Seit 15:05 Uhr Interpretationen

Sonntag, 18.11.2018
 
Seit 15:05 Uhr Interpretationen

Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 09.08.2015

Von Flandern an den BosporusDas wahrscheinlich härteste Radrennen der Welt

Von Oliver Ramme

Podcast abonnieren
Härter als die Tour de France: Das Transcontinental-Race (TCR) (imago)
Härter als die Tour de France: Das Transcontinental-Race (TCR) (imago)

Start ist in Belgien, das Ziel ist die Türkei. Dazwischen liegen rund 4000 Kilometer. Das Transcontinental-Race ist damit nicht nur länger als die Tour de France, es birgt auch einige zusätzliche Härten.

Eine normale Wohnsiedlung in Dortmund. Ein- und Mehrfamilienhäuser, viel Grün. Die Garage, die sich da öffnet, gehört Andreas Wittkemper.

"Ich denke, wir gehen mal rein und schauen uns das Rad an und holen es mal raus..."

In dem dunklen Raum steht kein Auto sondern ein gutes halbes Dutzend Fahrräder. Andreas Wittkemper greift sich eines und schiebt es nach draußen auf die Einfahrt.

"Das Rad ist von mir speziell aufgebaut worden für das Rennen. Ich wollte was haben, was ein bisschen robuster ist und breitere Reifen haben kann..."

Das Modell, das der 46-Jährige nicht ohne Stolz präsentiert, wirkt auf den ersten Blick wie ein Trekkingrad. Es hat weder Schutzbleche noch Gepäckträger. Die Reifen sind profillos und deutlich schmaler als die eines Mountainbikes. Auffällig sind nur die feinen Gepäcktaschen. Hinten am Sattel ist eine befestigt, die aufgrund ihrer Form an das Hinterteil einer Wespe erinnert. Unter dem Querträger des Rahmens eine weitere schmale Tasche und vorne am Lenker eine Art Schlafsack.

"Ich habe es noch nicht gewogen, aber ich denke, es wird so um die sechs, sieben oder acht Kilo wiegen."

Das Gepäck! Und das Fahrrad?

"Das Fahrrad selber liegt bei etwas über zehn Kilo. Es geht noch leichter, aber es ist kostengünstiger ein Kilo abzunehmen, als ein Kilo am Fahrrad abzuspecken."

Radfahren ist Andreas Wittkempers Hobby

1700 Euro hat den Dortmunder das Fahrrad gekostet. Andreas Wittkemper ist ein recht großer Mann. 1,90 Meter und 86 Kilo. Er wirkt sportlich. Schütteres, sehr kurzes Haar. Und er ist ein eher schüchterner Mann.

Radfahren ist sein Hobby. Sein Geld verdient der Informatiker als IT-Spezialist. Auf dem Rad sitzt Wittkemper gerne und lange, wenn es die Zeit zulässt. Unternimmt Radtouren durch Deutschland, die USA oder den Oman. Trotzdem ist er in der Szene der Marathon-Radrennfahrer ein unbeschriebenes Blatt.

Anders bei Bernd Paul aus Wiesenbronn bei Würzburg:

"Das ist einfach Sportnahrung. Was ich hier habe, ist mehr für Krebspatienten." (lacht) "Hauptsache Kalorien, Hauptsache Energie..."

Bernd Paul und Andreas Wittkemper kennen sich nicht, ihre Radwege haben sich nie gekreuzt.

Bernd Paul ist Ingenieur bei einem Autozulieferer. Der 45-Jährige ist erfolgreicher Ultra-Langstrecken Radrennfahrer. 2014 gewann er das Race across Germany. Die 1100 Kilometer zwischen Flensburg und Garmisch Partenkirchen hat er quasi nonstop in knapp 40 Stunden heruntergetreten. Ohne übernachten, ohne längere Pausen und alleine. Auch hat er an zahllosen Brevets teilgenommen. Das sind Radrennen über lange Distanzen mit vorgegebener Strecke und einem bestimmten Zeitrahmen.

