Von der Ich-AG zur Wir-AG
Der Paritätische Wohlfahrtsverband in Thüringen will nichts unversucht lassen: Nachdem die Ich-AGs einen - na sagen wir - bescheidenen Erfolg hatten, initiiert er nun ein Gemeinschaftsmodell. Langzeitarbeitlose werden in diversen Seminaren und mit professioneller Einzelbetreuung begleitet auf ihrem Weg in eine gemeinsame Selbständigkeit. Das ganze läuft unter dem Titel "Sozialgenossenschaft" und funktioniert wie eine Wir-AG.
Willige Arbeitslose tun sich in der Rechtsform einer Genossenschaft zusammen und bieten - je nach erlernter Ausbildung - Dienstleistungen an: Kinderbetreuung, Catering, haushaltsnahe Dienstleistungen, ein Sozialkaufhaus u.a.m. Der Verdienst wird in einem Topf gesammelt, aus dem alle bezahlt werden. Einzelne können gefahrlos abspringen, neue dazukommen - eben, wie in einer Genossenschaft. Zurzeit läuft es in zwei Städten an - in Erfurt und in Eisenach.
"Ja. Also erstmal alle herzlich willkommen zu unserem heutigen Treffen hier im Family-Club ..."
Ein schlichter Seminarraum in einem flachen Plattenbau im Erfurter Norden.
"... heute wollen wir uns ja um die Satzung kümmern."
Neun Männer und Frauen sitzen um die Tische herum, Hefter mit Papier vor sich.
"So, ja, wollen wir gleich anfangen mit den Punkten. So, Name: wie heißt die Firma?"
Sie sind die, die eigentlich keine Chance mehr haben. Die Arbeitsmarktsituation, selbst wenn sie sich gerade ein klein wenig entspannt, gibt für die meisten von ihnen nicht mehr viel her. Eine Umschulung hier, eine Fortbildung da, aber keinen Job. Falscher Beruf, falscher Ort, falsche Zeit, zu alt, zu gering qualifiziert, zu krank. Klar, dass irgendwann die Motivation weg ist, jeder Antrieb, sich zu engagieren.
"Dann der Sitz: ‚politische Gemeinde, nicht Adresse’. Jetzt hab ich mal ne Frage: was ist damit gemeint? - Na: Landeshauptstadt Erfurt ..."
Aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Da gibt es diese Chance, und 15 gründungswillige Menschen nutzen sie.
Diese Gruppe, die sich hier im Familienzentrum eines Neubauviertels trifft, hat sich dafür entschieden, gemeinsam an einer Sache zu arbeiten. Sie hat ein Ziel: die langzeitarbeitslosen Männer und Frauen wollen wieder aktiv sein, arbeiten, nützlich sein. Es muss nicht gleich das große Geld bringen, vor allem wollen sie eine sinnvolle Aufgabe. Caroline Strautz hat den Kuli gezückt.
"Dann: Gegenstand: haushalts- und personennahe Dienstleistung. Insbesondere: da müssen wir jetzt unsere Geschäftsfelder aufzählen. Oder?"
"Sozialgenossenschaft Thüringen" wollen sie sich nennen und sie befinden sich gerade kurz vor der Gründung. Ende September soll sie über die Bühne gehen. Bis die Genossenschaft eingetragen ist, wird es Jahresende. Ab Januar nächsten Jahres soll - laut Plan - die Arbeit langsam starten.
"Wir haben doch vier große Bereiche. Da können wir doch die vier großen Bereiche einfach hin schreiben. Beratung und Betreuung war das, Familienevents, und eins fehlt noch - das war Umzugsservice. - Ach ja, wollen wir das erstmal rauslassen, den Umzugsservice? Also nehmen wir erstmal Beratung und Betreuung, haushaltsnahe Dienstleistungen und Familienevents."
Kindergeburtstage und Familienfeiern wollen sie ausgestalten, Kinder betreuen und im Haushalt helfen. Der Weg zur Gründung einer Sozialgenossenschaft ist lang. Die Bürokratie fordert ihren Tribut. Alles muss gut durchdacht werden und nun hier in einer Satzung münden. Allein und in Gruppen haben sie schon daran gebastelt. Jetzt wollen sie alles durchgehen und festhalten.
