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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 23.08.2008

Von Einsamkeit und Entfremdung

Vor 100 Jahren wurde der Dramatiker Arthur Adamov geboren

Von Eva Pfister

Ein Vorhang (Stock.XCHNG / Kalyana Sundaram)
Ein Vorhang (Stock.XCHNG / Kalyana Sundaram)

In den 50er Jahren nannte man Arthur Adamov in einem Atemzug mit Ionesco und Beckett - als die drei Begründer des absurden Theaters. Aber als Adamov durch die Gastspiele des Berliner Ensembles in Paris die Stücke von Bertolt Brecht kennenlernte, wandte er sich dem politischen Theater zu und lehnte sein früheres Werk ab. In Westdeutschland brachte er sich damit um seinen Ruhm.

"Was existiert? Ich weiß zunächst, dass ich existiere. Aber wer ist 'ich'? Was ist 'ich'? Alles, was ich von mir weiß, ist: ich leide. Und wenn ich leide, so deshalb, weil am Ursprung meiner selbst Verstümmelung, Trennung ist. "

Arthur Adamov war unter den Autoren des absurden Theaters ein Sonderfall. Der Übersetzer von Rilke, Büchner, Tschechow, Gogol, aber auch von Carl Gustav Jung, kämpfte zeitlebens mit psychischen Problemen. Mehr als bei Eugène Ionesco oder Samuel Beckett, seinen heute berühmteren Weggefährten, vermischte sich im Weltgefühl von Adamov die Erkenntnis der Sinnlosigkeit der Existenz mit persönlichem Leid.

"Alles spielt sich so ab, als wäre ich nur eine der Teilexistenzen eines großen, unbegreiflichen und zentralen Wesens. Manchmal erscheint mir diese große Lebensganzheit so dramatisch schön, dass sie mich in Ekstase versetzt. Weit öfter aber kommt sie mir vor wie ein greuliches Untier, das in mich eindringt und aus mir herausquillt, das überall ist, in mir und um mich herum ... Und Entsetzen ergreift mich und schüttelt mich immer stärker."

Arthur Adamov kam am 23. August 1908 in Kislowodsk, einem Kurort im Kaukasus, auf die Welt und wuchs in Genf und Mainz auf. Mit 16 Jahren brach er nach Paris auf und stieß zum Kreis der Surrealisten. Er war mit Antonin Artaud befreundet und schrieb Gedichte. 1933 brachte sich sein Vater um, der sein Vermögen aus Ölgeschäften verspielt hatte. Da Arthur zu ihm ein schwieriges Verhältnis hatte, fühlte sich an seinem Tod schuldig und geriet in eine psychische Krise, die er in dem Buch "L'Aveu" ("Das Geständnis") schilderte. Offen schrieb er darin auch über seine sexuellen Probleme, vor allem seine Neigung zum Masochismus.

Im Dezember 1940 wurde Adamov, der schon im Spanischen Bürgerkrieg aktiv gegen den Faschismus gekämpft hatte, für fast ein Jahr im Lager von Argelès-sur-Mer interniert. Gegen Kriegsende begann er Theaterstücke zu schreiben. Ein Vorbild war für ihn August Strindberg, in dessen "Traumspiel" er das dramatische Potenzial von Alltagsszenen entdeckte:

"Besonderen Eindruck machte mir der Strom der Vorübergehenden, ihre Einsamkeit im Gedränge, die verwirrende Vielfalt ihrer Äußerungen; ich fand Gefallen daran, nur Gesprächsfetzen aufzunehmen, die - wie mir schien - in Verbindung mit anderen Gesprächsfetzen ein Ganzes ergaben, dessen fragmentarischer Charakter die Gewähr bot für seine symbolische Wahrheit."

Die Unmöglichkeit der Kommunikation, die Einsamkeit und Entfremdung des Einzelnen, das sind die Themen in Arthur Adamovs frühen Parabelstücken wie "Die Parodie", "Die Invasion", oder "Alle gegen Alle". Von einem eigenen Alptraum inspiriert entstand sein erfolgreiches Werk "Le Professeur Taranne".

"Sie müssen doch selbst einsehen, dass diese Anschuldigung Unsinn ist. Warum sollte ich so etwas getan haben? Meine ganze bisherige Lebensführung ist ein genügender Beweis dafür, dass ich solcher Handlungsweise gar nicht fähig bin. Und seien Sie doch vernünftig, Herr Inspektor, ich bitte Sie. Wer würde sich bei dieser Kälte nackt ausziehen und krähend am Strand herumlaufen?"

In dieser Rundfunkfassung von 1956 spricht Bernhard Minetti die Rolle des Professor Taranne, der des Exhibitionismus beschuldigt wird, und dessen verzweifelte Situation stark an Kafka erinnert.

"Ich bin sehr glücklich Sie zu treffen, meine Herren. Sie können mir einen großen Gefallen tun. - Ich kenne Sie nicht. - Wie bitte? Ich habe Sie doch so oft in meinen Vorlesungen gesehen. - Wir besuchen überhaupt keine Vorlesungen. "

1960 unterzeichnete Arthur Adamov das "Manifest der 121" gegen den französischen Algerienkrieg. Daraufhin wurde er im staatlichen Rundfunk verboten. Auch in Westdeutschland schrumpfte seine Popularität, da er sein früheres Werk ablehnte und sich dem politischen Theater im Geiste Brechts zuwandte. Sein Historienspektakel über die Pariser Kommune wurde 1962 in London uraufgeführt, blieb aber ohne Erfolg. Klaus Michael Grüber brachte 1972 in Düsseldorf seine Groteske gegen den Vietnamkrieg, "Off Limits", zur deutschen Erstaufführung, aber das erlebte der Autor nicht mehr.

Arthur Adamov starb am 15. März 1970, gezeichnet von schwerer Krankheit, an einer Überdosis Schlaftabletten. In seiner späten Prosa kam auch wieder das Thema Masochismus vor, gedeutet als eine "Immunisierung gegen den Tod".

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