"Da fahre ich einfach durch"

"Für mich hat sich das einfach so entwickelt. Ich stehe ja nicht am Morgen auf und sage ich fahre 1000 Kilometer. Ich kann mich erinnern: meine erste Veranstaltung 1000 Kilometer, da habe ich gesagt: Das ist meine persönliche individuelle Grenze, geht nicht weiter. Ich fahre nun das Jahr über diese Brevets. Für einen 1000er brauche ich keine spezielle Vorbereitung, da fahre ich einfach durch."

Was er sich jetzt vorgenommen hat, genauso wie der unerfahrene Andreas Wittkemper sowie rund 200 andere Radsportverrückte aus aller Welt, ist im Grunde mit den vorangegangenen Erfahrungen nicht zu vergleichen.

Auftakt zum Transcontinental Race nach Istanbul - eines der anstrengendsten Radrennen der Welt: Verwegene Männer und gut zehn mutige Frauen stehen in Fahrrad-Montur beisammen, unterhalten sich. Die Rennräder, die sie mitgebracht haben, erfüllen das Profil: Leicht, robust und irgendwie komfortabel.

Treffpunkt ist das malerische Städtchen Geraardsbergen - 30 Kilometer westlich von Brüssel. Steil hinauf führt ein Kopfsteinpflasterweg auf die Muur. Noch ein paar Stunden bis zum Start.

Das Gasthaus oben auf der Muur. Die Tische sind beiseite geschoben, auf eine Leinwand projiziert der Beamer eine Europakarte. Daneben steht Mike Hall, Organisator und Erfinder des Transcontinental Race. Hall ist 34 Jahre alt, Brite. Kinnbart, längere gelockte Haare.

Hall erklärt den Teilnehmern die wichtigsten Regeln des Rennens. Die Anwesenden hören interessiert und mit ernster Mine zu.

Das Transcontinental wird zum dritten Mal ausgetragen. Schnell wird klar: Diese Ausgabe wird härter als ihre Vorgänger.

Die Route ist nicht vorgeschrieben

Die Regeln des Rennens sind simpel. Jeder Fahrer ist für sich selber verantwortlich. Die ungefähr 4000 Kilometer von Geraardsbergen nach Istanbul müssen ohne Hilfe bewältigt werden. Das heißt: Serviceautos oder ähnliches, wie man es von der Tour de France kennt, gibt es nicht. Auch ist es jedem Fahrer selbst überlassen, welche Route er oder sie nach Istanbul einschlägt. Einzig gilt es vier Kontrollpunkte, die quer über Mittel- und Osteuropa verstreut sind, zu passieren.

Diese Freiheiten macht das Transcontinental einmalig. Es ist frei von Zwängen. Auch bestimmen die Rennfahrer selber wann, wo und wie lange sie rasten.

Mike Hall ist berühmt in der Szene der Ultra-Langstreckenradfahrer. 2012 umrundet er in 91 Tagen die Welt mit dem Fahrrad. Weltrekordzeit. Zwei Jahre später gewinnt Hall dann das Trans Am Bike Race. Fast 7000 Kilometer durch zehn US-Bundesstaaten von der Ost- zur Westküste. Der Brite ist erfahren im Kampf gegen sich, das Fahrrad und die Widrigkeiten der Natur.

Das Briefing ist beendet. Mike Hall gibt noch ein paar Tipps. Hier drinnen im Gasthaus oder draußen auf dem Kopfsteinpflaster gibt es die letzten Gelegenheiten, Informationen und Erfahrungen auszutauschen - und das ein oder andere Gerücht in die Welt zu setzten.

"Also die Bundesstraße ist auf jeden Fall sicherer. Und dann Tirana, ich sage dir: der Wahnsinn. Die Leute reden immer über die Schwierigkeiten durch Istanbul zu kommen. Aber ich sage dir: Istanbul ist easy. Tirana dagegen ist irre..."

Sprachen aus aller Herren Länder sind zu hören. Französisch, viel Englisch, Niederländisch, Deutsch, Serbokroatisch. Sogar Australier und US-Amerikaner haben sich angemeldet.

