Seit 04:05 Uhr Tonart
Sonntag, 17.10.2021
 
Seit 04:05 Uhr Tonart

Echtzeit | Beitrag vom 25.09.2021

Von der Sitzgruppe zur SofacityWas die Couch über unsere Gesellschaft verrät

Niklas Maak im Gespräch mit Marietta Schwarz

Eien Frau streckt sich auf dem Sofa aus (Illustration). (imago / fStop Images / Malte Müller)
Ab aufs Sofa: Früher der Ort, um Konversation zu betreiben. Heute der Ort, um zu entspannen. (imago / fStop Images / Malte Müller)

"Man kann anhand der Entwicklung der Sofas die Entwicklung der Gesellschaft ablesen", sagt der Architektur-Journalist Niklas Maak. Verraten uns Sitzecken, Couch und Sofa wirklich, wie hierarchisch oder feministisch unsere Gesellschaft ist?

Wer etwas über die jeweilige Gesellschaft lernen möchte, der muss sich nur die Sofas und Sitzecken genauer angucken: Das ist die These des Architektur-Journalisten Niklas Maak.

Beispielsweise ein Sofa aus den 50er-Jahren: "Das hat sehr steile Rückenlehnen. Da sitzt man eigentlich eher wohlgesittet mit den Händen auf dem Schoß und kann vielleicht Konversation treiben, aber man kann da nicht rumlungern." In den 70-ern gleichen sich die Sofas dann mehr und mehr Betten an. "Da liegt man, da versinkt man drin. Das verpönte Lungern wurde zum Loungen."

Erst antikes Liegemöbel, dann Symbol der Biederkeit

Der Ursprung des Sofas findet sich in der Antike, in Form eines Art Liegebettes, auf dem auch gegessen wurde. "Die waren so angeordnet, dass man essen und auch miteinander reden konnte. Und eigentlich ist diese Anordnung durch den arabischen Kulturraum dann im 18. Jahrhundert in die adeligen Schlösser gekommen." Denn dort galt es als angesagt, wie die Kalifen zu ruhen und zu schlemmen. "Diese Sofas waren sehr teuer. Das konnten sich eigentlich nur die Adeligen leisten."

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Später sei das Sofa dann für das aufkommende Bürgertum zu einem Statussymbol geworden, das so wie der Adel Konversation treiben wollte. Schließlich hielt das Sofa auch im Kleinbürgertum Einzug, bis es in den 1950-ern zum Symbol der Biederkeit wurde.

"Dieser Traum: Wir richten uns ein Häuschen ein und da muss dann eine Schrankwand rein und ein Sofa. Das ist eigentlich die letzte Schwundstufe dieser adeligen Ritualmöbel, wo man sich traf und gesittet miteinander sprach."

Feministische Kritik am Sofa

Auch die Rolle der Frau lasse sich anhand der Wohnzimmereinrichtung gut ablesen. In den 50er-Jahren waren die einzelnen Sessel den Zigarre rauchenden, Zeitung lesenden Männern vorbehalten. Die Damen saßen dagegen "wie auf der Stange" plaudernd auf dem Sofa, das in diesem Falle eine Art "Erniedrigungsbank" gewesen sei, so Maak.

"Wir haben den übelsten Ausläufer dieser Anordnung – die Frau kommt aufs Sofa, der Herr in den Sessel – gesehen bei dem Termin, den Ursula von der Leyen in der Türkei hatte, wo ganz klar war: Die Herren kommen auf die Sessel und die Dame muss auf das Sofa."

Vom Sofa zur Liegelandschaft

Heute verwischen die Grenzen zwischen Liegen und Sitzen, Sofa, Bett und Arbeitsplatz zusehends: Die Sitzecke oder das Sofa müssen einer Unizweck-Lounge-Landschaft weichen. Und: Statt wie früher parallel sitzend auf den Fernseher zu starren, lagern die Menschen lieber "wie Kühe auf der Wiese" durcheinander in Sitzlandschaften oder Sofacitys. Jeder schaut dabei auf sein eigenes Handy, seinen Screen, so Maak.

Konversation betreibe man vermutlich eher wenig. Dafür sieht es deutlich egalitärer in Wohnzimmern aus: "Das sind eigentlich Möbel, wo die Hierarchie aufgelöst wird. Das kann man durchaus positiv sehen."

(lkn)

Mehr zum Thema

"Living Room: San Francisco 2017/2018" - Dein Zuhause in meinem Wohnzimmer
(Deutschlandfunk Kultur, Kompressor, 27.7.2020)

Alte Idee neu aufgelegt - Die Wohnungsgenossenschaft ist wieder da
(Deutschlandfunk, Dlf-Magazin, 1.8.2019)

Architektur und Arbeit - Dort arbeiten, wo der Chef wohnt
(Deutschlandfunk Kultur, Echtzeit, 16.3.2019)

Fazit

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur