Von Flüssen, Seen und Regen

05.05.2010
Zwei Jahre lang ist der französische Wissenschaftler Érik Orsenna für sein Buch auf den Spuren unseres Lebenselexiers gereist. Er untersucht das Süßwasser als Grundlage von Trinkwasser, als Element der Korruption oder als Sternstunde des Erfindergeistes.
Erik Orsenna, Jahrgang 1947, ist Wirtschaftswissenschaftler, Mitglied des französischen Staatsrates, des höchsten Verfassungsorgans Frankreichs, und Direktor des Centre international de la mer, Frankreichs zentrales Museum rund um alles Maritime, eine Institution in Frankreich seit 1901.

Buchleser kennen Orsenna als Autor zahlreicher Romane und Sachbücher. Mit seinen mit Preisen überhäuften literarischen Reisereportagen hat er sich in das Bewusstsein auch der deutschen Leser geschrieben: 2003 mit "Porträt eines glücklichen Menschen - Der Gärtner von Versailles" und 2006 mit "Eine Geschichte der Welt in 9 Gitarren", gefolgt von zwei weiteren Büchern über den Golfstrom und über Landwirtschaft und CO2-Emission. Orsennas neues Buch trägt den Titel "Die Zukunft des Wassers – Eine Reise um unsere Welt".

Zwei Jahre lang ist Orsenna für dieses Buch um die Welt gereist, mit Diplomatenausweis übrigens, was ihm viele Türen geöffnet hat, von Frankreich über Australien, Indien, Bangladesh, China, Afrika und Südamerika und zurück nach Europa und hat u.a. Stauseen, Leitungswasserkonsumenten, Politiker, Plantagen und Universitäten besucht.

Zentraler Untersuchungsgegenstand des Buches ist das Süßwasser in welcher Form auch immer, ob als Flüsse, Seen, Regen, Trinkwasser, Kanalisation, Krankheitsauslöser von Cholera und Malaria, als Motor der Landwirtschaft, als Resultat der Klimaveränderung, als Element der Politik, der Korruption, oder als Sternstunde menschlichen Erfindergeistes oder als Geburtsstätte künftiger Kriege:

Jeder israelische Swimmingpool auf palästinensischem Gebiet schafft 100 neue Terroristen.

Komplexer könnte ein Thema nicht sein: geologisch, geografisch, geopolitisch, global, meteorologisch, chemisch, physikalisch, medizinisch, ökonomisch und politisch.

Obwohl überbordend vor Informationen bietet "Die Zukunft des Wassers" trotzdem ausgesprochen leserfreundliche Lektüre, gereicht in insgesamt 86 Kapiteln als mundgerechte Häppchen.

Orsennas Reisebericht ergibt ein Buch zum Anfassen, mit Hotelzimmern, mit Taxifahrern, mit dem Chaos einer Weltreise. Wundervoll Orsennas Schreibstil, der spätestens in diesem Buch seine absolute Meisterschaft erreicht hat: flüssig, lebendig, poetisch und mit sehr viel Sinn für Humor, Witz, Charme und Ironie; ein Sachbuch mit literarischer Klasse, ein Lesegenuss:

"Gletscher, die riesigen Tiere; Kassandra wäre heute aus Eis."

"Die Zukunft des Wassers" hat Orsenna sein Buch genannt. In einem Punkt ist sie beruhigend; Wasser ist kein Öl, Wasser ist erneuerbar. Aber die Wasserprobleme der Menschen werden zunehmen: Es wird mehr Wüsten geben und mehr Überschwemmungen, und es wird mehr Kriege ums Wasser geben.

Selten ist ein wissenschaftliches Buch so informativ und lehrreich, selten verschlingt man ein Sachbuch und genießt es derartig, federleicht zu lesen und gleichzeitig so inhaltsschwer. "Die Zukunft des Wassers", ein Buch "pour tout la vie", wie man auf Französisch sagt: ein Buch fürs ganze Leben.

Besprochen von Lutz Bunk

Érik Orsenna: Die Zukunft des Wassers – Eine Reise um unsere Welt
Aus dem Französischen übersetzt von Caroline Vollmann
C.H. Beck Verlag, München 2010, 319 Seiten, 19.95 €