Etwas weiter weg, ein paar hundert Meter entfernt von dieser Gerüchteküche, sitzt Bernd Paul entspannt auf einer Parkbank. Er hat Stress gehabt die letzten Tage auf der Arbeit. Konnte nicht mehr als 50 Stunden pro Woche trainieren. Aber er fühlt sich fit. Seine Strategie: Die ersten 1100 Kilometer will er ohne Schlaf durchfahren, etwa 48 Stunden wird er damit ohne größere Pausen im Sattel sitzen.

"Ich versuche 450 Kilometer am Tag zu fahren"

"Neun bis zehn Tage, neun wäre schön. Ich versuche 450 Kilometer am Tag zu fahren. Am Anfang geht's eher leicht, wenige Höhenmeter und die Straßen sind gut. Später wird es heißer und es wird dann auch so sein, dass ich tagsüber schlafe denn in der Nacht!"

Haben Sie keine Angst am Steuer einzuschlafen?

"Nein, ist mir noch nie passiert. Ich kenne mich ja auch. Und es gibt da auch ein paar Tricks: Man macht ein Auge zu ... dann das nächste Auge.." (lacht) "Ist immer vom Kopf her dann."

Bernd Pauls ehrgeiziges Ziel: Mindestens unter die ersten drei zu fahren.

Ihm, wie allen anderen Mitstreitern, steht eine Tortur aus Hitze, Bergen, Schlafmangel und Muskelschmerzen bevor.

Autor: "Was ich nie verstehe bei den Hochleistungs- und Ausdauersportlern: Warum diese Lust an der Qual? Das schmerzt doch auch!"

Bernd Paul: "Natürlich, jeder der das macht, hat extreme Tiefpunkte. Was man aber auch weiß: man kommt da raus. Und da ist das Hoch hinterher immer intensiver. Das erlebt man im normalen Alltag nicht. Da hat man so seinen Rhythmus, der hat sich eingependelt. Man ist zufrieden, man geht in den Urlaub. Das sind so leichte Sinusschwankungen. Aber bei uns geht's 'Bum-Bum' nach oben und unten."

Die Spannung steigt, es sind nur noch wenige Minuten bis zum Start – es ist Nacht geworden. Die zweihundert Radrennfahrerinnen und Rennfahrern sitzen auf ihren gepackten Rädern, warten unter gelbem Laternenlicht - eng gedrängt auf dem Kopfsteinpflaster.

Hier begegnen sich auch Bernd Paul und Andreas Wittkemper zum ersten Mal.

Wittkemper: "Also bisher so 200 oder 300 Kilometer - aber nicht am Stück."

Paul: "Aber nicht am Stück? Das ist schon sehr gewagt."

Alle fahren gleich getrennte Wege

Ob das der Moral des Dortmunders Auftrieb verleiht?

Es ist die erste und letzte Begegnung der beiden. Alle Teilnehmer fahren gleich getrennte Wege. Jeder nimmt seinen persönlichen Kurs auf Istanbul. Unterstützt vom eigenen Navi.

Der Glockenschlag gibt den Start frei. Der Tross setzt sich behäbig in Bewegung. Keine Hektik.

Die Teilnehmer tauchen ein in die belgische Nacht. Kurs Richtung Süden. Der erste Kontrollpunkt, den alle Teilnehmer überfahren müssen, ist der in der Radfahrerszene berühmt-berüchtigte Mont Ventoux. 1900 Meter hoch. Der einsame Gipfel dominiert seine Umgebung, das heiße Flachland der Provence!

Bernd Paul macht seine Ankündigung wahr. Mit voller Kraft tritt er durch die Nacht, erreicht bei Tageslicht die französische Stadt Reims, am späten Nachmittag ist er kurz vor Lyon. Irgendwo auf einer einsamen Landstraße. Es geht gerade steil den Berg hinauf. Bernd Paul dominiert das Fahrerfeld.

Wie läuft's?

Paul: "Sehr gut!"

Seit 16 Stunden unterwegs – keine Müdigkeit?

"Es gab so zwischendrin mal Tiefpunkte, aber jetzt ist es wieder gut."

Also immer noch 50 Stunden durchfahren?

" Joo, ich weiß nicht ob ihr das mitbekommen habt, aber es gab extremen Wind. Das hat mir meinen Zeitplan durcheinandergebracht, 350 Kilometer starker Gegenwind – jetzt muss ich schauen wie ich durchkomme."

