Von Franken nach Buenos Aires

28.12.2010
Die jüdische Familie aus Fürth musste Nazideutschland 1937 verlassen - so wurde Robert Schopflocher ein argentinischer Importkaufmann, Agronom und spät auch noch Schriftsteller. Nun hat er seine Autobiografie verfasst.
Wie mag sich das angefühlt haben: Als Jude des Jahrgangs 1923 im bayerischen Fürth aufzuwachsen, beschimpft zu werden, Gebrüll zu hören, das Gebrüll der Nazihorden, und dann alles zu verlieren, den bürgerlichen Wohlstand, Freunde, Heimat. 1937 emigriert die Familie des Robert Schopflocher, und er weiß damals nicht, dass er Glück hat. Viele Verwandte sterben in der Gaskammer. Für ihn gibt’s einen Neustart in der Neuen Welt, in Argentinien, wo Schopflocher Agronom wird, Verwalter jüdischer Güter (und Verfasser eines Bestsellers über Hühnerzucht). 1951 zieht er nach Buenos Aires, er arbeitet nun in Vaters Importfirma, die er später übernimmt. Im Nebenberuf ist dieser Robert Schopflocher Maler und Holzschneider.

Und mit Ende 50 wird der Kaufmann jüdisch-fränkischer Herkunft zum Schriftsteller; 1980 erscheint der erste Prosaband. Drei Bände Erzählungen kommen auch in Deutschland heraus, Geschichten mit unterschwellig oder offen bedrohlicher Atmosphäre ("Fernes Beben" heißt eine Sammlung, "Morgen-Grauen" ein Text), verfasst im angenehm "altmodischen" Stil des frühen 20. Jahrhunderts.

Jetzt hat Schopflocher seine verschlungene Biografie zu Papier gebracht, ein "Leben zwischen drei Welten". Genauer wäre "in drei Welten", denn alle drei prägen ihn bis heute. Eins: ist die deutsche Kultur, trotz des Grauens der NS-Zeit; zwei: ein gottfernes Judentum; drei: sind die gut sieben Jahrzehnte in Argentinien. Man merkt: Dieser Auswanderer hadert nicht mit seinem Los, er ist nicht verbittert. "Das von vielen Exilanten beschriebene Gefühl der Heimatlosigkeit lernte ich nie kennen."

Zwei Erfahrungen gibt der Autor auf besonders fesselnde Weise wieder - seine Begegnungen mit Demagogen und ideologisch verwirrten Gewalttätern (in Argentinien erlebte der Flüchtling aus Fürth die Populisten Perón und Evita, den "Terror der Guerrilla" und einen "gnadenlosen Staatsterror") sowie die eigentümliche Erkenntnis, gleich zwei Sprachen zu haben. Mit 75 Jahren spürte der spanisch schreibende Schriftsteller, dass er in seiner Traumwelt weiterhin dem Deutschen verhaftet geblieben ist. "‚Frühling’ bedeutet mir noch immer Mörikes blau flatterndes Band." Fortan schrieb er deutsch.

Der Verfasser mochte nicht als Mittelpunkt des eigenen Lebensbildes in Erscheinung treten. Das gelang ihm weitgehend, jedoch zu Lasten des Textes. Schilderungen der Zeitumstände, etwa der argentinischen Gegenwart, blieben blass; just der persönliche Zugriff, die Spiegelung fehlt bisweilen.

Und noch etwas vermisst man im Buch: den typischen Schopflocher-Stil, die ruhig fließende, präzise Prosa seiner Erzählungen. Diese Autobiografie ist Bericht und Kommentar, ein Text ohne literarische Ambition. Als junger Emigrant konnte Robert Schopflocher einen großen Literaten sprechen, Stefan Zweig. Der Fürther zeigte dem Schicksalsgefährten aus Wien frühe belletristische Versuche, und er hörte vor allem einen Rat - die Kunst des Weglassens zu üben. In seinen nächsten Texten wird Schopflocher diesen Rat gewiss wieder beherzigen.

Besprochen von Uwe Stolzmann

Robert Schopflocher: Weit von wo. Mein Leben zwischen drei Welten
Verlag LangenMüller, München 2010
288 Seiten, 19,95 Euro