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Reportage - Müsli, Ei und Salamibrot / Archiv | Beitrag vom 20.03.2009

Von glücklichen und weniger glücklichen Hühnern

Das Ei

Von Claudia van Laak

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Legehennen in einem Käftig (AP)
Legehennen in einem Käftig (AP)

Das Frühstücksei - ein heikles Thema, denn Käfighaltung für Legehennen ist seit dem 1. Januar 2009 in Deutschland verboten - theoretisch. Tatsächlich wird es noch einige Zeit dauern, bis die Großbetriebe ihre Produktion komplett umgestellt haben. Die Frühstückseier für Berlin kommen zum Teil aus Bestensee südlich von Berlin. Hier gackern eine Million Legehennen.

Hühner bis zum Horizont. Braune Legehennen der Rasse Lohmann. Bestrahlt von künstlichem Licht picken sie Körner, scharren im Kies, schlagen mit den Flügeln, rennen aufgeregt herum, gackern ohrenbetäubend.

Heinz Pilz wirft einen Blick durch die Glasscheibe auf das Tohuwabohu, das Bodenhaltung heißt. Gegen das Durcheinander hinter der Scheibe setzt der Geschäftsführer der Firma Landkostei einen perfekten dunkelgrauen Anzug mit weißem Hemd und rot-blau-gestreiftem Schlips. Heinz Pilz trägt eine randlose Brille. Dem Aussehen nach könnte der promovierte Landwirt auch Chef einer Anwaltskanzlei sein oder Geschäftsführer einer Softwarefirma. Doch er ist Herr über eine Million Hühner in Bestensee. Mit der rechten Hand deutet er in die vor kurzem eröffnete Stallanlage, erklärt die Vorteile für die Legehennen.

"Sie haben hier in den einzelnen Ebenen sowohl die Möglichkeit, zu saufen und zu fressen, unter jeder Ebene ist ein Kotband, ein belüftetes Kotband. Und sie haben gegenüberliegend ein zweietagiges Legenest und sie haben hier zusätzlich zwischen diesem Segment eine zusätzliche Ruhezone. Die Tiere können auf allen drei Ebenen herumspazieren und können sich auch hier von der linken Seite zur rechten Seite bewegen."

Neun Hühner teilen sich in diesem neuen Stall einen Quadratmeter Fläche, das ist die gesetzliche Vorschrift. Die Legehennen haben in der Bodenhaltung doppelt soviel Platz wie im Käfig. Sind das jetzt glückliche Hühner? Heinz Pilz lacht. Er kennt diese Frage.

"Ich bin kein Huhn. Ich weiß nur, dass wir den Hühnern in der Bodenhaltung die Möglichkeit geben, dass sie sich frei bewegen können im Stall, dass sie frei Futter aufsuchen, Wasser aufsuchen können, Eiablage, vernünftiges Nest usw. Ich verhehle aber auch nicht, dass sie mehr Stress haben, da sie ja ständigen Kontakt haben, auch Kontakt zum Kot haben, nicht ganz unproblematisch."

Wer einen genauen Blick durch die Glasscheibe in den Hightech-Stall wirft, dem fällt auf: Einige Legehennen picken nicht nur nach den Körnern, sie picken auch nach ihren Nachbarn. Tierzüchter Pilz klärt auf: Ein Huhn kann 20 Artgenossen identifizieren. Alles, was darüber hinausgeht, erzeugt Stress. In diesem Stall hier leben 42.500 Tiere. Aber die Verbraucher meinen, das sei besser als die Käfighaltung, sagt der Geschäftsführer der Firma Landkostei.

"Wenn in den Köpfen unserer Leute eine heile Welt ist, dann müssen wir alles tun, damit diese heile Welt auch hergestellt wird."

Die vermeintlich heile Welt der Legehennen in Bodenhaltung zeigt Heinz Pilz gerne, die der Käfighühner nur nach mehrmaligen Nachfragen. Dabei gackert noch die Hälfte der Bestenseer Hühner in der Legebatterie, genau 500.000 Vögel.

Tierärztin Corinna Böhland begleitet die Besucher in den Stall mit den in vier Reihen übereinander gestapelten Käfigen. "Wertvoller Tierbestand, Zutritt nicht gestattet" - steht auf einem Schild.

Alle müssen einen weißen Schutzanzug anziehen, über die Schuhe zwei Tüten mit Gummiband stülpen, vor dem Betreten des Stalls die Schuhe an der Desinfektionsmatte abtreten. Corinna Böhland ist nicht wohl dabei, Fremde in den Stall zu lassen. Hat sie doch gerade erst die Nachricht erhalten, dass nur 200 Kilometer entfernt im sächsischen Markersdorf die Geflügelpest ausgebrochen ist.

"Sie sehen, im Moment ist noch totale Ruhe, denn eigentlich schlafen wir ja alle schon."

Die Uhr an der Wand des Stalls zeigt 15.30 Uhr. Für die Hennen in der Legebatterie bedeutet das bereits Nacht, denn das künstliche Licht ist abgestellt, sie schlafen. Corinna Böhland greift zum Schalter, taucht den Stall in Neonlicht. Langsam wachen die Hühner auf, schlagen mit den Flügeln, beginnen zu picken, obwohl keine Körner da sind. Sie haben gelernt: Wenn das Licht angeht, gibt es etwas zu fressen.

In der Legebatterie riecht es weniger streng als im neuen Bodenhaltungsstall. Der Kot fällt direkt auf ein Förderband, wird sofort abtransportiert. Vier bis fünf Hühner teilen sich einen Käfig. "Da ist die Hackordnung schnell klar", sagt Tierärztin Böhland. Die Legehennen stehen auf Rosten, können nicht herumlaufen, nicht im Kies scharren - laut Gesetz steht ihnen weniger Platz zu als ein DIN-A-4-Blatt groß ist. Der Käfigboden ist leicht angeschrägt, die weißen Eier der weißen Legehennen rollen nach hinten auf ein Fließband, werden aus dem Stall hinaus- und in die Packstelle hinein transportiert.

Auch im modernen Bodenhaltungsstall quietscht ein Förderband für die Eier, braune Eier von braunen Legehennen. Tierärztin Corinna Böhland zeigt auf ein 200 Meter langes, überdachtes Fließband, das in einen grauen Flachbau mündet.

"Und dann wird vorne raussortiert grober Schmutz, offener Bruch usw., dann geht es über die Sortiermaschine, Crack-Detektor, Haarrisse usw., wird dort raussortiert, dann wird es nach Gewicht verteilt auf der Maschine und dann fällt es in die Kleinverpackung rein letztlich."

Am besten schmecken die Eier, wenn sie drei bis zehn Tage alt sind, sagt Tierärztin Böhland. Die Hühner bekommen ausschließlich pflanzliches Futter, Fischmehl zum Beispiel ist seit der BSE-Krise europaweit verboten.
In Bestensee legen eine Million Hühner täglich 850.000 Eier. Sie landen auf Frühstückstischen in Athen, Prag und Zürich. Und natürlich in Berlin. Jedes vierte in der Hauptstadt verzehrte Ei stammt aus Bestensee.

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