Jeder Fahrer hat einen Sender

Paul, wie alle anderen, fährt ein einsames Rennen.

Doch Mike Hall sieht seine Teilnehmer trotzdem, im Internet. Kleine Zahlenkärtchen wandern auf der Europakarte. Jede Zahl ist ein Fahrer. Jeder Fahrer hat einen Sender. So können Hall, seine Helfer und die ganze Welt sehen, wo sich die Fahrerinnen und Fahrer gerade befinden.

"Wenn du gewinnen willst, musst du jetzt vorne mit dabei sein. Es wird einer von denen sein, die sich bereits jetzt vom Hauptfeld abgesetzt haben. Aber erst über die Tage wird sich ein Spitzenmann herausbilden."

Im normalen Leben ist der 34-jährige Ingenieur und arbeitet bei einem britischen Turbinenhersteller in der Rüstungsindustrie.

Aber, diesen Ingenieursjob macht er nur, um Geld zu verdienen. Sein Herz schlägt für das Transcontinental. Eigentlich ein Minusgeschäft. Die knapp 200 Euro Startgeld pro Fahrer decken kaum die Unkosten. Die zwei Tour-Autos werden von einem englischen Autohaus gesponsert.

Der Direktor scheut deshalb auch keine Arbeit; das Be- und Entladen der Autos ist Chefsache.

"Über die Jahre haben wir mehr und mehr Teilnehmer bekommen. Trotzdem hat das Grenzen. Ich hantiere hier mit Freiwilligen und Leuten, die auch andere Jobs haben. Wir wollen also nicht zu groß werden, um dann die Übersicht zu verlieren. Und es würde sein Feeling verlieren. Das hier ist ein Grassroot-Ereignis. Es hat nichts mit kommerziellen Massenrennen zu tun. Es ist klein und gut behütet – so wie es ist. Man nimmt nicht teil als ein zahlender Kunde, machst dein Rennen, nimmst die Sachen und gehst nach Hause. Hier endest du mit 100 oder 200 neuen Freunden. Das ist echt eine Gemeinschaft hier."

Schlafen im Hotel oder am Straßenrand

Anderthalb Tage sind seit dem nächtlichen Start in Belgien vergangen. Einige haben in der zweiten Nacht ein Hotel genommen oder sich am Straßenrand kurz in den Schlafsack geworfen. So auch Bernd Paul, der außerplanmäßig zwei Stunden geschlafen hat. Trotzdem, er liegt noch immer an der Spitze des Feldes.

Der mächtige Mont Ventoux, der erste Kontrollpunkt, ist schon seit Kilometern zu sehen.

Die Sonne scheint, blauer Himmel, es ist heiß über dem Asphalt. Etwa 900 Kilometer hat Paul bis hierhin zurückgelegt.

Die Passstraße zum Gipfel hinauf ist steil, teilweise 13 Prozent Steigung. Gnadenlose 25 Kilometer.

Bernd Paul fährt mit festem Tritt die Serpentinen hinauf. Allerdings – etwas stimmt nicht.

"Ich muss leider aufhören. Ich hab ne Sonnenallergie. Komplett verbrannt alles. Unterm Trikot alles verbrannt."

Die Haut von Bernd Paul ist rosa und aufgequollen. Ihm sind die Qualen anzusehen. Beine, Knie und Körper sind in Ordnung sagt er, alles lief wunderbar, nur die Haut wollte nicht.

Oben auf dem Mont Ventoux erwartet ihn Tour-Direktor Mike Hall.

Paul: "I honestly wanted to arrive in Istanbul."

Hall: "You have done a great job till now, but you have chosen to withdraw, is that right?"

Im Internet erlischt die Nummer 15

Bernd Paul wäre gerne bis nach Istanbul gefahren, aber es macht keinen Sinn. Mike Hall nimmt ihm seinen GPS Sender ab. An der Spitze des Feldes liegend erlischt im Internet die Nummer 15.

Wie groß ist jetzt die Enttäuschung?