Der ganze Papierkram ist lästig, aber es wird auch von Mal zu Mal klarer, dass er nötig ist und manchmal sogar hilft, zu klären, worum es geht. Die Erfurter sind motiviert. Trotz Langzeitarbeitslosigkeit sind sie ehrenamtlich am Ball geblieben. Hier im Family-Club haben sie Kinderfeste veranstaltet, Kinder betreut, mit ihnen Hausaufgaben gemacht. Alle, die hier nun am Tisch sitzen, sind engagierte ‚Ehrenamtler’, die nun die Chance sehen, daraus einen Beruf zu machen. Mit ihren Berufen, die sie zu DDR-Zeiten gelernt haben, steht ihnen keine Tür mehr offen. Sie wurden frühzeitig gekündigt und haben keinen Einstieg mehr gefunden.
Alleine würden wohl die meisten ein solches Projekt nicht schultern. Die Hürde wäre zu hoch. Es ist unübersichtlich genug, die Vorgaben der Arbeitsagentur zu kennen und zu befolgen. Wie lange zahlt das Arbeitsamt? Ab wann ist was eine Existenzgründung? Wer fängt uns auf, wenn wir damit dann doch kein Geld verdienen? Wie viel kann ich dazu verdienen?
"Mal ne Frage: hat das Arbeitsamt eigentlich mit euch gesprochen? Also die wollten doch … deswegen, wegen dieser Frage, dass da jemand ne Antwort kriegt."
"Keine Stellungnahme, kein Garnichts."
Viele Fragen, viele juristische Details beschäftigen die Gruppe. Das ist Puzzlearbeit. Nicht jedem wurden die nötigen Fähigkeiten in die Wiege gelegt. Aber jeder hilft, so gut er kann. Der Einäugige ist unter den Blinden der König. Regina Söhle, eine Frau mittleren Alters, dunkle kurze Haare, hilft auf.
"Wenn ich von meiner Person ausgehe: ich kriege Hartz IV, ich hab schon einen Nebenjob, also ich kann nicht mehr als die 100 Euro dazuverdienen, das ist mit dem Nebenjob schon abgedeckt. Da ich darüber liege, ziehen sie mir vom Regelsatz noch was ab. Es ist nur diese Förderung: du kannst dazu verdienen. 100 Euro sind deine, was darüber liegt bis 400 sind 20 Prozent, der Rest wird vom Regelsatz abgezogen."
Die Gruppe ist gutwillig, aber irritiert. Woher soll man auch immer wissen, wer einem eigentlich wozu Auskunft geben kann und muss? Und wann die Arbeitsagentur entscheidet, die Leistungen zu kürzen? Da stehen existenzielle Fragen im Raum, so groß, wie ein unüberwindlicher Berg. Caroline Strautz:
"Was nützt mir das, wenn ich gesperrt bin und klein Geld kriege, da nützt alles nichts. Ich habe ein minderjähriges Kind, das ich ernähren muss. Wenn ich alleine wäre, würde ich es vielleicht nicht so eng sehen ..."
Im August letzten Jahres haben sie zufällig in einer Info-Veranstaltung des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Thüringen gesessen - hier im Family-Club. Da ging es um Genossenschaften. Der Geschäftsführer des Landesfamilienverbandes hat den Ehrenamtlichen Mut gemacht, das doch zu versuchen. Die Parität sagte zu, für sie eine Ausbildung und Begleitung zu organisieren.
Nun arbeiten die angehenden Sozialgenossenschaftler weiter ehrenamtlich in Erfurt und fahren zwei, dreimal pro Woche nach Neudietendorf, zum Sitz des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes beziehungsweise dessen Dienstleistungstochter Parisat.
Es ist ein modern ausgestatteter Tagungsraum in einer schick sanierten Villa in Neudietendorf, einer kleinen Gemeinde in der Nähe von Erfurt. 13 Männer und Frauen sitzen im Karree an Tischen. Eine gelernte Erzieherin, eine Köchin, ein Handwerker, eine Diplom-Ökonomin, eine Einzelhandelskauffrau u.a. - sie haben vor sich dicke Aktenordner mit der Aufschrift "Fortbildungsunterlagen". Es gibt Wasser und Cola, jemand reicht kleine Schokoladentäfelchen herum.
