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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.08.2013

Von der Apokalypse besessen

Nathaniel Rich: "Schlechte Aussichten", Klett-Cotta, Stuttgart 2013, 352 Seiten

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Erdbeben und Tsunami in Japan am 11. März 2011 (picture alliance / dpa / Aflo)
Erdbeben und Tsunami in Japan am 11. März 2011 (picture alliance / dpa / Aflo)

Tsunamis, Vulkanausbrüche oder Terroranschläge - Katastrophen begeistern den Protagonisten in Nathaniel Richs Roman "Schlechte Aussichten". Der Apokalypsen-Fanatiker macht seine Leidenschaft zum Beruf: Er berät Konzerne, die im Katastrophenfall nicht für die Schäden haften wollen.

"Andere Leute phantasieren von überraschenden Erbschaften, Liebe auf den ersten Blick und endlosen weißen Himmelsauen. Mitchell träumte von einem ausbrechenden Supervulkan, der Nordamerika unter einem halben Meter Asche begrub."

Nathaniel Richs Protagonist ist ein von Logikspielen faszinierter Student. Sich gewaltige Katastrophen vorzustellen, hat für ihn etwas Befreiendes. Dazu passt, dass es Mitchell zu einer Kommilitonin zieht, die am Brugada-Syndrom leidet und jeden Moment tot umfallen kann. Nachdem Mitchell ein verheerendes Seebeben im Sund von Seattle vorhergesehen hatte, flüchtete sich die Studentin in eine Landkommune. Er selbst zog nach New York. Soweit die Ausgangssituation, aus der heraus Nathaniel Rich sukzessive ein veritables Untergangsszenario entwickelt.

Mitchell heuert als Fachmann für Risikomanagement in dem auf Havarien spezialisierten Unternehmen Futureworld an. Dieses kalkuliert die Kosten von zu erwartenden Katastrophen, spricht seine Klienten von jeglicher Haftung frei und reicht den schwarzen Peter weiter an Versicherungen, die nicht mehr imstande sind, die anfallenden Entschädigungen zu leisten. Subtil beschreibt Rich, wie der von Naturkatastrophen faszinierte Mitchell schnell in die Rolle einer Kassandra schlüpft. Während Troja brannte, saß die Seherin gelassen an ihrem Webstuhl.

Ein neues Amerika für neue Amerikaner

Im Unterschied zu seinen Arbeitgebern ist Mitchell indes kein Zyniker. Rich schickt seinen Protagonisten wiederholt in Bibliotheken, wo dieser sich ein enzyklopädisches Wissen über Evakuierungsrouten und Gefahrenzonen aneignet sowie Pläne zum Einsatz der Rettungskräfte in Manhattan studiert. Der Autor selbst hat vermutlich nichts anderes getan. Er liebt detaillierte Beschreibungen, verliert sich aber nie darin. Alles bleibt anschaulich und auf unheimliche Weise vorstellbar. Auch, dass das FBI den in Bibliotheken hockenden Albtraumanalysten kurzzeitig beschatten lässt.

Nathaniel Rich lebt seit 2010 in New Orleans. Dort beobachtet er, wie Pflanzen durch den Hurricane Katrina zerstörte Stadtteile mehr und mehr überwuchern. Er vermutet, dass in fünfzig Jahren kaum mehr Menschen die amerikanischen Küstenstädte bewohnen werden. Seine Fiktion von der Überflutung der "Himmelsstadt" Manhattan hat etwas Beklemmendes, denn Rich hatte das Romanmanuskript gerade abgeschlossen, als im Oktober 2012 Sandy durch die Metropole fegte und U-Bahnschächte voll Wasser liefen. Die Seiten, in denen der Autor das bizarre Gleiten eines Kanus durch graue Fluten beschreibt, gehören zu den schönsten dieses verstörend futuristischen Romans.

Am Ende wird Mitchell ein Stück Erde auf verlassenem Grund beackern. Er will "sein eigenes, in sich geschlossenes Universum" schaffen; ausscheren aus dem Kreislauf von Angst und Paranoia. Nathaniel Rich sieht eine Zukunft, in der eine Spezies neuer Siedler wacklige Hütten baut und auf schiefen Böden schläft. Selbstgenügsamkeit, diese eine Qualität, könnte schon das ganze Programm der Streiter für "ein neues Amerika und neue Amerikaner" ausmachen. Zu wenig, gewiss, aber eben auch unabdingbar für jeden, der sich ernsthaft nach einem "ethisch tadellosen Leben" sehnt.

Besprochen von Sigrid Brinkmann

Nathaniel Rich: Schlechte Aussichten
Aus dem Amerikanischen von Hannes Riffe
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2013
352 Seiten, 21,95 Euro

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