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Musikfeuilleton | Beitrag vom 10.03.2019

"Von der Klavierbegleitung zum Raumklang“ 125 Jahre Filmmusik

Von Josef Kloppenburg

Das Deutsche Filmorchester Babelsberg spielt bei einer Probe im Nikolaisaal Potsdam. (Imago Stock & People)
Das Deutsche Filmorchester Babelsberg spielt bei einer Probe zum Filmlivekonzert 100 Jahre The Tramp (Imago Stock & People)

In den Jahren nach 1895, als die erste öffentliche Aufführung einer Filmszene - ein in einen Bahnhof einfahrender Zug - die Zuschauer in Angst und Schrecken versetzte, hatte Musik im Kino mehrere Aufgaben zu erfüllen: ein akustisches Korrelat des Sichtbaren zu liefern, den Anwesenden die Angst vor der Dunkelheit zu nehmen und das laute Rattern des Filmprojektors akustisch zu maskieren. Seitdem ist viel passiert. Eine kurze Geschichte der Filmmusik.

"Die Filmgesellschaften gaben ihren Filmen zumeist nicht mehr als einen Musik-Fahrplan mit, wo nicht mehr darauf stand, als während dieses Aktes den Schlager XY, während des folgenden die Puccini-Arie YZ und während des dritten schließlich den letzten Satz aus Tschaikowskys b-Moll-Klavierkonzert spielen zu lassen. Ob sich die Kapellmeister an diesen Fahrplan hielten oder nicht, blieb ihnen überlassen". 

So leidenschaftslos äußerte sich der damals als Kinomusiker in Berlin tätige Geiger Paul Dessau, der später als Komponist für das epische Theater berühmt wurde. Er arbeitete auch als Musik-Arrangeur für das Kino, als "Illustrator". Er zögerte nicht, Originalstücke umzuinstrumentieren und ihm nötig erscheinende Zwischenstücke selbst zu komponieren. 

In den 1910er Jahren lösten Filmorchester den Filmpianisten ab. Die Cue sheet-Praxis wurde auch für Orchester fortgesetzt. Wie schon in der Klaviermusik, basierten diese bildbezogenen Illustrationen auf der Tatsache, dass Musik sich in der Zeit entfaltet. Sie vermag es, motorische Bewegungen nachzuahmen oder auszudrücken, emotionalen Ausdruck zu verstärken oder sogar hinzuzufügen. 

1908 komponierte Camille Saint-Saëns ein Stück namens "L’Assassinat du Duc de Guise" ("Die Ermordung des Herzogs von Guise"). Gedacht war es für die Verfilmung der historischen Bluttat aus dem Jahr 1588. Für das Szenario zeichnete Henri Lavedan, ein Mitglied der Académie francaise verantwortlich, Regie führte Charles Le Bargy, Mitglied der Comédie-Francaise. Wie in vielen Filmen dieser Jahre, strebte man an, den Film aus dem Jahrmarkt-Umfeld herauszuheben und einem bürgerlichen Publikum zuzuführen. Die Musik dazu ging über eine Illustration weit hinaus.

Mit der Erfindung des Lichttonverfahrens wurde das detailgenaue Synchronisieren der Musik mit dem Filmstreifen möglich. Als Hilfsmittel wurden sogenannte Click tracks eingesetzt, in den Rand des Filmstreifens gestanzte kleine Löcher, die beim Anhören mit ihren Klicks über Kopfhörer dem Komponisten und Dirigenten zur zeitlichen Orientierung dienten. Für Musikeinsätze und Tempi gab es andere Orientierungshilfen wie punching holes, sichtbare Löcher, oder auch streamer, aufgemalte breite Striche und Streifen, ein System, das den Vorläufer der heute verwendeten timecodes am Rechner im Tonstudio bildete.

Die ersten Komponisten für den Tonfilm - Max Steiner, Erich Wolfgang Korngold, Franz Wachsmann und Miklos Rozsa - waren in der Tradition der abendländischen Kunstmusik ausgebildet. Hinzu kommt die Musical-Expertise bei Max Steiner, seine Fähigkeit, Songs zu kreieren oder der Jazz, den Franz Wachsmann liebte. In der Filmmusik wurde immer schon gern gemischt: Musicalsongs und Symphonik, Jazz und Oper - ganz im Dienste ihrer syntaktischen, dramaturgischen oder expressiven Funktion.

Filmmusik funktioniert, weil wir ihre Vokabeln verstehen. Man spricht von verwendeten topoi, herausstechenden musikalischen Merkmalen - wie Ostinati und Intervallen der kleinen Sekunde - von denen das westliche Publikum über Jahrhunderte gelernt hat, dass ihnen ein bestimmter Ausdruck anhaftet - und welcher.

Der Raum spielt eine zentrale Rolle in der Gestaltung von Sounds für Spielfilme durch Hans Zimmer. Nicht nur, dass durch digitale Wiedergabetechniken - Subwoofer und im Raum verteilte Lautsprecher - der Klang räumlich abgebildet werden kann; Hans Zimmer bezieht den Raum durch differenziert gestaltete Filterungsprozesse bereits am Synthesizer mit ein. In Santa Monica oder demnächst London wird nach 125 Jahren ihrer Geschichte durch Hans Zimmer die Zukunft der Filmmusik mitgestaltet.

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