Im Podium sitzt ein freundlicher Herr mit dicken Gesetzesbüchern. Das Namensschild verrät: Rechtsanwalt Reinhard Degen.
"Erfahrungsgemäß kommt man - so komisch das klingt - am besten weg, man gestaltet sich eine Satzung, die den gesetzlichen Mindestanforderungen entspricht und sieht dann, wie sich die Tätigkeit der Genossenschaft gestaltet und muss dann durch Änderung eine Anpassung durchführen."
Gründungsqualifizierung nennt sich diese Veranstaltung. Ein Jahr lang kann man hier lernen, wie aus zahlreichen Enthusiasten eine Sozialgenossenschaft wird, an was man denken muss, was die Fallstricke sind. Finanziert wird die Schulung aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds, ausgereicht durch die Gesellschaft für Arbeits- und Wirtschaftsförderung Thüringen. Es ist ein Programm, das verhindern soll, planlos in den Irrgarten der deutschen Justiz zu rennen, um am Ende womöglich mit einem Berg Schulden da zu stehen. Knifflige Fragen werden besprochen. Was zum Beispiel muss man in die Genossenschaft einbringen, und was bekommt man wieder, wenn man ausscheidet?
"... zwischen denen, die ihre Mitgliedsanteile finanziell erbracht haben und (denen), die materielle Anteile, Sachbeiträge, erbracht haben. Denn irgendwann würde ich schon irgendwo - ich sag mal - meckern, wenn es jetzt in der Genossenschaft plötzlich ne Splittung gibt, welche haben finanzielle Einlagen, welche haben Sacheinlagen, jetzt stirbt das ganze Ding, und jetzt geht's um das Auszahlen. Ja, wie ist denn da Gerechtigkeit herzustellen?"
Ruhig und sachlich antwortet der Rechtsanwalt. Während die einen angestrengt mitschreiben, träumen sich andere aus dem Fenster.
Acht Stunden am Stück zuhören, nachdenken, mitreden - das ist eine Herausforderung nach vielen Jahren der Arbeitslosigkeit.
Noch ist nicht klar, ob alle Ende des Jahres Mit-Gründer werden.
Simone Krüger sicher schon. Sie steht für das zweite Standbein der Thüringer Sozialgenossenschaft, und das steht in Eisenach. Auch sie wurde von dem Verein angesprochen, in dem sie ehrenamtlich tätig ist, vom Netzwerk Frauen und Arbeit Eisenach.
"Gedacht habe ich eigentlich, dass es eine sehr gute Idee ist, eine Möglichkeit also, Menschen eine Arbeit zu verschaffen, besser gesagt, dass sich arbeitslose Menschen zusammenfinden, um sich selbst ihre Arbeit aufzubauen."
In der Mittagspause, wenn die Referenten nebenan in der Cafeteria essen gehen, packen die Hatz-IV-Empfänger ihre Stullen aus. Kurz nach der Wende wurde Simone Krüger arbeitslos. Große Sprünge kann sie nicht machen.
"Ich bin Datenverarbeitungskauffrau in meinem zweiten Beruf. Mein erster Beruf ist Zerspanungsfacharbeiter."
Doch auch die Umschulung half nichts. Qualifizierungen machten sie auf dem Arbeitsmarkt nicht interessanter. Sie tritt nun die Flucht nach vorn an.
"Ich habe mir überlegt, dass ich aufbaue die Kinderbetreuung von null bis zwölf Jahre - also das Kernalter, es aber öffnen werde bis 14, wo die Eltern sagen: ne, ich möchte nicht, dass mein Kind irgendwie auf der Straße herumrennt, während ich auf der Arbeit bin."
Die Mutter weiß, was es heißt, ein Kind zu haben und in Schichten arbeiten zu sollen. Aus der eigenen Geschichte kommt nun ihre Geschäftsidee. In ihrem Verein will sie einen Service anbieten - Kinderbetreuung sieben Tage die Woche, notfalls rund um die Uhr.