"Die ist riesig. Ich habe das Rennen schon letztes Jahr verfolgt. War zu spät mit dem Anmelden. Ich weiß nicht wie viele Wochen ich mich mit dem Track befasst habe. Ich habe die kürzeste Strecke gefunden. Und es war wirklich anspruchsvoll, muss man sagen. Klar, dass dann die Enttäuschung groß ist, weil körperlich fit."

Die zahlreichen Touristen, die mit ihren Autos und Motorrädern den Ventoux bezwungen haben, nehmen von Pauls Aufgabe keine Notiz. Das Transcontinental ist kein Volksfest a la Tour de France. Vielmehr ein stilles Insidertreffen von Radverrückten.

Zu dem Zeitpunkt, an dem Bernd Paul aufgibt, liegt der Dortmunder Andreas Wittkämper im hinteren Teil des Hauptfeldes. Mit einem Rückstand von rund 500 Kilometern. Und das nach 40 Stunden Renndauer.

Wie lässt sich dieses Rennen gewinnen - oder wenigstens überstehen? Beim Transcontinental gibt es die Strategen genauso wie die Abenteurer.

Chappell: "Ich weiß, dass ne Menge hier ihr Rennen genau durchkalkulieren und wo sie schlafen werden. Aber ich kenne mich als Fahrerin sehr gut. Ich weiß also, wann ich weitermachen und wann ich stoppen muss. Und dann weiß ich, dass ich auf einem schnellen Ritt bin."

Denkt die Engländerin Emily Chappell noch am Start in Geraardsbergen. Chappell ist weniger Renn- als Tourenfahrerin. Sie ist von Europa nach Japan getourt, durch die halbe USA oder rund um Island. Chappell führt lange Zeit das Feld der Frauen beim Transcontinental an.

Entscheidend, und da sind sich alle einig, ist die Fahrleistung bei Nacht. Um das Rennen zu gewinnen, dürfen nicht mehr als 4 Stunden pro Tag gerastet werden. Wie man sich wachhält? Die meisten sagen mit Kaffee oder Cola. Unerlaubte Substanzen werfe niemand ein – zumindest gibt das keiner zu!

"Ich liebe es durch die Nacht zu fahren"

Es ist Nacht am Fuße des Mont Ventoux. Sternklarer Himmel. Die viel befahrene Passstraße hinauf ist mit einmal wie ausgestorben. Keine Touristen mehr. Einsam, nur durch den Lichtkegel seiner Radlampe zu erkennen, radelt der Australier Rob McRitchie durch die Nacht.

"Ich liebe es durch die Nacht zu fahren. Du glaubst alleine auf der Welt zu sein. Hier ist niemand. Nur du und dein Licht. Ich denke da an nicht viel, spüre nur die Beine. Ich denke eigentlich gar nicht auf dem Rad. Die Welt zieht einfach an dir vorüber."

Der Australier gehört ebenso zum Hauptfeld wie die Britin Emily Chappell. Sie quält sich einige Kilometer vor McRitchie den dunklen Berg hinauf. Wenn alles gut läuft, kommt sie um ein oder zwei Uhr nachts dort oben an.

"Ich bin sehr, sehr müde. Ich muss meinen Geist überlisten, hier diesen Berg überhaupt hochzufahren. Ich will noch auf die Spitze und da oben schlafen. Ich fahre gerne in der Nacht, es ist sicherer. Ich habe die Straße für mich und man sieht die Autos besser."

Und wie fühlt sie sich nach 900 Kilometern auf dem Rad?

"Ich hatte keine Dusche mehr seit vier Tagen und meine Haare habe ich schon eine Woche nicht mehr gewaschen. Ich finde aber: noch rieche ich gut."

Über die Tage der Tortur verändern sich nicht nur Waschgewohnheiten. Der Magen dominiert den Kopf.

Schmitz-Rech: "Das ist ganz interessant wie bei so einem langen Rennen der Geschmack sich verändert."

Hans-Jürgen Schmitz-Rech kauft in einem kleinen Supermarkt ein. Kekse und Cola. 57 Jahre ist er alt, ein erfahrener Langstreckenfahrer. Er hat bereits an der letztjährigen Ausgabe des Transcontinental teilgenommen.

