Von Hans von Trotha
„Stell Dir vor, Du bist der Iran“, diesem ernst gemeinten Gedankenspiel stellt sich ein Geschichtsprofessor aus Jerusalem in der WELT. Die FAZ sieht die Presse im Fall Gurlitt blamiert und die SZ nimmt die Untätigkeit der bayrischen Behörden in der Angelegenheit haarklein auseinander.
Der Preis für das Feuilleton, das seine Leserschaft am stärksten fordert, geht heute an die WELT. "Stell Dir vor, Du bist der Iran", heißt es da. Und Martin van Creveld, emeritierter Professor für Geschichte an der Hebräischen Universität in Jerusalem, ist nicht etwa Opfer eines durchgeknallten Überschriftenredakteurs geworden, er meint das ganz ernst:
"Stell dir vor, du sitzt in Teheran. Es ist Mai 2003. Du bist umgeben von amerikanischen Truppen mit einer Stärke von einer Viertelmillion. Sie bilden einen Teil dessen, wovon man sagt, es sei die bestorganisierte, besttrainierte, bestausgestattete und am besten befehligte bewaffnete Macht in der Geschichte."
Und weiter: "Bereits seit einem Vierteljahrhundert liegst du im Streit mit den USA. Letztere können sich einfach nicht darauf einlassen, dass einige ihren eigenen Lebensstil dem des Amüsierlokals von Hollywood vorziehen. Schlimmer noch, die USA sind eines der unvorhersehbarsten Länder der Welt. … Man weiß nie, welches Land ein amerikanischer Präsident als nächstes bombardieren wird, ob mit oder ohne Grund. Selbst wenn, wie es manchmal der Fall ist, der Präsident nicht einmal weiß, wo dieses Land überhaupt liegt." – Das Fazit der Überlegungen lautet schließlich: "Es gibt nur eins, was du tun kannst: Atomwaffen bauen."
So folgt van Creveld dem Iran durch die Aktivitäten der letzten zehn Jahre bis in diese Tage:
"Auf der anderen Seite zeigt dir Obamas und Camerons gescheiterter Angriff auf Syrien, dass du das Schlimmste hinter dir hast. Dein dringendstes Problem sind die ökonomischen Sanktionen, die anfangen, richtig weh zu tun. Was tust du? Du gehst nach Genf. Du diskutierst. Du bist bereit, den Bau der Bombe hinauszuzögern, vorausgesetzt, du behältst die Möglichkeit, sie schnell bauen zu können, sobald es nötig wird.
Und auf keinen Fall wirst du Netanjahus Forderung akzeptieren, deine nukleare Infrastruktur abzubauen. Gerade von Israel, welches im Gegensatz zum Iran kein Unterzeichner des Atomwaffensperrvertrages ist, ist diese Forderung die absurdeste, die seit dem Ultimatum Österreich-Ungarns an Serbien im Jahr 1914 je ein Land an ein anderes gestellt hat. Der Ausblick? Es wird funktionieren. Und was immer Netanjahu sagen mag, die Übereinkunft wird gut sein, für den Iran, für den Mittleren Osten, für die Welt und sogar für Israel."
Interessanter Vorstoß, Politik in einer Art forcierter Rollenprosa im Gedankenexperiment wenn nicht verständlich so doch immerhin nachvollziehbar werden zu lassen. Interessant auch, dass der Versuch, das spaßeshalber gleich auch auf die eigene Regierung anzuwenden, total daneben geht. Stell Dir vor, Du bist die Bundesregierung und erfährst, dass 1400 Gemälde NS-Raubkunst aufgetaucht sind, und es passiert - nichts.
Unter dem Titel "Herrenlos" kolportiert die FAZ, "Wie die Presse im Fall Gurlitt die Bundesregierung blamiert". Denn besagter Herr Gurlitt war zu keinem Zeitpunkt "vom Erdboden verschwunden oder auf die Bahamas ausgebüxt", wie die FAZ berichtet.
"Auch Versuche, mit ihm ins Gespräch zu kommen, wurden unternommen, nur einer machte erklärtermaßen keine Anstalten – die Bundesregierung. Statt vertraulich Kontakt mit Gurlitt aufzunehmen, was der gerade mit Lobeshymnen verabschiedete Kulturstaatsminister, der gleich nach Auffinden des Konvoluts am 28. Februar 2012 informiert worden war, mehr als anderthalb Jahre versäumt hat, blieb die hochsensible Angelegenheit den bayerischen Behörden überlassen."
Wie fatal das nun wieder war, nimmt die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG haarklein auseinander. Der Blick in die Feuilletons ist schlicht zu kurz, um auch nur ansatzweise nachzuvollziehen, wie sechs bayerische Behörden und Ministerien sich dahingehend ergänzen konnten, dass keine etwas unternahm. Immerhin erfahren wir: "Aus der Bayerischen Staatsgemäldesammlung heißt es, man habe das Wissenschafts- und Kunstministerium in München nicht informiert, weil es geheißen habe, die weitere Forschung übernehme jetzt Berlin."