"Da speziell möchte ich, das wir hier Spät- und Nachtbetreuung anbieten vor allem für Schichtarbeiter, Polizisten, Krankenschwestern, die im Schichtbetrieb eingespannt sind."
Noch ist die Sache in der Planung. Einen Kurs für Tagesmütter möchte sie noch machen, weil sie selbst ja keine entsprechende Ausbildung hat. Sie hofft aber auch, pädagogisch ausgebildete Mitstreiterinnen zu gewinnen. Zur Genossenschaft können ja immer noch mehr dazu kommen. Das ist ja das Gute, dass man klein anfangen und dann stetig wachsen kann. Unklar ist ihr auch, wer Zuschüsse geben könnte. Sie hofft auf die Bundesfamilienministerin.
"Da ja Frau von der Leyen diesen ganzen Part aufbauen möchte, da haben wir uns gedacht: Da sind wir ein guter Ansprechpartner. Ich hoffe, dass da die Sozialgenossenschaften in Berlin gehört werden und in die Programme aufgenommen werden."
Genossenschaften entstanden in der Arbeiterbewegung aus der Idee, in Zeiten wirtschaftlicher Turbulenzen und Massenarbeitslosigkeit, ihren Mitgliedern Sicherheit zu verschaffen. Die Grundidee heißt Solidarität und Selbstorganisation. Mitglieder sind Miteigentümer, jedes Mitglied hat eine Stimme, alle Mitglieder werden gleichberechtigt gefördert. Es gibt keinen Mindestkapitaleinsatz, das heißt: auch Hatz-IV-Empfänger können eintreten, wenn denn ein ziviler Geschäftsanteil festgelegt wurde. Bei der Thüringer Sozialgenossenschaft zum Beispiel kaufen die Mitglieder mindestens fünf Anteile zu je 20 Euro. Und austreten können sie, ohne dass die ganze Genossenschaft in Schieflage gerät.
Seit den 1980er Jahren wird der Gedanke zunehmend wieder aufgegriffen, bisher aber gibt es nur wenige Gründungen.
"Entstanden ist die Idee durch die Änderungen im Genossenschaftsrecht 2006, wo es so geändert wurde, dass soziale und kulturelle Zwecke damit bedient werden können. Somit hat sich für uns die Überlegung aufgetan, im sozialen Bereich die Genossenschaft als Gesellschaftsform wieder aufleben zu lassen."
Monique Janson von Parisat, der Dienstleistungstochter des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Thüringen betreut die angehenden Sozialgenossenschaftler. Es gehe schlicht und ergreifend darum, Arbeitsplätze zu schaffen, sagt sie kurz und knapp, nach der Motivation befragt. Viele Vereine, die zum Paritätischen gehören, beschäftigen sich ja mit dieser Zielgruppe, es sei eine Chance, nun diese Menschen einzubinden und ihnen eine Perspektive zu geben.
"Es ist neu, es ist einfach innovativ im sozialen Bereich und soll im großen Bereich dazu dienen, Beschäftigung zu schaffen im personennahen und haushaltsnahen Bereich."
Viele Vorbilder gibt es noch nicht, sagt Monique Janson. Aber einige Sozialgenossenschaften funktionierten ganz gut. Ihr großes Plus: sie sind flexibel, sie sind vor Ort und kennen die Bedürfnisse. Die Einstiegshürden sind nicht so hoch, auch wenn in der Vorphase viel Arbeit zu leisten ist. Wichtig sei, dass die Gruppe den Genossenschaftsgedanken verinnerlichen kann. Ein bisschen verstehen müsse man sich da schon. Parisat organisiert die Rückendeckung.
"Also diese Qualifizierung, die wir anbieten, ist einfach auch einmalig, weil wir sagen: die Leute brauchen eben auch noch einen Rahmen für diese Gründung. Man möchte sie einfach auch nicht ins kalte Wasser schubsen. Besonders intensiv ist eben auch die Betreuung und Begleitung durch uns, durch Parisat. Und eben die fachlich kompetente Vermittlung der Inhalte, die wichtig für die Gründung sind. Angefangen von Buchhaltung, rechtliche Fragen, von Moderation, wie sich ne Gruppe entwickelt, Marketing, Öffentlichkeitsarbeit - also das ist alles mit enthalten."