"Der Körper hat die Macht"

"Es gibt Tage, da esse ich nur Salz. Also Salzstangen. Dann schütte ich mir wieder Cola rein. Oder Eis. Das sind Heißhungerphasen. Das ist mit Sicherheit nicht gesund, was wir essen. Aber der Körper hat die Macht."

Schmitz-Rech will sich in diesem Jahr verbessern. 12 und nicht mehr 14 Tage benötigen. Und das obwohl die diesjährige Ausgabe noch härter ist.

Der Mann aus der Nähe von Koblenz ist groß. Über 1,90 Meter. Kräftig und demnach schwer. Er will sich nicht in den Bergen verausgaben und fährt lieber mal einen flacheren Umweg.

Er ist kurz vor dem zweiten Kontrollpunkt, Sestriere in den italienischen Alpen.

"Ja, es ist ne Qual wenn man schlecht trainiert ist. Dann lässt man es auch bleiben oder man bricht ab. Es haben ja schon einige abgebrochen jetzt, da sie gesehen haben, dass sie das nicht schaffen können. Wenn man gut trainiert ist, ich fahre im Jahr gut 20.000 Kilometer, dann quält man sich mal, das tut richtig weh. Aber wir sprechen jetzt zehn Minuten und ich fühle mich wieder gut erholt."

Der selbstständige Immobilienkaufmann hat während des zehnminütigen Gesprächs die gesamte Kekspackung aufgegessen.

Mike Hall ist am zweiten Kontrollpunkt in Sestriere angekommen. Sestriere, ein aus dem Boden gestapfter Ski-Ort. Die Straßen sind leer in der Mittagssonne. Die Teilnehmer tröpfeln in ein, zwei Stundenabständen hier oben ein.

Die nächsten 30 Kilometer führen über Schotter. Eine der wenigen vorgeschriebenen Passagen. Fünf Tage dauert das Rennen nun. Der Führende ist längst über alle Berge und passiert bereits Slowenien. Die, die hier oben in Sestriere eintreffen, sind erschöpft und matt von den massiven Anstiegen.

"Das ist die Einfachheit des Lebens"

"Ich weiß nicht ob man verrückt sein muss um hier mitzumachen. Viele Sachen machen verrückt. Mein Bürojob. Und ich glaube, dass das hier den Leuten Kontrolle über ihr Leben zurück gibt. Sie haben sich nur um ihr Rad zu kümmern. Sie müssen nur etwas essen und ein bisschen Schlafen. Das ist die Einfachheit des Lebens."

Die Ausfallquote ist hoch. Nach den ersten sieben Tagen hat schon fast jeder dritte die Schinderei aufgegeben. Als der Engländer Josh Ibbett nach ziemlich genau zehn Tagen das Ziel in Istanbul erreicht, ist nur noch etwa die Hälfte der Fahrer im Wettbewerb.

4200 Kilometer in zehn Tagen – kaum Schlaf aber viel Hitze und hohe Berge. Wie das ein Körper überhaupt schaffen kann? Viele sprechen davon, sich mit eigenem Adrenalin hochzupushen. Eine Art Rausch gegen die Schmerzen! Ob noch andere Mittel mit im Spiel sind? Niemand spricht darüber. Das beste Argument sei ja der Gewinn:

Dem Gewinner gebühren nach der Schinderei ein T-Shirt und ein paar kleinere Sponsorengeschenke. Und viel Ehre in der Ultra-Langstreckenfahrer-Szene. Nicht mehr, nicht weniger.

Emily Chappell erreicht das Ziel ebenso wenig wie Andreas Wittkämper – der beendet das Rennen frustriert nach fünf Tagen etwas südlich von Lyon.

Auch Hans-Jürgen Schmitz-Rech schafft es nicht mehr nach Istanbul. In Slowenien biegt er ab und fährt direkt in den Urlaub. So bleibt ihm nur die Erinnerung an die Zieleinkunft im letzten Jahr.

"Es ist erst mal ne ganz große Leere. Einfach so ein ganz tiefes Zufriedenheitsgefühl, dass man es geschafft hat – ja, das ist eigentlich alles."

Nachspiel

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur