten muss. Also bittet er zum Interview. Kein Gesprächspartner erschein ihm dafür gut genug bis auf – nein, nicht etwa der Meister, also der Künstler Michelangelo, sondern Gott selbst. "Ein ZEIT-Gespräch mit dem Allmächtigen", liest der verdutzte Leser. Und dann, nicht minder verdutzt, das Interview.
So ist also nicht nur der Glaube, sondern Gott selbst im Feuilleton angekommen. Der beschäftigt auch Jan Feddersen in seiner Gesellschaftskritik nun ausgerechnet wieder in der TAZ. Da geht es um Preise, also um Auszeichnungen, die man so bekommen kann. Überschrift: "Nur Gott hat keinen". Vielleicht gibt es ja irgendeinen Interview-Preis mit dem man mal einen Anfang machen könnte? An der Zeit scheint es zu sein. Schließlich bekommt das Fazit von Feddersens Beitrag: "Nichts ist gerade so hip wie Religion" an diesem Feuilleton-Tag ungewöhnlich starken Rückenwind.
Wie eng Krise und Glaube zusammenhängen, führt Jürn Kruse in einem exegetischen Exkurs in der TAZ vor. Nachdem das 4 : 4 gegen Schweden eine ganze Kultur- und Fußballnation vom Glauben abfallen zu lassen drohte und Josef Winkler in derselben Ausgabe zu diesem Thema über ein: "Wer so was schon erlebt hat, ist echt selber schuld!" nicht hinauskommt, wendet Kruse das Argument um, indem er das Geschehen im Geist der biblischen Offenbarung ausdeutet:
"Schon das grenzte an eine Offenbarung, dass alle Menschen einmal sehen mochten, wie schön so ein Spiel sein kann. 4:4 stand es mit dem Schlusspfiff. Für Schweden. Die zweite Offenbarung: Es werde Unentschieden. Und es ward unerklärlich."
So gelangt Kruse unter Hinweis darauf, dass Offenbarung eben gerade das ist, was man nicht begreifen kann, zu dem bemerkenswerten Ergebnis:
"Die Religionen, die noch heute an Evangelien werkeln, müssen irgendwo zwischen Garten Eden und blutiger Apokalypse den Abend von Berlin reinschreiben. Das Ganze wird dann über die Jahrhunderte aufgeblasen, bis es so wörtlich zu nehmen ist wie die Bibel."
Wer nun versucht ist, diesen kleinen Grundkurs in Sachen Offenbarung als typisch ironische TAZ -Wendung wegzuschmunzeln, wird beim Blick in die anderen Blätter rasch eines Besseren belehrt. Der Glaube ist der basso continuo des Feuilleton-Tags.
"Da zuckt der Teufel mit den Achseln", titelt die FRANKFURTER RUNDSCHAU angesichts eines neuen Albums von Rickie Lee Jones. Hanno Rauterberg erinnert in der ZEIT mit einem Zitat von Hermann Broch daran, was in Wahrheit "das Böse im Wertesystem der Kunst" ist – nämlich der Kitsch. In CHRIST UND WELT fragt Christiane Florin angesichts einer Ausstellung im Kölner Diözesanmuseum Kolumba gleich generell:
"Kann ein Museum das Kunststück vollbringen, den Glauben zu mehren?"
Wenn nicht das Museum, dann vielleicht das Kino. Während die Kritiker nur den Glauben an den Deutschen Filmpreis verloren haben, was sie in einem Offenen Brief medienwirksam kundtun, provoziert Matthias Glasners neuer Film Gnade ein regelrechtes Feuerwerk von Glaubens-, Nichtglaubens- und Offenbarungsbildern. "Passionsspiele, schockgefrostet", titelt DIE WELT, "Erlöst Euch selbst" die ZEIT. Und Birgit Glombitza sieht in der TAZ ein "saftiges Zuviel aus Schmerz und Leid in christlichen Erlösungssymboliken aufheulen".
Den Vogel abschießen darf allerdings Ulrich Greiner in der ZEIT. Dem ZEIT-Feuilleton ist das gar als "Geburtstag" annoncierte fünfhundertjährige Bestehen von Michelangelos Deckengemälde in der Sixtinischen Kapelle im Vatikan - Sie wissen schon: die beiden Zeigefinger - Anlass für einen Aufmacher. "Kein Bild der Kunstgeschichte ist berühmter", heißt es unter der Abbildung. Und Greiner weiß, dass er aus diesem Anlass etwas ganz Besonderes bieten muss. Also bittet er zum Interview. Kein Gesprächspartner erschein ihm dafür gut genug bis auf – nein, nicht etwa der Meister, also der Künstler Michelangelo, sondern Gott selbst. "Ein ZEIT-Gespräch mit dem Allmächtigen", liest der verdutzte Leser. Und dann, nicht minder verdutzt, das Interview.
So ist also nicht nur der Glaube, sondern Gott selbst im Feuilleton angekommen. Der beschäftigt auch Jan Feddersen in seiner Gesellschaftskritik nun ausgerechnet wieder in der TAZ. Da geht es um Preise, also um Auszeichnungen, die man so bekommen kann. Überschrift: "Nur Gott hat keinen". Vielleicht gibt es ja irgendeinen Interview-Preis mit dem man mal einen Anfang machen könnte? An der Zeit scheint es zu sein. Schließlich bekommt das Fazit von Feddersens Beitrag: "Nichts ist gerade so hip wie Religion" an diesem Feuilleton-Tag ungewöhnlich starken Rückenwind.