Anfang nächsten Jahres will die Thüringer Sozialgenossenschaft in Erfurt und Eisenach ihre Arbeit aufnehmen und dann möglichst schnell wachsen. Sie wollen wieder dazugehören zu denen, die Spaß am Leben und an der Arbeit haben. Und nebenbei: miteinander auch.
"Ja. Also erstmal alle herzlich willkommen zu unserem heutigen Treffen hier im Family-Club ..."
Ein schlichter Seminarraum in einem flachen Plattenbau im Erfurter Norden.
"... heute wollen wir uns ja um die Satzung kümmern."
Neun Männer und Frauen sitzen um die Tische herum, Hefter mit Papier vor sich.
"So, ja, wollen wir gleich anfangen mit den Punkten. So, Name: wie heißt die Firma?"
Sie sind die, die eigentlich keine Chance mehr haben. Die Arbeitsmarktsituation, selbst wenn sie sich gerade ein klein wenig entspannt, gibt für die meisten von ihnen nicht mehr viel her. Eine Umschulung hier, eine Fortbildung da, aber keinen Job. Falscher Beruf, falscher Ort, falsche Zeit, zu alt, zu gering qualifiziert, zu krank. Klar, dass irgendwann die Motivation weg ist, jeder Antrieb, sich zu engagieren.
"Dann der Sitz: ‚politische Gemeinde, nicht Adresse’. Jetzt hab ich mal ne Frage: was ist damit gemeint? - Na: Landeshauptstadt Erfurt ..."
Aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Da gibt es diese Chance, und 15 gründungswillige Menschen nutzen sie.
Diese Gruppe, die sich hier im Familienzentrum eines Neubauviertels trifft, hat sich dafür entschieden, gemeinsam an einer Sache zu arbeiten. Sie hat ein Ziel: die langzeitarbeitslosen Männer und Frauen wollen wieder aktiv sein, arbeiten, nützlich sein. Es muss nicht gleich das große Geld bringen, vor allem wollen sie eine sinnvolle Aufgabe. Caroline Strautz hat den Kuli gezückt.
"Dann: Gegenstand: haushalts- und personennahe Dienstleistung. Insbesondere: da müssen wir jetzt unsere Geschäftsfelder aufzählen. Oder?"
"Sozialgenossenschaft Thüringen" wollen sie sich nennen und sie befinden sich gerade kurz vor der Gründung. Ende September soll sie über die Bühne gehen. Bis die Genossenschaft eingetragen ist, wird es Jahresende. Ab Januar nächsten Jahres soll - laut Plan - die Arbeit langsam starten.
"Wir haben doch vier große Bereiche. Da können wir doch die vier großen Bereiche einfach hin schreiben. Beratung und Betreuung war das, Familienevents, und eins fehlt noch - das war Umzugsservice. - Ach ja, wollen wir das erstmal rauslassen, den Umzugsservice? Also nehmen wir erstmal Beratung und Betreuung, haushaltsnahe Dienstleistungen und Familienevents."
Kindergeburtstage und Familienfeiern wollen sie ausgestalten, Kinder betreuen und im Haushalt helfen. Der Weg zur Gründung einer Sozialgenossenschaft ist lang. Die Bürokratie fordert ihren Tribut. Alles muss gut durchdacht werden und nun hier in einer Satzung münden. Allein und in Gruppen haben sie schon daran gebastelt. Jetzt wollen sie alles durchgehen und festhalten.
Der ganze Papierkram ist lästig, aber es wird auch von Mal zu Mal klarer, dass er nötig ist und manchmal sogar hilft, zu klären, worum es geht. Die Erfurter sind motiviert. Trotz Langzeitarbeitslosigkeit sind sie ehrenamtlich am Ball geblieben. Hier im Family-Club haben sie Kinderfeste veranstaltet, Kinder betreut, mit ihnen Hausaufgaben gemacht. Alle, die hier nun am Tisch sitzen, sind engagierte ‚Ehrenamtler’, die nun die Chance sehen, daraus einen Beruf zu machen. Mit ihren Berufen, die sie zu DDR-Zeiten gelernt haben, steht ihnen keine Tür mehr offen. Sie wurden frühzeitig gekündigt und haben keinen Einstieg mehr gefunden.
