Von den Romantikern lernen

Moderation: Jürgen König · 13.09.2007
In seinem zweiteiligen Werk "Romantik – Eine deutsche Affäre" schlägt der Philosoph Rüdiger Safranski einen großen historischen Bogen. Er untersucht den Einfluss der innovativen Bewegung bis zur 68er Bewegung. Nach dem Motto "Es ist eine Lust, ein Ich zu sein" hätten die Romantiker ihre Fähigkeiten entfaltet.
Safranski: Romantik entsteht in diesem Moment, wo – angeregt auch durch die französische Revolution – ein neuer Individualismus Platz greift. Es ist eine Lust, ein Ich zu sein. So könnten die Romantiker gesagt haben. Und man entdeckt eine Schatzgrube in den eigenen Fähigkeiten der Phantasie, der Imagination, der Einbildungskraft, der Spekulation. Und es ist eine Lust, mit allem zu experimentieren und auszuprobieren. Übrigens nicht nur in der Literatur, sondern die erste Generation der Romantiker waren auch ganz lebensreformerisch eingestellt. Das Leben sollte sich verändern. Sie gründen Wohngemeinschaften in Jena, die Frauen sollen emanzipiert werden und melden sich auch zu Wort, die großen Frauenfiguren – Caroline Schlegel und nachher Rahel Varnhagen und Henriette Herz mit ihren Salons. Das ist also auch ein Stück romantischer Lebensreform. Die Romantiker wollten das Prinzip Revolution in die Literatur verpflanzen, in die Philosophie, in die Lebensformen, wie ich eben sagte. Und das ist das Aufbruchshafte und Beschwingte der ersten Generation.

König: Lassen Sie uns zum zweiten Teil des Buches kommen, überschrieben "Das Romantische". Ein ideengeschichtlicher Abriss von Hegel über Wagner und Nietzsche über die Romantik als geistige Vorgeschichte des Nazi-Unheils bis hin zu den 68ern, über die Sie schreiben: "Die 68er lasen Karl Marx und redeten unablässig über Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse, aber eigentlich standen sie dem Taugenichts näher." Gemeint ist der fröhlich Geige spielende Wanderer aus der Novelle von Eichendorff. Wäre das Ihr Fazit über diese Generation, eine verantwortungslose Spielschar der Ich-verliebten und Tagträumer?

Safranski: Na ja, doch, doch, ich war ja auch dabei. Ich kann das ja auch aus der Innenperspektive sehen, da ist schon was dran. Man muss ja dann sagen, wenn man jetzt einen weiteren Begriff des Romantischen verwendet, den ich dann im zweiten Teil auch verwende, ist es ja eine lustvolle Überschreitung des Realitätsprinzips und eine Bereicherung durch alles Mögliche, vor allem aber auch eine, na ja, das Dionysische. Deswegen habe ich ein Kapitel auch über Wagner und Nietzsche, also die 68er, das Dionysische, diese mit den erotischen Untertönen, das war ja nun wirklich sehr, sehr stark. Man muss nur an die Musik denken. Man versteht ja die 68er Zeit nicht, wenn man nicht diesen Musikteppich hört. Also die "Doors" und die "Pink Floyd". Schauen Sie, was haben wir damals gesagt? Es ging auch darum, wenn es nicht ganz hart politisch zuging, da ging es um Bewusstseinserweiterung, auch mit allen möglichen Hilfsmitteln, denen übrigens auch die historischen Romantiker zugewandt waren. In Novalis-Gedichten tauchte der Mohn auf, taucht das Rauschmittel auf. Also von dieser Seite her gesehen ist das eine Jugendbewegung gewesen, die mit starkem romantischen Schub gearbeitet hat.

König: Lassen Sie uns den Bogen noch bis in unsere Gegenwart zu Ende führen. Sie schreiben auch, was die Romantiker von der Postmoderne unterscheide, sei, dass die Romantiker meinten, noch etwas vor sich zu haben, während die Postmodernen schon glauben, alles hinter sich zu haben. Das steht, sagen wir ruhig, so sehr nebenbei in Ihrem Buch, wird nicht weiter ausgeführt, aber ich habe mir gedacht, das könnte schon ein zentraler Gedanke des Buches sein, der Postmoderne vorzuführen, wie es ist zu leben mit dem Gefühl, noch etwas vor sich zu haben. Ist das ein zentraler Gedanke?

Safranski: Ja, das ist es, ja, und das haben Sie gut rausgespürt, natürlich, dieses Lebensgefühl. Man muss auch schon sagen, darum kann man die Romantiker beneiden, weil man es ja nicht so sehr ganz in der Hand hat. Die historische Situation ist so, ist so. Wir haben es nicht vollkommen in der Hand, uns eine Situation zu schaffen, in der wir sehr, sehr viel Frohgemutes vor uns haben. Es kommt auch darauf an, von der Romantik insofern zu lernen. Die Romantiker waren mit ihrem Gefühl, etwas vor sich zu haben und ins Offene hinauszukommen, waren sie auch große Virtuosen und Künstler der Autosuggestion. Die haben sich auch unglaublich viel eingeredet und konnten diese Technik, sich selbst hoch zu stimmen und in Stimmung zu versetzen, die konnten sie auch benützen. Und an diesem Punkt können wir dann auch von den Romantikern lernen. Um in einen besseren Zustand hineinzukommen, da können wir einiges doch auch selber machen. Diese Art bis hin zur Selbstberauschung, diese Art, die die Romantiker gepflegt haben, sich selber sozusagen, wie sie auch sagen, sich selber zu vivifizieren, das ist der Ausdruck bei Novalis, also sich selber zu beleben und nicht schon halbtot zu sein, ehe man ganz tot ist.

König: "Und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort." Mit diesem Eichendorff-Zitat beginnt Rüdiger Safranski sein Buch "Romantik. Eine deutsche Affäre". Es ist im Hanser Verlag erschienen, hat 415 Seiten, kostet 24,90 Euro. Herr Safranski, vielen Dank!

Safranski: Ich danke Ihnen auch!