Von der englischen Gartenstadt zum Wohnghetto

Die Gropiusstadt im Süden Neuköllns © Joachim Dresdner
Von Jochen Stöckmann · 07.11.2012
Der frühere Bauhaus-Direktor Walter Gropius legte heute vor 50 Jahren mit Willy Brandt zusammen den Grundstein für die "Gropiusstadt" in Berlin. Das Projekt einer aufgelockerten Wohnsiedlung scheiterte bereits kurz nach der Grundsteinlegung.
"Glück und Erfolg den Männern vom Bau, die hier schaffen werden. Glück und Erfolg den Mitbürgerinnen und Mitbürgern, die hier wohnen werden. Glück und Erfolg unserem geliebten Berlin."

Als Berlins Regierender Bürgermeister Willy Brandt am 7. November 1962 feierlich den Grundstein legte für eine Großsiedlung mit etwa 18.000 Wohneinheiten, da trug das Projekt noch den Namen BBR, als Abkürzung für die drei Gemeinden Britz-Buckow-Rudow. In Britz hatte in den zwanziger Jahren Bruno Taut die sogenannte "Hufeisensiedlung" gebaut, eine aufgelockerte Wohnanlage im Grünen. Ähnliches hatte man von Walter Gropius erwartet, an dessen amerikanisches Büro TAC der Auftrag für die Planung des neuen Stadtteils 1959 gegangen war und in dessen Festrede nun die sozialreformerischen Visionen des ehemaligen Bauhaus-Architekten mitschwangen:

"Für die nervenerprobten tapferen Berliner, die dicht an der Ostsektorengrenze bald ein neues Leben anfangen werden."

Mit der Erwähnung der Sektorengrenze hatte Gropius eine 1961 mit dem Mauerbau neu geschaffene Tatsache gestreift, die seine großzügigen, an der englischen Gartenstadt orientierten Planungen am Ende zunichtemachen sollte: Durch die endgültige Teilung war in Berlin Bauland knapp geworden und nicht nur der Senatsbaudirektor Werner Düttmann forderte eine "Entlastungsstadt", eine Trabantensiedlung mit möglichst viel Wohnraum für möglichst viele Menschen. Das bedeutete eine Abkehr von jener Stadtbaupolitik, auf die Willy Brandt noch einmal zurückblickte:

"Wir durften den traurigen Ruhm für uns in Anspruch nehmen, die größte Trümmerwüste in diesem Teil der Welt zu sein. Nun, in Berlin ist inzwischen gearbeitet worden, es ist viel und es ist im Ganzen gut gebaut worden. Ich bin ganz besonders froh darüber, dass wir uns zu dieser Grundsteinlegung gemeinsam mit Herrn Professor Gropius versammelt haben. Und wir sind ihm dankbar, dass er zu uns gekommen ist."

Weniger das "gute Bauen" als vielmehr wirtschaftliche Erfordernisse wie optimale Flächennutzung durch Erhöhung der sogenannten Geschossflächenzahl oder die Verdichtung standen bald im Vordergrund. Die nachträgliche Verbesserung der Infrastruktur mit zusätzlichen Kindergärten, Schulen oder einem Kulturzentrum erwies sich allenfalls als Kurieren an Symptomen: Ende der Siebziger geriet die Großsiedlung als Schlafsilo, Wohnghetto oder Arbeiterschließfächer in die Kritik. Denn bei der Realisierung von Gropius‘ Masterplan war eine Vielzahl einzelner Architekten beteiligt, die sich dem Druck der Bauwirtschaft kaum widersetzen konnten oder mochten. So entstanden bis Ende der sechziger Jahre Reihenhäuser im Schatten monotoner Plattenbauten, überragt von einigen Hochhäusern wie dem sogenannten Ideal-Turm mit 31 Stockwerken, breitete sich eine Masse kettenförmig aneinandergereihter Wohnblöcke aus. Und bereits wenige Monate nach der Grundsteinlegung war die Resignation von Gropius in seinem ersten Resümee unüberhörbar:

"Es waren gute und schlechte Projekte darunter, sie waren nicht aufeinander bezogen. Sie passten an den Säumen nicht zusammen."

1972, drei Jahre nach dem Tod des Architekten, erhielt das von ihm nicht geliebte, weil so sehr von seinen ursprünglichen Planungen abweichende Großprojekt offiziell den Namen "Gropiusstadt". Wenig später wurde die Trabantenstadt als "sozialer Brennpunkt" bundesweit bekannt: dort war Christiane F. aufgewachsen, die drogenabhängige Prostituierte aus der autobiographischen Dokumentation "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo". Die Versprechungen von Karl-Heinz Peters, dem Geschäftsführer des Bauträgers, der Wohnbaugenossenschaft GEHAG, erwiesen sich als Fehlprognosen:
"Teilweise leben die Menschen noch auf der Baustelle, aber ich glaube in ein paar Jahren wird dieses Gefühl des Zusammengehörigseins hier in der Gropiusstadt genauso kommen wie wir es in den alten Stadtvierteln haben."

Mit den alten Stadtvierteln war der sogenannte "Kiez" gemeint - aber der bestand aus mehr als nur aus Wohnflächen, Verkehrsverbindungen und Infrastruktur: es war stets ein Sozialraum - und der lässt sich nun einmal nicht am Reißbrett planen.
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