Alleine würden wohl die meisten ein solches Projekt nicht schultern. Die Hürde wäre zu hoch. Es ist unübersichtlich genug, die Vorgaben der Arbeitsagentur zu kennen und zu befolgen. Wie lange zahlt das Arbeitsamt? Ab wann ist was eine Existenzgründung? Wer fängt uns auf, wenn wir damit dann doch kein Geld verdienen? Wie viel kann ich dazu verdienen?
"Mal ne Frage: hat das Arbeitsamt eigentlich mit euch gesprochen? Also die wollten doch … deswegen, wegen dieser Frage, dass da jemand ne Antwort kriegt."
"Keine Stellungnahme, kein Garnichts."
Viele Fragen, viele juristische Details beschäftigen die Gruppe. Das ist Puzzlearbeit. Nicht jedem wurden die nötigen Fähigkeiten in die Wiege gelegt. Aber jeder hilft, so gut er kann. Der Einäugige ist unter den Blinden der König. Regina Söhle, eine Frau mittleren Alters, dunkle kurze Haare, hilft auf.
"Wenn ich von meiner Person ausgehe: ich kriege Hartz IV, ich hab schon einen Nebenjob, also ich kann nicht mehr als die 100 Euro dazuverdienen, das ist mit dem Nebenjob schon abgedeckt. Da ich darüber liege, ziehen sie mir vom Regelsatz noch was ab. Es ist nur diese Förderung: du kannst dazu verdienen. 100 Euro sind deine, was darüber liegt bis 400 sind 20 Prozent, der Rest wird vom Regelsatz abgezogen."
Die Gruppe ist gutwillig, aber irritiert. Woher soll man auch immer wissen, wer einem eigentlich wozu Auskunft geben kann und muss? Und wann die Arbeitsagentur entscheidet, die Leistungen zu kürzen? Da stehen existenzielle Fragen im Raum, so groß, wie ein unüberwindlicher Berg. Caroline Strautz:
"Was nützt mir das, wenn ich gesperrt bin und klein Geld kriege, da nützt alles nichts. Ich habe ein minderjähriges Kind, das ich ernähren muss. Wenn ich alleine wäre, würde ich es vielleicht nicht so eng sehen ..."
Im August letzten Jahres haben sie zufällig in einer Info-Veranstaltung des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Thüringen gesessen - hier im Family-Club. Da ging es um Genossenschaften. Der Geschäftsführer des Landesfamilienverbandes hat den Ehrenamtlichen Mut gemacht, das doch zu versuchen. Die Parität sagte zu, für sie eine Ausbildung und Begleitung zu organisieren.
Nun arbeiten die angehenden Sozialgenossenschaftler weiter ehrenamtlich in Erfurt und fahren zwei, dreimal pro Woche nach Neudietendorf, zum Sitz des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes beziehungsweise dessen Dienstleistungstochter Parisat.
Es ist ein modern ausgestatteter Tagungsraum in einer schick sanierten Villa in Neudietendorf, einer kleinen Gemeinde in der Nähe von Erfurt. 13 Männer und Frauen sitzen im Karree an Tischen. Eine gelernte Erzieherin, eine Köchin, ein Handwerker, eine Diplom-Ökonomin, eine Einzelhandelskauffrau u.a. - sie haben vor sich dicke Aktenordner mit der Aufschrift "Fortbildungsunterlagen". Es gibt Wasser und Cola, jemand reicht kleine Schokoladentäfelchen herum.
Im Podium sitzt ein freundlicher Herr mit dicken Gesetzesbüchern. Das Namensschild verrät: Rechtsanwalt Reinhard Degen.