Ingeborg Ruthe beginnt ihren Bericht zur Lage der Kulturnation in der BERLINER ZEITUNG poetisch mit einer Zeile aus einem Leonard-Cohen-Song: "Es ist ein Riss in allen Dingen, so kommt das Licht herein."
Das mit dem Licht scheint im Fall Gurlitt auf sich warten zu lassen. Und der Riss geht schon tief, wenn die Frage, was man sich eher vorstellen kann: der Iran zu sein oder Bayern, sich derart schwer beantworten lässt.
"Stell dir vor, du sitzt in Teheran. Es ist Mai 2003. Du bist umgeben von amerikanischen Truppen mit einer Stärke von einer Viertelmillion. Sie bilden einen Teil dessen, wovon man sagt, es sei die bestorganisierte, besttrainierte, bestausgestattete und am besten befehligte bewaffnete Macht in der Geschichte."
Und weiter: "Bereits seit einem Vierteljahrhundert liegst du im Streit mit den USA. Letztere können sich einfach nicht darauf einlassen, dass einige ihren eigenen Lebensstil dem des Amüsierlokals von Hollywood vorziehen. Schlimmer noch, die USA sind eines der unvorhersehbarsten Länder der Welt. … Man weiß nie, welches Land ein amerikanischer Präsident als nächstes bombardieren wird, ob mit oder ohne Grund. Selbst wenn, wie es manchmal der Fall ist, der Präsident nicht einmal weiß, wo dieses Land überhaupt liegt." – Das Fazit der Überlegungen lautet schließlich: "Es gibt nur eins, was du tun kannst: Atomwaffen bauen."
So folgt van Creveld dem Iran durch die Aktivitäten der letzten zehn Jahre bis in diese Tage:
"Auf der anderen Seite zeigt dir Obamas und Camerons gescheiterter Angriff auf Syrien, dass du das Schlimmste hinter dir hast. Dein dringendstes Problem sind die ökonomischen Sanktionen, die anfangen, richtig weh zu tun. Was tust du? Du gehst nach Genf. Du diskutierst. Du bist bereit, den Bau der Bombe hinauszuzögern, vorausgesetzt, du behältst die Möglichkeit, sie schnell bauen zu können, sobald es nötig wird.
Und auf keinen Fall wirst du Netanjahus Forderung akzeptieren, deine nukleare Infrastruktur abzubauen. Gerade von Israel, welches im Gegensatz zum Iran kein Unterzeichner des Atomwaffensperrvertrages ist, ist diese Forderung die absurdeste, die seit dem Ultimatum Österreich-Ungarns an Serbien im Jahr 1914 je ein Land an ein anderes gestellt hat. Der Ausblick? Es wird funktionieren. Und was immer Netanjahu sagen mag, die Übereinkunft wird gut sein, für den Iran, für den Mittleren Osten, für die Welt und sogar für Israel."
Interessanter Vorstoß, Politik in einer Art forcierter Rollenprosa im Gedankenexperiment wenn nicht verständlich so doch immerhin nachvollziehbar werden zu lassen. Interessant auch, dass der Versuch, das spaßeshalber gleich auch auf die eigene Regierung anzuwenden, total daneben geht. Stell Dir vor, Du bist die Bundesregierung und erfährst, dass 1400 Gemälde NS-Raubkunst aufgetaucht sind, und es passiert - nichts.
Unter dem Titel "Herrenlos" kolportiert die FAZ, "Wie die Presse im Fall Gurlitt die Bundesregierung blamiert". Denn besagter Herr Gurlitt war zu keinem Zeitpunkt "vom Erdboden verschwunden oder auf die Bahamas ausgebüxt", wie die FAZ berichtet.
"Auch Versuche, mit ihm ins Gespräch zu kommen, wurden unternommen, nur einer machte erklärtermaßen keine Anstalten – die Bundesregierung. Statt vertraulich Kontakt mit Gurlitt aufzunehmen, was der gerade mit Lobeshymnen verabschiedete Kulturstaatsminister, der gleich nach Auffinden des Konvoluts am 28. Februar 2012 informiert worden war, mehr als anderthalb Jahre versäumt hat, blieb die hochsensible Angelegenheit den bayerischen Behörden überlassen."
Wie fatal das nun wieder war, nimmt die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG haarklein auseinander. Der Blick in die Feuilletons ist schlicht zu kurz, um auch nur ansatzweise nachzuvollziehen, wie sechs bayerische Behörden und Ministerien sich dahingehend ergänzen konnten, dass keine etwas unternahm. Immerhin erfahren wir: "Aus der Bayerischen Staatsgemäldesammlung heißt es, man habe das Wissenschafts- und Kunstministerium in München nicht informiert, weil es geheißen habe, die weitere Forschung übernehme jetzt Berlin."
Ingeborg Ruthe beginnt ihren Bericht zur Lage der Kulturnation in der BERLINER ZEITUNG poetisch mit einer Zeile aus einem Leonard-Cohen-Song: "Es ist ein Riss in allen Dingen, so kommt das Licht herein."
Das mit dem Licht scheint im Fall Gurlitt auf sich warten zu lassen. Und der Riss geht schon tief, wenn die Frage, was man sich eher vorstellen kann: der Iran zu sein oder Bayern, sich derart schwer beantworten lässt.