"Erfahrungsgemäß kommt man - so komisch das klingt - am besten weg, man gestaltet sich eine Satzung, die den gesetzlichen Mindestanforderungen entspricht und sieht dann, wie sich die Tätigkeit der Genossenschaft gestaltet und muss dann durch Änderung eine Anpassung durchführen."
Gründungsqualifizierung nennt sich diese Veranstaltung. Ein Jahr lang kann man hier lernen, wie aus zahlreichen Enthusiasten eine Sozialgenossenschaft wird, an was man denken muss, was die Fallstricke sind. Finanziert wird die Schulung aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds, ausgereicht durch die Gesellschaft für Arbeits- und Wirtschaftsförderung Thüringen. Es ist ein Programm, das verhindern soll, planlos in den Irrgarten der deutschen Justiz zu rennen, um am Ende womöglich mit einem Berg Schulden da zu stehen. Knifflige Fragen werden besprochen. Was zum Beispiel muss man in die Genossenschaft einbringen, und was bekommt man wieder, wenn man ausscheidet?
"... zwischen denen, die ihre Mitgliedsanteile finanziell erbracht haben und (denen), die materielle Anteile, Sachbeiträge, erbracht haben. Denn irgendwann würde ich schon irgendwo - ich sag mal - meckern, wenn es jetzt in der Genossenschaft plötzlich ne Splittung gibt, welche haben finanzielle Einlagen, welche haben Sacheinlagen, jetzt stirbt das ganze Ding, und jetzt geht's um das Auszahlen. Ja, wie ist denn da Gerechtigkeit herzustellen?"
Ruhig und sachlich antwortet der Rechtsanwalt. Während die einen angestrengt mitschreiben, träumen sich andere aus dem Fenster.
Acht Stunden am Stück zuhören, nachdenken, mitreden - das ist eine Herausforderung nach vielen Jahren der Arbeitslosigkeit.
Noch ist nicht klar, ob alle Ende des Jahres Mit-Gründer werden.
Simone Krüger sicher schon. Sie steht für das zweite Standbein der Thüringer Sozialgenossenschaft, und das steht in Eisenach. Auch sie wurde von dem Verein angesprochen, in dem sie ehrenamtlich tätig ist, vom Netzwerk Frauen und Arbeit Eisenach.
"Gedacht habe ich eigentlich, dass es eine sehr gute Idee ist, eine Möglichkeit also, Menschen eine Arbeit zu verschaffen, besser gesagt, dass sich arbeitslose Menschen zusammenfinden, um sich selbst ihre Arbeit aufzubauen."
In der Mittagspause, wenn die Referenten nebenan in der Cafeteria essen gehen, packen die Hatz-IV-Empfänger ihre Stullen aus. Kurz nach der Wende wurde Simone Krüger arbeitslos. Große Sprünge kann sie nicht machen.
"Ich bin Datenverarbeitungskauffrau in meinem zweiten Beruf. Mein erster Beruf ist Zerspanungsfacharbeiter."
Doch auch die Umschulung half nichts. Qualifizierungen machten sie auf dem Arbeitsmarkt nicht interessanter. Sie tritt nun die Flucht nach vorn an.
"Ich habe mir überlegt, dass ich aufbaue die Kinderbetreuung von null bis zwölf Jahre - also das Kernalter, es aber öffnen werde bis 14, wo die Eltern sagen: ne, ich möchte nicht, dass mein Kind irgendwie auf der Straße herumrennt, während ich auf der Arbeit bin."
Die Mutter weiß, was es heißt, ein Kind zu haben und in Schichten arbeiten zu sollen. Aus der eigenen Geschichte kommt nun ihre Geschäftsidee. In ihrem Verein will sie einen Service anbieten - Kinderbetreuung sieben Tage die Woche, notfalls rund um die Uhr.
"Da speziell möchte ich, das wir hier Spät- und Nachtbetreuung anbieten vor allem für Schichtarbeiter, Polizisten, Krankenschwestern, die im Schichtbetrieb eingespannt sind."
Noch ist die Sache in der Planung. Einen Kurs für Tagesmütter möchte sie noch machen, weil sie selbst ja keine entsprechende Ausbildung hat. Sie hofft aber auch, pädagogisch ausgebildete Mitstreiterinnen zu gewinnen. Zur Genossenschaft können ja immer noch mehr dazu kommen. Das ist ja das Gute, dass man klein anfangen und dann stetig wachsen kann. Unklar ist ihr auch, wer Zuschüsse geben könnte. Sie hofft auf die Bundesfamilienministerin.
"Da ja Frau von der Leyen diesen ganzen Part aufbauen möchte, da haben wir uns gedacht: Da sind wir ein guter Ansprechpartner. Ich hoffe, dass da die Sozialgenossenschaften in Berlin gehört werden und in die Programme aufgenommen werden."
Genossenschaften entstanden in der Arbeiterbewegung aus der Idee, in Zeiten wirtschaftlicher Turbulenzen und Massenarbeitslosigkeit, ihren Mitgliedern Sicherheit zu verschaffen. Die Grundidee heißt Solidarität und Selbstorganisation. Mitglieder sind Miteigentümer, jedes Mitglied hat eine Stimme, alle Mitglieder werden gleichberechtigt gefördert. Es gibt keinen Mindestkapitaleinsatz, das heißt: auch Hatz-IV-Empfänger können eintreten, wenn denn ein ziviler Geschäftsanteil festgelegt wurde. Bei der Thüringer Sozialgenossenschaft zum Beispiel kaufen die Mitglieder mindestens fünf Anteile zu je 20 Euro. Und austreten können sie, ohne dass die ganze Genossenschaft in Schieflage gerät.
Seit den 1980er Jahren wird der Gedanke zunehmend wieder aufgegriffen, bisher aber gibt es nur wenige Gründungen.
"Entstanden ist die Idee durch die Änderungen im Genossenschaftsrecht 2006, wo es so geändert wurde, dass soziale und kulturelle Zwecke damit bedient werden können. Somit hat sich für uns die Überlegung aufgetan, im sozialen Bereich die Genossenschaft als Gesellschaftsform wieder aufleben zu lassen."
Monique Janson von Parisat, der Dienstleistungstochter des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Thüringen betreut die angehenden Sozialgenossenschaftler. Es gehe schlicht und ergreifend darum, Arbeitsplätze zu schaffen, sagt sie kurz und knapp, nach der Motivation befragt. Viele Vereine, die zum Paritätischen gehören, beschäftigen sich ja mit dieser Zielgruppe, es sei eine Chance, nun diese Menschen einzubinden und ihnen eine Perspektive zu geben.
"Es ist neu, es ist einfach innovativ im sozialen Bereich und soll im großen Bereich dazu dienen, Beschäftigung zu schaffen im personennahen und haushaltsnahen Bereich."
Viele Vorbilder gibt es noch nicht, sagt Monique Janson. Aber einige Sozialgenossenschaften funktionierten ganz gut. Ihr großes Plus: sie sind flexibel, sie sind vor Ort und kennen die Bedürfnisse. Die Einstiegshürden sind nicht so hoch, auch wenn in der Vorphase viel Arbeit zu leisten ist. Wichtig sei, dass die Gruppe den Genossenschaftsgedanken verinnerlichen kann. Ein bisschen verstehen müsse man sich da schon. Parisat organisiert die Rückendeckung.
"Also diese Qualifizierung, die wir anbieten, ist einfach auch einmalig, weil wir sagen: die Leute brauchen eben auch noch einen Rahmen für diese Gründung. Man möchte sie einfach auch nicht ins kalte Wasser schubsen. Besonders intensiv ist eben auch die Betreuung und Begleitung durch uns, durch Parisat. Und eben die fachlich kompetente Vermittlung der Inhalte, die wichtig für die Gründung sind. Angefangen von Buchhaltung, rechtliche Fragen, von Moderation, wie sich ne Gruppe entwickelt, Marketing, Öffentlichkeitsarbeit - also das ist alles mit enthalten."
Anfang nächsten Jahres will die Thüringer Sozialgenossenschaft in Erfurt und Eisenach ihre Arbeit aufnehmen und dann möglichst schnell wachsen. Sie wollen wieder dazugehören zu denen, die Spaß am Leben und an der Arbeit haben. Und nebenbei: miteinander auch.
